Von den Eulen treffen wir an unseren Gewässern als Brutvogel dann und wann Otus brachyotus Boie, die Sumpfohreule, im Volksmunde „Moorule“ genannt. Häufiger ist sie nur in reichen Mäusejahren zu beobachten. Den Horst findet man, allerdings nicht leicht, auf den alten Weidenköpfen, die sich stellenweise an den Flussläufen finden. Einzeln entdeckt man ihn auch im langen Grase oder im Rohrdickichte. Im Neste finden sich Anfang Mai vier bis sechs fast runde weisse Eier. Die Nahrung dieses nächtlichen Räubers besteht fast ausschliesslich aus Mäusen, und muss die Sumpfohreule daher zu den nützlichen Vögeln gerechnet werden.
Ein häufiger Bewohner unserer Inseln und Flussufer ist der Kuckuck, Cuculus canorus L. Nach der Meinung der Landleute ist derselbe im Sommer Kuckuck, im Winter „Stothoafk“. Die Erklärung dieser irrigen Meinung ist sehr leicht. Im Frühjahre und Sommer findet sich der „Stothoafk“, Astur nisus K. u. Bl., nicht in der Nähe der menschlichen Wohnungen, sondern in den dichten Wäldern bei seinem Brutplatze. Der Kuckuck lässt dann aber überall seinen Ruf ertönen. Im Herbst, wenn der Kuckuck längst über alle Berge ist, erscheint aber der Sperber in der Nähe der menschlichen Wohnungen. Da etwas Ähnlichkeit im Gefieder der beiden besteht, findet obige Fabel leicht Glauben bei der Landbevölkerung. Als Pflegeeltern seiner Brut wählt der Kuckuck sich die Rohrsänger, die gelbe Bachstelze, ja auch einzeln das Blaukehlchen. Letztere besorgen die Pflege mit der grössten Gewissenhaftigkeit und oft sogar mit Aufopferung der eigenen Jungen, welche vor diesem gefrässigen Stiefbruder zurückstehen müssen. Verfasser dieses hatte Gelegenheit, in der Marsch einen vollständig flüggen jungen Kuckuck zu beobachten, der sich durch sein klägliches „zirrk, zirrk“ bemerkbar machte, wie dieser grosse Bursche sich von seinen Pflegeeltern, Budytes flava Cuv., mit grosser Behaglichkeit noch füttern liess. Der Kuckuck erscheint Ende April und verweilt bis Anfang September.
Dem hinsichtlich seines Gefieders schönsten und an die Ornis der Tropen erinnernden Vogel, Alcedo ispida L., Eisvogel, begegnen wir häufig an den Flüssen und auf den Inseln, welche steile, lehmige Ufer haben. Regungslos sitzt dieser prächtige Geselle auf einem über die Wasserfläche hinhängenden Zweige, seinen Blick unverwandt nach unten gerichtet; plötzlich stösst er ins Wasser, um im nächsten Augenblicke wieder auf der Oberfläche mit einem erbeuteten Fische im Schnabel zu erscheinen, welcher in wenigen Sekunden gierig verschlungen wird. Dieses interessante Schauspiel kann man oft in ganz kurzer Zeit mehrmals beobachten. Sein Nest, welches sich immer an den steil aufsteigenden Wänden der Flussufer befindet, ist am Ende einer etwa einen Meter langen Röhre angelegt, und dort findet man auf Fischgräten, wenigen Hälmchen u. dgl. Mitte April sechs bis sieben glänzend weisse Eier.
Einen ähnlichen Brutplatz, wie den des Eisvogels, wählt sich auch aus der Familie der Schwalben die Uferschwalbe, Sand-, auch Bergschwalbe genannt, Cotyle riparia L. An den schroffen Stellen der Flussufer, an welchen die Geest unmittelbar an das Wasser tritt, kann man zur Frühjahrszeit Hunderte dieser geschickten Insektenjäger aus- und einfliegen sehen. Das Nest befindet sich am Ende einer oft zwei Meter langen, wagerechten Röhre, ist mit Federn weich ausgepolstert und enthält Ende Mai oder Anfang Juni fünf bis sechs schneeweisse Eier. Die Uferschwalbe erscheint Anfang Mai und verlässt uns Anfang oder Mitte September.
An den Gewässern der gebirgigen Gegenden unseres Vaterlandes finden wir aus der Familie der Wasseramseln den Wasserstaar, auch Wasseramsel oder Wasserschmätzer genannt, Cinclus aquaticus Bechst. Ich hatte zu verschiedenen Malen Gelegenheit, diesen munteren halb Wasser- halb Singvogel in seinem Elemente zu beobachten, so unter anderen an den Berlebecker Quellen, an den Ilsefällen u. a. m. Bald watet er bis an den Hals durchs Wasser, bald steht er regungslos auf einem erhöhten Steine, um im folgenden Augenblicke ins Wasser zu stürzen; bald läuft er am Boden des Gewässers hurtig dahin, bald fliegt er durch herabstürzende Wasserfälle, wobei ihm sein dichtes Gefieder von grossem Vorteil ist. Das einzige Nest, welches der Verfasser Gelegenheit hatte näher zu betrachten, befand sich hinter einem Wasserfalle in einer kleinen Felshöhle; obwohl auch seitlich dahin zu gelangen war, nahm das kecke Tierchen jedesmal seinen Weg durch die herabströmende Wassermenge. In dem Neste befinden sich im April vier bis fünf weisse Eier.
Der schönste Vogel, welcher unsere Flussufer und Inseln bewohnt, ist unstreitig das Blaukehlchen, Cyanecula suecica Brehm. Wo dichtes Weidengebüsch an unserm Weserufer oder auf den Platen[CXX] vorhanden ist, da findet man auch dieses prächtige Tierchen, jedoch halten sie sich meistens sehr verborgen und laufen zwischen dem dichten Gestrüpp einher, aber ein klares, reines „fied, fied“ oder ein kurzes „täck, täck“ verrät bald ihr Vorhandensein. Das Nest dieses schönen Sängers ist immer recht versteckt angelegt und es gehört zu den grössten Seltenheiten, ein solches aufzufinden, da es auf unseren Weserplaten immer im dichtesten Gestrüpp, oft hart am Ufer in Weidenstümpfen sich befindet. Selten fliegt der Vogel vom Neste, um dadurch seinen Brutplatz zu verraten, sondern gewöhnlich springt er unbemerkt auf den Boden und läuft, ohne einen Laut von sich zu geben, im Gestrüpp davon. Es ist mir erst zweimal geglückt, ein solches Nest aufzufinden; dasselbe ist ziemlich kunstvoll gebaut und sitzt gewöhnlich in einer kleinen Vertiefung; es besteht aussen meist aus trockenen Grashalmen, innen dagegen vorwiegend aus der Wolle der Salix-Arten. In dem schön gerundeten tiefen Neste liegen gegen Ende April fünf schön grüngraue Eier, welche mit einzelnen zierlichen rotbraunen Tüpfelchen und Pünktchen bedeckt sind. Das Blaukehlchen erscheint schon Ende März mit dem Hausrotschwänzchen zusammen und verlässt seinen Brutplatz Ende August, streicht aber dann noch bis Ende September umher. In den letzten Tagen des September oder Anfang Oktober verlässt es uns; einzelne Nachzügler dagegen verweilen oft bis Ende Oktober in unserm Gebiete.
[CXX] „Platen“ heissen in Norddeutschland die kleinen mit Rohr und Weiden bewachsenen Flussinseln.
Mit dem Blaukehlchen zusammen an fast denselben Lokalitäten treffen wir das Braunkehlchen, Pratincola rubetra Koch, und einzeln auch die Braunelle, Accentor modularis Cuv., an. Beide haben mit ihm die versteckte Lebensweise sowie die Art des Nestbaues gemein; beide verlassen auch lautlos ihre Nester und eilen unter dem Gesträuch davon. Nur wenn die Vögel ihre Brut gefährdet sehen, lassen sie ihre Klagetöne hören und verraten allerdings dadurch dem aufmerksamen Beobachter, dass man sich unmittelbar beim Neste befindet, und trotzdem hält es manchmal recht schwer, dasselbe zu entdecken. Verfasser dieses Kapitels, welcher sich am 23. Mai 1891 unmittelbar bei einem solchen Neste befand, gebrauchte über eine halbe Stunde, um dasselbe endlich in einem dichten Grasbüschel, kaum einen halben Meter von ihm entfernt, zu gewahren. In dem sauber mit Tierhaaren ausgepolsterten Neste befanden sich vier grünlich blaue, fein rot punktierte Eier. Das Nest der Braunelle aufzufinden ist mir, trotz eifrigen Suchens, bislang noch nicht gelungen. Das Braunkehlchen erscheint Mitte April und verlässt uns Ende September. Die Braunelle dagegen kommt oft schon Mitte März und verschwindet erst gegen Mitte Oktober.
Die „Kuckucksamme“, Curruca cinerea Lath., ist ebenfalls nicht selten auf den Flussinseln anzutreffen. Die Dorngrasmücke führt den oben genannten Namen daher, weil der Kuckuck sehr gern sein Ei in ihr Nest legt und ihr auch die Erziehung seines Sprösslings überlässt Schon am frühen Morgen mit Sonnenaufgang lässt die Dorngrasmücke ihr munteres Lied ertönen, und sie ist einer von denjenigen Vögeln, welche am längsten singen, ja oft vernimmt man noch Anfang August ihren fröhlichen Gesang. Mitte April trifft dieser Vogel bei uns ein und verlässt uns wieder Mitte September.
An den Flussufern und auf den Inseln beobachtet man ziemlich häufig den Fitis-Laubvogel, Weidenzeisig, Phyllopneuste trochilus Bp. Sehr bald verrät sich dieses zutrauliche Vögelchen durch sein angenehm klingendes „hüid, hüid, hoid, hoid“. Es lässt sich auch ganz in der Nähe beschauen, aber desto schwieriger ist es, sein Nest aufzufinden. Dasselbe befindet sich am Boden, meist im dichten Gestrüpp oder Gewirr; es ist vollständig überwölbt und man sieht nur ein kleines seitliches Loch. Anfang Mai findet man in demselben fünf bis sieben kleine, weisse, rötlich gefleckte Eier, an deren stumpfen Ende sich die Makeln und Pünktchen dichter als am spitzen Ende gruppieren. Dieser niedliche Sänger verweilt bei uns von Anfang April bis Ende September.