War das Vorkommen der bis jetzt angeführten Sänger an den Flussufern und auf den Inseln kein ausschliessliches — auch ausserhalb dieser Gebiete werden dieselben angetroffen —, so wollen wir jetzt eine Gruppe kennen lernen, welche ausschliesslich ihre Heimat an den Ufern der Flüsse, auf den Inseln und Groden haben. (Unter „Groden“ versteht man die mit Weiden und anderm Gestrüpp bewachsenen Aussendeichsländereien, welche auch stellenweise Grasflächen haben.) Es ist dies die Gattung der Rohrsänger. Schon ihr Name sagt uns deutlich genug, wo wir diese Bewohner aufzusuchen haben. Nicht weniger als sechs Arten dieser Gattung bewohnen das in Frage kommende Gebiet unseres Vaterlandes. Ausserdem giebt es davon noch eine Reihe Spezies, welche mehr dem südlichen Europa angehören. Für uns kommen in erster Linie unsere heimatlichen Sänger in Betracht. Es sind folgende: Der Schilfsänger, Calamoherpe phragmitis Bp.; der Binsen-Rohrsänger, Calamoherpe aquatica Degland; der Sumpf-Rohrsänger, Calamoherpe palustris Boie; der Heuschrecken-Rohrsänger, Calamoherpe locustella Penn.; der Teich-Rohrsänger, Calamoherpe arundinacea Boie, und endlich der Drossel-Rohrsänger, Calamoherpe turdoides Meyer. Erstere werden im Volksmunde gewöhnlich „Reitmeeschen“, auch „Rohrsperlinge“ genannt; der letztere heisst gewöhnlich die „Rohrdrossel“. Fast alle erscheinen bei uns Anfang Mai und bleiben bis Anfang September. Nicht alle sind gleich häufig anzutreffen; einzelne dagegen, wie die Rohrdrossel, der Schilfsänger, der Sumpf- und Teich-Rohrsänger, sind sogar ziemlich häufig. Sie entziehen sich aber durch ihre versteckte Lebensweise im Röhricht und durch die Lokalitäten, an denen sie leben, sehr oft dem Auge des Beobachters und daher ist manche Spezies vielleicht viel häufiger als an manchen Orten allgemein angenommen wird. Der Drossel-Rohrsänger ist sofort durch seinen weit vernehmbaren Gesang, der etwa: „düi, düi, düi, karre, karre, karre, kei, kei, kei, kerr, kerr, kerr, karra, karra, kied“ klingt, zu erkennen. Der Gesang von Calamoherpe palustris Boie ist dem flötenden Gesange des Spottvogels, Ficedula hypolais Schlegel, nicht unähnlich und daher ein sicheres Erkennungszeichen des Sumpf-Rohrsängers, da der Spottvogel in den Gebieten, wo die Sumpf-Rohrsänger leben, nicht zu Hause ist. Beim Schilfsänger, C. phragmitis Bp., besteht der Gesang fast ausschliesslich aus einem langen, wohlklingenden, flötenartigen Triller. Der Gesang beim Teich-Rohrsänger, C. arundinacea Boie, gleicht mehr einem Geplapper der sehr rasch hinter einander ausgesprochenen Silben „terr, terr, terr, tri, tri, tri, zerrr, zerrr, zerrr, zäck, zäck, zäck“ u. a. m. Eine annähernde Ähnlichkeit hat der Gesang des Binsen-Rohrsängers, C. aquatica Degland, mit dem des Schilfsängers; doch kommen in dem melodischen Triller sehr häufig Töne wie „jüpp, jüpp, jüpp, jüpp, tütt, tütt, tütt, tütt“ vor. Den eigentümlichsten Gesang, wohl richtiger Geschwirre genannt, hat der Heuschreckensänger, C. locustella Penn. Mit aufgeblasener Kehle, am Boden zwischen den Rohr- und Weidenstengeln dahinlaufend, bringt er nur einen wie „sirrrrrrrirrr“ klingenden lange anhaltenden Ton hervor. Für einen aufmerksamen Beobachter ist es nicht allzu schwer, das Vorkommen der einen oder andern Art nach dem Gesange festzustellen, und um so bequemer, als das Eindringen in die im und am Wasser belegenen Rohrfelder sowie auf die mit Schlick bedeckten Groden, in welchen sich die Rohrsänger ebenfalls gern aufhalten, mit grossen Schwierigkeiten und Anstrengungen verknüpft ist. Auch im Nestbau gleichen sich unsere Rohrsänger mehr oder weniger. Zwischen drei bis vier bei einander stehenden Rohrstengeln an oder über der Wasserfläche, zwischen Nesselpflanzen oder zarten Weidenruten, zwischen starken Grashalmen oder anderen Pflanzenstengeln befestigen sie kunstvoll ihr Nest und zwar so, dass immer zwei oder drei Stengel durch die Seitenwandungen des Nestes hindurch gehen. Das schön gebaute Nest wächst mit den Pflanzen in die Höhe und ist so bei Hochwasser vor dem Überschwemmtwerden geschützt.
