[CXVII] Joh. Kinder.
Von Seiten der Preussischen Staatsregierung wurde dem neubegründeten Institute in der Folge auch eine finanzielle Beihilfe (zunächst auf fünf Jahre) zu teil, sodass ein recht glücklicher Anfang für das lediglich durch Privat-Initiative ins Werk gesetzte Unternehmen zu verzeichnen gewesen ist.
Der Studien-Aufenthalt in dieser ersten „Biologischen Süsswasser-Station“ ist Jedem gestattet, der die zum selbständigen Arbeiten erforderlichen Vorkenntnisse mitbringt. Insbesondere freilich sind die fünf vorhandenen Arbeitsplätze für Naturforscher von Fach bestimmt, welche am Grossen Plöner See zoologische, pflanzenphysiologische oder auf das Fischereiwesen bezügliche Beobachtungen anstellen wollen. Für alle diese Zwecke sind in der Station die geeigneten Hilfsmittel (Fahrzeuge, Fanggerätschaften, Mikroskope, Reagentien und Aquarien) vorhanden.
Wer davon unterrichtet ist, mit welch interessanten Lebensformen uns die letztjährigen Durchforschungen unserer heimatlichen Tümpel, Teiche und Seen bekannt gemacht haben, der wird die Nachricht von der Begründung einer Dauerstation zur näheren Untersuchung jener Organismen mit aufrichtiger Genugthuung begrüssen. Die Umgebung von Plön ist in vorzüglicher Weise für diesen Zweck geeignet, insofern das Thal des Schwentine-Flusses, in welchem das freundliche Städtchen gelegen ist, fast lediglich aus einer Aneinanderreihung von Wasserbecken besteht, von denen die kleinsten so gross sind wie unsere ansehnlichsten mitteldeutschen Seen. Hier ist also ein weites Feld für faunistische und biologische Forschungen eröffnet, d. h. für Studien, welche die Feststellung der verschiedenen Tier- und Pflanzenorganismen des Süsswassers und die Ermittelung von deren Existenzbedingungen zum Ziel haben.
Fig. 51. Die Biologische Station zu Plön.
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GRÖSSERES BILD
Im Hinblick auf den Reichtum an Lebewesen, welchen das Meer in seinem Schosse birgt, waren Viele von der Ansicht beherrscht, dass es sich wohl erst gar nicht verlohne, Zeit und Kraft an die Gewässer des Binnenlandes zu verschwenden. So wurde die Süsswassertierwelt allmählich zum Aschenbrödel der wissenschaftlichen Zoologie degradiert, und wer sich wirklich noch damit abgab, lief Gefahr, von seinen für das Salzwasser schwärmenden Fachgenossen als ein nicht ganz ebenbürtiges Mitglied der Forschergilde betrachtet zu werden. Glücklicherweise giebt es aber zu jeder Zeit Leute, die den Mut haben, allgemeinen Vorurteilen zu trotzen, und so hat auch die Süsswasserfauna in den jüngstverflossenen zwei Jahrzehnten ihre Freunde und Bearbeiter gefunden. Männer wie F. A. Forel, G. Asper und E. Imhof in der Schweiz, P. Pavesi in Italien, A. Fritsch, B. Hellich und W. Vavra in Österreich, O. Nordquist in Finnland, Jules Richard und Jules de Guerne in Frankreich (zahlreicher anderer nicht zu gedenken) haben mit bewundernswerter Unermüdlichkeit dem Studium der Wassertierwelt obgelegen und Erfolge erzielt, deren wissenschaftliche Bedeutung von Niemand mehr übersehen oder in Abrede gestellt werden kann. Ich selbst habe während des Zeitraumes von 1884 bis 1889 die Fauna der nord- und mitteldeutschen Seen, sowie diejenige der Eifelmaare durch eingehende Untersuchungen festgestellt. Durch eben diese Forschungen sind wir mit vielen neuen Arten von kleinen Krebstieren (Entomostraken) bekannt geworden, haben den Reichtum unserer Gewässer an schwimmenden und schlammbewohnenden Würmern, an Schnecken, Muscheln, Moostieren und einzelligen Lebewesen (Protozoen und niederen Algen) kennen gelernt, sind in die bunte Gesellschaft der Wassermilben und Wasserkerbtiere eingedrungen, deren Gewimmel hauptsächlich die seichtere Uferzone belebt — kurz, wir haben einen umfassenden Überblick über die mannigfaltige Bewohnerschaft unserer binnenländischen Seebecken erlangt, die bisher nur Fische und „Gewürm“ (als deren Nahrung) zu enthalten schienen. Unsere vermehrte Kenntnis erstreckt sich aber nicht nur auf die einzelnen Gattungen und Arten der äusserlich unscheinbaren Wasserfauna, sondern auch mit auf die Art und Weise, wie jede Spezies ihren besonderen Lebensverhältnissen angepasst ist, wie sie sich ernährt und ihren Platz im Kampfe ums Dasein behauptet, was für Mittel ihr zur räumlichen Ausbreitung verliehen sind und welcher Zusammenhang zwischen der Bevölkerung des Seegrundes und derjenigen der oberflächlichen Wasserschichten (bezw. der Uferzone) besteht. Aber mit Gewinnung dieser Einsicht sind wieder zahlreiche neue Probleme aufgetaucht, welche sich auf die Ursachen der Veränderlichkeit, die Wirkung der Isolierung, den mutmasslichen Einfluss des „äusseren Mediums“ u. dergl. beziehen, sodass es niemals an Arbeit für zahlreiche Forscher auf diesem Gebiete fehlen kann.
Der Hauptvorteil eines dicht am Seeufer gelegenen und mit allen Einrichtungen der modernen Forschungstechnik versehenen Stationsgebäudes besteht augenscheinlich darin, dass man auf solche Weise in den Stand gesetzt wird, alle Chancen des Wetters und der Beleuchtungsverhältnisse beim Einsammeln der Untersuchungsobjekte wahrzunehmen, und dass sich einem in beständiger Wassernähe die Möglichkeit zu zahlreichen Beobachtungen darbietet, welche auf nur gelegentlichen Ausflügen an dieses oder jenes Wasserbecken — aus Mangel an Zeit und Ruhe — überhaupt nicht gemacht werden können.
Ich denke da in erster Linie an die Erforschung der Zusammensetzung der sogenannten pelagischen Süsswasserfauna (des Limnoplanktons) in den verschiedenen Jahreszeiten, und an die sehr wünschenswerte Klarstellung der Beziehungen dieser merkwürdigen Tiergesellschaften zu den übrigen Bewohnern des betreffendes Sees, besonders auch ihr Verhältnis zu den Fischen, von denen einige, wie man glaubt, vorwiegend in ihrer Ernährung auf gewisse pelagisch lebende, d. h. beständig im freien Wasser sich aufhaltende Krebstiere angewiesen sind. Im Grossen Plöner See besteht jene Fauna pelagica nach meinen Ermittelungen (von 1886 und 1891) aus folgenden Spezies: