Faunistische Exkursionen in irgend einer Seengegend sind ganz gewiss für die Erweiterung unserer Kenntnis der Wasserfauna von Wert; aber wer eine derartige ambulante Forschungsthätigkeit längere Zeit hindurch betrieben hat, wird wissen, dass man dabei eigentlich niemals zur Ruhe kommt. Man schwelgt bei solchen Ausflügen häufig in einer herzerquickenden Fülle von Material, hat aber unterwegs höchst selten so viel Zeit, um sich der Bearbeitung desselben mit der erforderlichen Musse zu widmen. Infolgedessen konserviert man möglichst zahlreiche Objekte und kehrt mit einer grossen Menge von Gläschen nach Hause zurück. Hier findet nun erst die eingehende Besichtigung der verschiedenen Funde statt, wobei man aber in der Regel die wenig erfreuliche Wahrnehmung macht, dass man von der einen Materialsorte viel zu viel, von der anderen aber leider lange nicht genug angesammelt hat. Wäre man an Ort und Stelle in der Lage gewesen, umfassendere Studien vorzunehmen, so würde bei demselben Zeit- und Kraftaufwande ein belangreicheres Resultat zu verzeichnen gewesen sein. Auch diese Erfahrung, mit der ich gewiss nicht ganz allein stehe, spricht klar für die Nützlichkeit von Dauerstationen, wenn es sich um das Studium unserer Süsswasserfauna handelt. Dasselbe gilt natürlich auch im Hinblick auf die lakustrische Pflanzenwelt.
Dass indessen auch faunistische Exkursionen, wenn sie mit Eifer und Gründlichkeit ausgeführt werden, nach verschiedenen Richtungen hin Neues zutagefördern können, dafür legt eine unlängst publizierte Arbeit von Prof. M. Braun („Die Turbellarien Livlands“, 1885) beredtes Zeugnis ab. Ebenso liefert die bekannte Abhandlung Dr. K. Ecksteins über die Rädertiere der Umgebung von Giessen eine schlagende Bestätigung für die beherzigenswerte Mahnung: „Sieh, das Gute liegt so nah’ ....“ Auch durch meine eigenen Arbeiten über die niedere Fauna einheimischer Seebecken und Teiche hoffe ich den Beweis erbracht zu haben, dass in unseren süssen Gewässern noch mancherlei Neues zu entdecken ist. Ich brauche in diesem Bezug nur an die schon erwähnte Auffindung einer den Monotiden nahestehenden Turbellarie in den Hochseen des Riesengebirges zu erinnern, deren Anwesenheit später in verschiedenen schweizerischen Seen und neuerdings (1890) durch Prof. Fr. Zschokke auch im See von Partnun (auf der Rhätikonbergkette) nachgewiesen wurde. Von nicht geringerem Interesse war die Entdeckung mehrerer Vertreter der ausserordentlich merkwürdigen Turbellarien-Gattung Bothrioplana, welche sich ebenfalls als Folge der von mir unternommenen Ausflüge an die Riesengebirgsteiche ergab. Hierzu kommt noch die Erbeutung mehrerer neuer Kruster- und Hydrachniden-Arten in den nord- und mitteldeutschen Wasserbecken bei Gelegenheit meiner Studienreisen in den Jahren 1885 und 1886. Besonders weise ich aber auch auf den von Dr. W. Weltner erst kürzlich konstatierten und bisher gar nicht vermuteten Reichtum der Spree an Spongillen (vergl. Bd. I, 6. Kapitel) hin und auf die umfassenden Ermittelungen W. Vavras über die Verbreitung der Ostracoden (Muschelkrebse) in Böhmen[122].