Aus der Familie der Motacillidae halten sich am Gewässer und in der Nähe desselben die drei bekannten Bachstelzenarten auf. Motacilla alba L., die weisse Bachstelze, auch Quäksteert oder Wippsteert genannt; die graue Bachstelze, Motacilla sulphurea Bechst., und die gelbe Bachstelze oder Kuhstelze „gäle Quäksteert“, Motacilla flava Cuv. Obwohl man die erstere auch entfernt vom Wasser antrifft, so schlägt sie doch mit Vorliebe ihre Wohnung unter Brücken, an Mühlen und auf den in der Nähe des Wassers stehenden Weidenstümpfen auf. Die im nördlichen Deutschland seltene graue Bachstelze hält sich fast ausschliesslich an Bächen, Quellen, überhaupt an fliessenden Gewässern auf und baut auch ihr Nest stets in die Nähe des Wassers, in Höhlen, unter Brücken, in Felslöchern u. dgl. m. Die gelbe Bachstelze dagegen bewohnt die freien, von menschlichen Wohnungen fern liegenden Weiden auf den Inseln und an den Flussufern; mit Vorliebe diejenigen Weiden, auf welchen Vieh weidet. Das Nest derselben findet man nicht selten in Carices-Büscheln. Die weisse Bachstelze erscheint in unserm Nordwesten oft schon im Februar — nach dem verflossenen harten Winter 90/91 wurden die ersten Bachstelzen erst am 16. März 91 beobachtet — und verlässt uns Oktober. Die weisse Bachstelze ist nach dem Staar unser erster Frühlingsbote. Die gelbe Bachstelze trifft bei uns Anfang April ein und verweilt bis Mitte September.
In Gemeinschaft mit den gelben Bachstelzen trifft man ziemlich häufig den Wiesenpieper, Anthus pratensis L. Er wählt zu seinem Brutplatze dieselben Lokalitäten wie die Bachstelzen. Gewöhnlich erscheint er bei uns im März und bleibt oft bis November. Einzelne bleiben sogar in gelinden Wintern ganz bei uns. Charakteristisch und dabei ein sicheres Erkennungszeichen der Art ist ihr Verhalten beim Gesange, welcher etwa „witje, witje, witje, zick, zick, zick, jück, jück, jück, tirrrirrr“ lautet. Plötzlich erhebt sich der Pieper singend einige Meter in die Höhe und fällt ebenso rasch wieder zur Erde, um auf einem Carex- oder Scirpus-Büschel den Gesang fortzusetzen oder zu vollenden.
Von den Lerchen kommt für unser Gebiet nur die durch ihren jubilierenden herrlichen Gesang bekannte Feldlerche, Alauda arvensis L., insoweit in Betracht, als sie ziemlich häufig als Brutvogel auf den Flussinseln anzutreffen ist. Sie erscheint oft schon Mitte Februar und verkündet dann durch ihre schmetternden Lieder das Neuerwachen des Frühlings. Sie verlässt uns Ende Oktober oder zu Beginn des November.
