Schreiten wir bei einbrechender Dämmerung über eine Flussinsel oder fahren wir mit einem Boote geräuschlos am Ufer entlang, so können wir häufig mehrere Fledermaus-Arten beobachten, und zwar meistenteils die langohrige Fledermaus, Plecotus auritus Geoffr., die frühfliegende Fledermaus, Vespertilio noctula K. u. Bl., und die Teichfledermaus, Vespertilio dasycneme Boie. Unermüdlich schwirren diese fluggewandten Tierchen unter dem Schutze der Dunkelheit durch die Luft, um ihren stets regen Appetit mit den erbeuteten Fliegen, Mücken, Käfern und Nachtfaltern zu befriedigen. Eine gleich erfolgreiche Insektenvertilgung üben ausser den Fledermäusen wohl nur noch Maulwürfe, Talpa europaea L., und die Wasserspitzmäuse, Crossopus fodiens, aus.
Einzeln erscheint an den Seen und Flüssen auch der Fuchs, Canis vulpes L., um sich nach einem leckern Entenbraten umzusehen. Es ist höchst anziehend, den Meister Reineke unbeobachtet auf seinen Jagdzügen belauschen zu können. Mit eingezogenen Beinen, mehr über den Boden und durchs Rohr wegkriechend als gehend, die Rute vornehm hinter sich herschleppend, dieselbe nur dann und wann bald etwas rechts, bald etwas links bewegend, schleicht er sich durchs Gras und Gebüsch unvermerkt der Stelle zu, von wo der Entenruf herübertönt, aber immer gegen den Wind, denn er weiss nur zu gut, wie unangenehm den Enten seine Witterung ist.
Das schädlichste Säugetier, welches die Ufer der Flüsse und Seen bewohnt, ist unstreitig der Fischotter, Lutra vulgaris Erxl. Trotz der vielen Nachstellungen von Seiten der Fischer und Jäger hat dieser arge Räuber sich in den letzten Jahren in unserm Nordwesten ganz bedeutend vermehrt. Die grossen Rohr- und Weidendickichte an den Ufern der Flüsse und Seen und auf den grösseren und kleineren Flussinseln geben ihm solch sichere Verstecke, dass er sehr leicht dem Jäger entgeht. Zudem ist der Tisch immer reichlich für ihn gedeckt; er braucht deshalb nicht, wie der Fuchs, die Nähe der menschlichen Wohnungen aufzusuchen. Welchen ungeheuren Schaden der Otter der Fischzucht zufügt, mag aus folgendem Beispiel erhellen. Ein ausgewachsener Otter gebraucht zu seiner täglichen Nahrung 2 kg Fische. Das macht für ein Pärchen ohne Jungen in einem Jahre 2 mal 2 mal 365, also 1460 kg. Ist der Fischotter in sonst fischreichen Flussgebieten häufig, so sieht man aus den angeführten Zahlen, wie stark dann der Fischbestand durch ihn dezimiert werden muss.
Ein weiteres auch recht schädliches Mitglied der Familie der Mustelinae, Foetorius putorius K. u. Bl., verirrt sich zum Glück nur einzeln an unsere Gewässer. Vor einigen Sommern erhielt Verfasser ein prächtiges Männchen vom Iltis, im Volksmunde „Ilk“, „Elk“ oder „Ülk“ genannt, welches auf einer Weserhalbinsel erlegt worden war. Sodann mag noch ein für Deutschland sehr seltener Wasserbewohner erwähnt werden, der Nörz, Wasserwiesel oder auch wohl Sumpfotter genannt, Putorius lutreola K. u. Bl. Dieser wegen seines wertvollen Pelzes eifrig verfolgte Marder ist im östlichen Europa ziemlich häufig, dagegen gehört er in Deutschland zu den grössten Seltenheiten. Der Nörz bewohnt mit Vorliebe die bewaldeten Ufer der Flüsse, ist aber vereinzelt auch in der Ebene angetroffen worden. Vor einigen Jahren wurde im Blocklande an der Wümme (unweit Bremen) ein Exemplar erlegt.
Dass aus der Ordnung der Nager nur allzu häufig an den Gewässern die Wanderratte, Mus decumanus Pall., anzutreffen ist, mag ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Auch die Wasserratte, Arvicola amphibius Lacep., findet sich an den Ufern der kleineren Gewässer nicht selten; in unserm Nordwesten recht häufig in schwarzer Färbung. Zu einer wahren Landplage wird in manchen Jahren die gemeine Feldmaus, Arvicola arvalis Pall., welche in den Marschen und an den Deichen oft zu vielen Tausenden erscheint und dort grossen Schaden verursacht. Einige wenige Zahlen mögen ein Bild von ihrem massenhaften Auftreten geben. Im Amte Elsfleth an der Weser wurden im Jahre 1880–1881 347571 Mäuse eingeliefert und 20284.80 Mark an Prämien dafür bezahlt; im Amte Brake nördlich von Elsfleth, ebenfalls an der Weser gelegen, wurden 1880 158913 Mäuse eingeliefert und an Prämien 12237.85 Mark bezahlt; 1881 wurden ebendaselbst 338781 Mäuse eingeliefert und 19127.31 Mark an Prämien dafür bezahlt. Als Prämie wurde im „Oldenburgischen Mäuseverbandsbezirke“ je nach der Häufigkeit der Mäuse 2, 5, 10 oder 20 Pfennige für das Stück bezahlt. In diesem Sommer (1891) war die Feldmaus nur vereinzelt anzutreffen; der lange und strenge Winter mit dem hohen Wasserstande hat stark unter ihnen aufgeräumt, stärker als in den reichsten Jahren Mäusefänger, Bussarde, Weihen, Raben und Füchse es vermögen.
Auf den Aussterbeetat ist wohl in unserm Vaterlande der Biber, Castor Fiber L., gesetzt. Nur wenig bekannte Kolonien finden sich in Deutschland, in denen er sich einstweilen, wenn auch nur in geringer Zahl, noch erhalten hat. Die bedeutendste ist zwischen Magdeburg und Wittenberg an der Elbe; auch an der Havel, Oder und Weichsel finden sich noch vereinzelte schwach bewohnte Kolonien. Leider wird diesem seltenen Nager seines kostbaren Pelzes wegen gar zu sehr nachgestellt und trotz des Regierungsschutzes, der ihm in letzter Zeit zu teil geworden ist, wird er in nicht zu ferner Zeit zu denjenigen Tieren Deutschlands gehören, die aufgehört haben zu leben, und einzelne Ortschaften, Gründe u. s. w. werden nur noch mit ihrem Namen an das frühere Vorkommen dieses stattlichen Nagers erinnern.
In die Flüsse, besonders die der Nordsee, steigt bei hohen Fluten mit starken Nordweststürmen vereinzelt auch der Seehund, Phoca vitulina L., hinauf und kommt dann den Fischern zuweilen ins Garn. Häufiger findet sich in unseren Flüssen Phocaena communis Cuv., der Tümmler oder Braunfisch; denselben kann man bei Springfluten oft in der Nähe der Städte beobachten, wie er in kurzen Zwischenräumen sich an die Oberfläche des Wassers begiebt, um im nächsten Augenblicke wieder in die Tiefe zu verschwinden.
Versetzen wir uns in Gedanken um etwa 200 Jahre zurück, so finden wir sogar einen Walfisch im Weser- und Lesumflusse. Es war Hyperoodon rostratus Pontop., welcher damals in der Lesummündung oberhalb Vegesack gefangen wurde. Das Exemplar befindet sich im Bremer Museum.
Beendigen wir hiermit unseren Streifzug, auf welchem wir uns ausschliesslich nach den Säugetieren, die an und in den Gewässern vorkommen, umgesehen haben, so gewahren wir, obwohl wir nicht jeden Säuger, der sich uns auf unseren Exkursionen am Wasser zeigen könnte, angeführt haben, dass trotzdem die Zahl der Arten eine ziemlich geringe bleibt. Ganz anders gestaltet sich dagegen das Bild, wenn wir einen neuen Beobachtungsgang unternehmen und uns nun der Vogelfauna der süssen Gewässer zuwenden. Da hat fast jede Jahreszeit ihr eigenartiges Gepräge. Im Frühjahre finden wir ausser den ansässigen und heimkehrenden Brutvögeln viele durchziehende Wanderer, die für kurze Zeit Rast an den Gewässern und auf den Inseln machen. Im Sommer und Herbste sehen wir ausser den alten Brutvögeln die junge Nachkommenschaft in den verschiedenartigsten Kleidern. Auf dem Herbstzuge kommen noch Hunderte von Gästen hinzu, welche der Vogelwelt (Ornis) eines bestimmten Gebietes oft ein ganz fremdartiges Aussehen verleihen.
Halten wir zunächst eine systematische Umschau unter denjenigen Vögeln, welche an den Ufern der Flüsse und Seen und auf den kleinen und grösseren Flussinseln ihre Wohnungen eingerichtet haben, und fassen wir dann die Gäste, welche sich zur Frühjahrs- und Herbstzugszeit an unseren Gewässern bald längere, bald kürzere Zeit aufhalten, etwas näher ins Auge. Als Brutvögel treffen wir aus der Ordnung der Raubvögel zuerst zwei Weihenarten an, Circus aeruginosus Sav., die Rohr- oder Sumpfweihe, und Circus cineraceus Mont., die Wiesenweihe. Beide werden im Volksmunde gewöhnlich „Grashoafk“ genannt. Wo dichtes Rohr- und Weidengestrüpp auf wenig belebten Flussinseln und auf den einsamen Groden der Flüsse sich findet, da kann man mit ziemlicher Sicherheit den Horst der einen oder anderen Weihe erwarten. Derselbe befindet sich im dichtesten Gestrüpp am Boden und ist nur dann mit Sicherheit aufzufinden, wenn man die Alten, welche an ihrem schwebenden Fluge, den langen, spitzen Flügeln und dem ziemlich langen Schwanze leicht von den Bussarden, Habichten und Milanen zu unterscheiden sind, beobachtet und sich genau die Stelle merkt, an welcher sie niedergehen. Dieses Ausspionieren muss jedoch mit der grössten Vorsicht geschehen; denn glaubt sich der Beobachter schlau, so ist der Beobachtete doch in vielen Fällen noch gewitzigter und hat ersteren oft viel eher bemerkt, als derselbe ihn. Viel leichter ist der Horst aufzufinden, wenn die Weihen Junge haben; dann braucht man nur aus möglichster Ferne das Männchen, bei welchem man sehr leicht mit einem guten Glase die Beute in den Fängen erkennen kann, zu beobachten. Ist es in der Nähe des Horstes angelangt, so erscheint mit einem lauten, scharfen „kirrr“ über der Rohrfläche das Weibchen, aber in bedeutend geringerer Flughöhe als ersteres. Ist das Männchen über der Gattin angekommen, so wirft sich letztere geschickt auf den Rücken in dem Augenblicke, in welchem der Gatte die Beute fallen lässt. Mit grosser Sicherheit greift das Weibchen dieselbe auf und eilt raschen Fluges dem Horste zu. Das Männchen streicht sofort von dannen, um neue Beute heranzubringen. Das ist der günstigste Augenblick, um sicher den Nistplatz auszukundschaften, denn wir brauchen uns nur genau den Platz zu merken, an welchem das Weibchen sich niederlässt. Ist das Glück uns in dieser Weise günstig gewesen, so finden wir im hohen Grase oder Rohre auf dem Boden ein ziemlich grosses mit trockenem Grase und Rohr ausgepolstertes Nest, in welchem sich drei bis fünf hungrige, gelbgraue Junge befinden. In dem Horste der Wiesenweihe findet man Mitte Mai etwa vier bis fünf weisse, etwas ins bläuliche übergehende Eier. Im Neste der Rohrweihe trifft man zur selben Zeit vier bis fünf grünlich weisse Eier. Befestigt man über dem Neste ein gutes Schlagnetz und entfernt sich dann möglichst weit, um im dichten Rohr eine gute Deckung zu suchen, so dauert es gewöhnlich nicht lange, bis das Weibchen zum Horste zurückkehrt, allerdings zuerst nur, um auszukunden, ob alles wieder in gewohnter Ordnung ist. Doch es lässt sich noch nicht sogleich nieder, sondern in weitem Bogen umkreist es einige Mal die nähere und weitere Umgebung des Nistplatzes. Bald ist aber die Furcht vor der Gefahr geschwunden, die Liebe zu den ängstlich kreischenden Jungen ist grösser, es streicht zum Horste, lässt sich nieder und — sitzt gefangen unter dem Schlagnetze. Schwieriger ist es, des Männchens habhaft zu werden, da letzteres selten das Füttern besorgt und noch seltener zum Horste geht. In den ersten Stunden nach dem Verlust der Gattin lässt es nur die Beute aus der Luft ins Nest fallen und eilt wieder fort, um neue Nahrung zu beschaffen; doch endlich ist auch bei ihm die Liebe zu seinen Jungen, die ihn durch ihr Geschrei auf ihren Hunger und ihre Einsamkeit aufmerksam machen, vollständig erwacht; es lässt sich nieder, um das Amt der Gattin zu übernehmen. Aber das Netz ist wieder aufgestellt worden, es schlägt abermals zu und nun sitzt auch der Gatte gefangen bei seinen Jungen. Nicht immer glückt ein solcher Jagdzug, viel Geduld und Vorsicht gehört dazu. — Die Nahrung der Weihen besteht aus jungen Vögeln, welche aus den am Boden befindlichen Nestern geraubt werden, und aus Mäusen. Der Nutzen, den sie durch Vertilgung der letzteren gewähren, wird wohl reichlich durch den Schaden, den sie durch Zerstören der jungen Vogelbrut verursachen, aufgehoben. Die Wiesenweihe erscheint im April, die Rohrweihe im März; beide verlassen uns im Oktober.