Solche Exkursionen werden auch fernerhin nicht zu entbehren sein, namentlich wenn es sich um vergleichende Untersuchungen über die Fauna verschiedener Landseen handelt. Für Studien dieser Art kann dann eine permanente biologische Süsswasserstation, welche in einem seenreichen Gebiet gelegen ist, ein recht fruchtbarer Mittelpunkt werden. Man wird von einem solchen Zentrum aus vielleicht auch die Frage nach den äusseren physikalischen Ursachen der Veränderlichkeit mancher Organismengruppen in Angriff nehmen können, und möglicherweise mit der Zeit nachzuweisen im stande sein, warum der eine See in dieser, der andere in jener Weise auf die Gestalt der in ihm lebenden Wesen abändernd einwirkt. Augenblicklich wissen wir über die Faktoren, welche hier in Betracht kommen, so gut wie nichts. Und doch ist der Einfluss der jedesmaligen Lokalität auf manche Organismengruppen mit ausreichender Sicherheit erwiesen. Clessin hat diese Thatsache schon vor einem Jahrzehnt für die Mollusken festgestellt, und er nimmt zur Erklärung derselben „die Anpassung an gegebene Verhältnisse“ in Anspruch. Es wird nicht überflüssig sein, in den Zusammenhang dieses Kapitels eine Stelle einzuschalten, die der Leser bereits auf [S. 138] dieses Bandes vorgefunden hat. Sie ist aber besonders dazu geeignet, das, was wir hier besprochen, zu illustrieren. Clessin fasst das Resultat seiner reichen Erfahrung in folgenden Zeilen zusammen: „Wer die Wassermollusken längere Zeit im Freien beobachtet, wird sehr bald zu der Überzeugung kommen, dass fast jeder einzelne Fundort eigenartige, mehr oder weniger ausgeprägte Abweichungen vom Typus der bezüglichen Art erzeugt, und dass es geradezu zu den allergrössten Seltenheiten gehört, zwei ziemlich übereinstimmende Formen an verschiedenen Fundorten zu konstatieren. Ja sogar der nämliche Fundort erzeugt bei geänderten Verhältnissen andere Varietäten, und oft genug finden sich verschiedene Formen einer und derselben Art an sich berührenden Stellen desselben Gewässers, wenn die Beschaffenheit des Grundes, die Strömung des Wassers, die Bewachsung u. s. w. sich ändert. So kommen in den grossen Seen der Voralpen Schnecken und Muscheln mit ausgeprägtem Seecharakter und solche, welche nicht oder kaum von jenen zu unterscheiden sind, die in Sümpfen leben, neben einander vor, und zwar jenachdem die bezüglichen Wohnplätze bei seichtem Wasser und mangelnder Bewachsung der vollen Wirkung des Wellenschlags ausgesetzt sind, oder die Ufer in sumpfige Stellen übergehen“.
J. Vosseler hat auf den gleichen Einfluss der chemischen und physikalischen Unterschiede unserer Gewässer auf den Habitus, die Färbung und Gliedmassengrösse bei spaltfüssigen Krebsen hingewiesen. So existiert z. B. in den Maaren der Eifel ein Copepode, der augenscheinlich dem Cyclops agilis Koch nahesteht, aber kürzere Antennen, schwächer entwickelte Mundteile, längere Schwimmbeine und eine sehr gestreckte Schwanzgabel besitzt. Vosseler hat diesen von mir aufgefundenen Krebs näher untersucht und ihn seines beschränkten Vorkommens wegen Cyclops maarensis genannt. Höchstwahrscheinlich ist diese neue Spezies in den Maaren selbst entstanden und stellt eine interessante Lokalform dar, welche für ihre Bildung den Cyclops agilis als Ausgangsform gehabt hat.
Im Müskendorfer See bei Konitz in Westpreussen fand ich 1886 zahllose Exemplare einer merkwürdigen Varietät der Hyalodaphnia cucullata, deren Kopfteil sichelartig gekrümmt und ventralwärts stark herabgebogen ist. Diese Form (var. nov. procurva Poppe) kommt lediglich in dem genannten See vor[123] und ist anderwärts bis jetzt nicht aufgefunden worden. Manche Abweichungen geringern Grades vom Typus der Art sind für gewisse Fundorte überhaupt charakteristisch.
So variiert beispielsweise die bekannte Dinoflagellaten-Spezies Ceratium hirundinella O. Fr. M. von einem See zum andern hinsichtlich der Panzerbreite und der Hörnerlänge. Wahrnehmungen hierüber habe ich hauptsächlich bei meiner Durchforschung der westpreussischen Seen gemacht. Um dieselbe Zeit etwa konstatierte Prof. G. Asper ähnliche Gestaltungsdifferenzen zwischen den Ceratien des Thalalpsees und denen des Züricher Sees, wovon er in seiner Abhandlung über die Naturgeschichte der Alpenseen berichtet[124].