Von den Ammern suchen auch einige zu ihrem Brutplatze die Nähe der Gewässer auf. So findet sich auf den Weserinseln gar nicht selten die Grauammer, Emberiza miliaria Bp. Ihr Nest ist meist tief versteckt in den Grasbüscheln angelegt; auf dem Festlande dagegen wählt sie mit Vorliebe die Getreidefelder zu ihrem Nistplatze. Wenn man im Frühjahre die grösste unserer Ammern auf irgend einem Weidenstumpfe sitzen sieht und das ziemlich eintönige „zick, zick, zick, sirrrr“ hört, so kann man sicher sein, dass in gar nicht zu grosser Entfernung sich das Nest befindet. Fast ausschliesslich an Gräbenufern nistet die bekannte Goldammer, „Gälgöschen“, Emberiza citrinella L. Der Gesang „si, si, si, si, siiiih“ unterscheidet sie sofort, ohne dass man den Vogel zu sehen braucht, von der Grauammer. Stets schlägt ihren Wohnsitz die Rohrammer, Rohrsperling oder Reithlüning, Emberiza schoeniclus L., in der Nähe der Gewässer auf. Das sehr verborgene Nest findet man in Carex-Büscheln. In demselben trifft man Anfang Mai fünf bis sechs rötlich weisse Eier, deren ganze Schale mit braunroten Strichen und grösseren Flecken bedeckt ist. Während die beiden erstgenannten Ammern den Winter über bei uns bleiben und uns nur einzeln bei sehr strenger Kälte verlassen, wohl auch nur etwas südlicher streichen, um bei der nächsten gelinden Witterung sich wieder bei uns einzustellen, verlässt uns die Rohrammer gewöhnlich schon Ende September, erscheint aber im März wieder auf der Bildfläche. In gelinden Wintern bleiben dann und wann auch wohl einzelne Pärchen hier.
Ganz einzeln trifft man auch den Hänfling, „Grauiserken“, Fringilla cannabina Bp., auf den Flussinseln an, welche viel hohes Gestrüpp haben. Auch der Feldsperling, Weidenspatz, Passer montanus Koch, ist als Brutvogel auf den Inseln zu finden, wo alte Weidenstümpfe, die er zu seinem Nistplatze wählt, stehen. Der Hänfling ist den ganzen Winter hindurch auf den Inseln, Platen und an den Flüssen anzutreffen, wenn kein Schnee fällt; ein Teil derselben verlässt uns im September und kehrt im ersten Frühjahre, im März, zurück. Der Feldspatz ist im ganzen Gebiete Standvogel.
Selbst die Ordnung der Hühner ist auf den grösseren, mit langem Grase bewachsenen Platen durch das Rebhuhn, Perdix cinerea Briss., vertreten. Wenn man am frühen Morgen oder gegen Abend in einem Boote an einer solchen Insel entlang fährt, so vernimmt man bald aus der nächsten Nähe, bald wieder aus weiterer Ferne den wohlbekannten Ruf des Rebhahnes „girrräk“. Noch häufiger hört man des Abends von den Inseln und Groden das „röärp, röärp“, den gewöhnlichsten Ruf des Wachtelkönigs, Crex pratensis Bechst., herübertönen. Obgleich dieser Vogel an den Flussufern und auf den Inseln ziemlich häufig ist — man kann an warmen Abenden oft drei, vier und mehr zu gleicher Zeit rufen hören —, bekommt man denselben doch sehr selten zu Gesicht, da er gewöhnlich im Grase rasch fortläuft, ohne aufzufliegen. Selbst vor dem suchenden Hunde fliegt er nicht eher auf, bis er in die Enge, etwa an einen Graben, getrieben wird. Das Nest findet man sehr selten und schwer. Die prächtigsten Gelege — zehn bis zwölf Eier von schöner graugelber Farbe mit vielen rötlich braunen Flecken —, die in meinen Besitz gekommen sind, verdanke ich ausschliesslich den Grasmähern. Der „Snarrentar“, wie er im Volksmunde nach seinem Rufe genannt wird, erscheint bei uns gewöhnlich Anfang Mai und verschwindet Anfang September.
Von den Gallinulidae treffen wir weiter auf den Inseln und an den Flussufern als Brutvögel das punktierte Rohrhuhn, Rallus porzana L.; die Wasserralle, Rallus aquaticus L.; das grünfüssige Rohrhuhn, Gallinula chloropus Lath., und das schöne, grosse Blässhuhn, Fulica atra L., an. Diese echten Wasserbewohner sind in unserm ganzen Nordwesten an und auf den grossen Flussinseln, in den undurchdringlichen Rohr- und Schilffeldern der Groden an den grösseren und kleineren Seen fast überall anzutreffen, aber äusserst schwer zu beobachten, da sie dem Auge des Naturbeobachters durch geschicktes Tauchen oder durch Verschwinden zwischen dem dichten Schilf und Rohr auszuweichen wissen. Es ist interessant, diese gewandten Schwimmer und Taucher in ihrem nassen Elemente beobachten zu können. Hat man sich unbemerkt mit dem Boote in irgend eine gedeckte Bucht oder in ein Rohrfeld gelegt, so erscheint oft, wenn das Glück günstig ist, in unmittelbarer Nähe des Bootes einer dieser munteren Vögel, aber im nächsten Augenblicke, kaum dass wir Zeit hatten, ihn auch nur halbwegs ins Auge zu fassen, verschwindet er in der kühlen Flut, schwimmt eine grosse Strecke unter der Wasserfläche fort, um oft in ganz entgegengesetzter Richtung wieder zu erscheinen; oft nimmt er sogar seinen Weg unter dem Boote durch, und im nächsten Augenblicke ist er auch schon wieder fort. Glaubt er sich erst in sicherer Entfernung, dann kann man ihn auch längere Zeit auf der Wasserfläche beobachten. Oft sieht man dann die ganze Familie, Alt und Jung, im bunten Durcheinander, bald ruhig dahinschwimmend, bald Tauchübungen anstellend, bald über die glatte Wasserfläche dahinlaufend; aber nie lassen sie dabei die nötige Vorsicht ausser Acht; bei dem geringsten verdächtigen Geräusch verschwindet die ganze Gesellschaft im nächsten Rohrfelde und lässt sich für lange Zeit nicht wieder blicken. Auch im Bau ihrer Nester, welche sehr versteckt und meist nach dem Wasser hin in den Rohr- und Binsenfeldern angebracht sind, gleichen sie sich. Auf niedergebogenem Rohr, oft auf halb schwimmendem Gestrüpp sind die ziemlich kunstlosen Nester angelegt. Die Zahl der Eier beträgt gewöhnlich acht bis zwölf. Die Gallinulidae erscheinen in unserm Gebiete Anfang Mai und verlassen uns Mitte September.
Von den Charadriidae bewohnt die Flussinseln und Groden als Brutvogel der allen bekannte Kiebitz, Vanellus cristatus Meyer und Wolf, welcher leider von Jahr zu Jahr an Zahl bedenklich abnimmt. Die Ursache dieser von Jahr zu Jahr sich steigernden Abnahme dieses nützlichen Vogels liegt in dem leidigen, unvernünftigen Eiersammeln, welches einzig den Zweck hat, den Gaumen des Gourmands zu kitzeln. Allerdings tragen auch ein gut Teil Schuld die Entwässerungsanstalten, welche in jedem Frühjahre die nassen und sumpfigen Wiesen trocken pumpen und es dadurch den Eiersammlern ermöglichen, auf die Poller und höher gelegenen Stellen, die Brutplätze des Kiebitzes, zu gelangen, um auch dort ihr Zerstörungswerk mit Erfolg zu betreiben. Der Kiebitz gehört zu unseren ersten Frühlingsboten; er erscheint gewöhnlich Mitte März und verlässt uns Ende September oder Anfang Oktober. In milden Jahren erscheint er oft schon im Februar und bleibt einzeln bis in den November. Manchmal aber, wenn sie sich zu früh hergewagt haben und Kälte und Schnee zurückkehren, müssen sie wieder flüchten und auch dabei gehen viele zu Grunde. Am 23. Februar dieses Jahres beobachtete Verfasser einen Trupp von etwa 50 Stück, welche sich trotz des vergangenen strengen Winters in unserm Nordwesten eingefunden hatten; als aber nach einigen Tagen von neuem Kälte eintrat und ziemlicher Schnee fiel, zogen sie auf einige Zeit wieder südlicher.
Mit dem Kiebitz erscheint und verschwindet fast zur selben Zeit der Flussregenpfeifer, Charadrius fluviatilis Bechst. Dieser hurtige, behende Geselle bewohnt mit Vorliebe die kahlen, kiesigen Ufer der Inseln und Flüsse und legt auch dort sein Nest an, welches sehr leicht übersehen werden kann. In einer kleinen Vertiefung fast ohne alle Unterlage liegen auf kiesigem Grunde drei bis vier graugelbe, mit dunkelgrauen Punkten und Strichen ausgestattete Eier, welche in ihrer Färbung so sehr der Umgebung ähneln, dass man oft, wenn man das Nest gefunden, es auch schon wieder aus den Augen verloren hat und von neuem suchen muss. So ging es am 18. Mai dieses Jahres dem Verfasser, der, kaum zwei Fuss vom Neste entfernt, es erst nach längerem scharfen Umhersehen wieder entdeckte.