Das pelagische Rädertier Anuraea longispina, welches eine sehr weite Verbreitung besitzt, variiert nicht bloss hinsichtlich der Mächtigkeit seiner langen (nadelförmigen) Panzerfortsätze, sondern auch in der Form des Körperquerschnittes, der gewöhnlich ein Kreissegment darstellt, häufig aber auch vollkommen dreieckig ist. In Westpreussen zeigten oft sogar benachbarte Seen langdornige Anuräen, die in der angegebenen Weise von einander verschieden waren. Nach Asper ist ein nicht minder verbreitetes Rotatorium, Anuraea aculeata, ebenfalls bedeutender Variation unterworfen, welche sich aber vorzugsweise nur auf die Felderung und Skulptur des Panzers erstreckt. Ähnliche Abweichungen hat Imhof bei Anuraea cochlearis Gosse angetroffen und die weitgehendsten davon mit besonderen Speziesnamen (A. intermedia und A. tuberosa) bezeichnet.
Leptodora hyalina, der pelagische Krebs par excellence, zeigt an seinen verschiedenen Fundorten nicht bloss Verschiedenheiten der Körperlänge, sondern auch solche, welche die Grösse des Auges, die Entwickelung des ersten Paares der Schwimmfüsse und die Geräumigkeit des Brutraumes betreffen. Die gleichen Wahrnehmungen habe ich an Polyphemus pediculus, einem Kruster der Uferzone, gemacht, der in klaren und kühlen Bergseen grösser und farbenprächtiger zu werden scheint, als in den seichteren Gewässern der Ebene.
Nach Anführung dieser Beispiele, welche noch durch Beobachtungen von A. Wierzejski über die Unbeständigkeit der Artcharaktere bei Spongilla lacustris vervollständigt werden könnten[125], wird es einleuchten, dass auch die Süsswasserfauna Stoff zur Diskussion des Speziesproblems zu liefern im stande ist. Durch eine vergleichende Untersuchung bestimmter Mitglieder der Wassertierwelt aus verschiedenen Seen dürfte sich im Laufe der Zeit etwas Genaueres über die Richtung der Abweichungen und über deren Betrag bei einzelnen Arten ergeben.
Schliesslich möchte ich aber auch einen ganz praktischen Gesichtspunkt geltend machen, welcher die Errichtung von ständigen Beobachtungsstationen in der Nähe von grösseren Süsswasserseen wünschenswert erscheinen lässt. Dies ist nämlich unsere noch sehr ungenügende Einsicht in die Ernährungs- und sonstigen Lebensbedingungen der Fische. Auf diesem Felde ist noch sehr viel zu thun, um für die Bewirtschaftung unserer Seen und Teiche rationelle Grundlagen zu schaffen. Ein guter Anfang dazu ist von dem österreichischen Fischzüchter Josef Susta in Wittingau gemacht worden durch dessen bekannte Untersuchungen über die Ernährung des Karpfens[126]. Aber nicht bloss die Umstände, welche das Gedeihen der Fische begünstigen, sondern auch deren natürliche Feinde und die Ursachen solcher Krankheiten, welche gelegentlich eine Massensterblichkeit unter denselben hervorrufen — alles dies ist der näheren Erforschung wert und würdig. Aber die zahlreichen Fragen und Probleme, die wir im Vorstehenden als zum Programm der Thätigkeit einer Biologischen Süsswasserstation gehörig bezeichnet haben, sind unmöglich von einem einzigen Forscher zu bewältigen, sondern es müssen sich mehrere zu diesem Zwecke verbünden, und es bedarf hinsichtlich mancher Aufgaben längerer Zeiträume (oft vieler Jahre), um sie in befriedigender Weise zu lösen. Hierüber macht man sich in Laienkreisen häufig recht falsche Vorstellungen, und ich nehme deshalb in diesem Werke, welches seiner Tendenz nach für weitere Kreise bestimmt ist, Gelegenheit, allzu sanguinischen Hoffnungen vorzubeugen.