Der Rotschenkel, Totanus calidris Bechst., welcher sich in grosser Zahl als Brutvogel an unseren Nordseeküsten findet, wird auch einzeln als solcher an den Ufern der Flüsse und auf den Flussinseln beobachtet. Er erscheint bei uns Mitte Mai und verlässt uns Anfang September. Häufiger als den Rotschenkel kann man an den sandigen Ufern als Brutvogel den Flussuferläufer, Actitis hypoleucos Brehm beobachten, derselbe erscheint im März und bleibt bis zum Oktober. Auf den feuchten, kurzgrasigen Wiesen unserer Flussniederungen stellt sich in ziemlich grosser Individuenzahl der durch seine possierlichen Kapriolen bekannte Kampfhahn, Machetes pugnax Cuv. ein. Stundenlang kann man, wenn ein Gestrüpp oder ein Grabenufer uns die nötige Deckung giebt, diesem tollen Treiben des Streithahns oder Streitvogels zusehen. Bei diesen sogenannten „Kämpfen“, die besonders zur Paarungszeit häufig sind, nimmt er die wunderbarsten Stellungen ein, sträubt sein Gefieder bald so und im nächsten Augenblick wieder anders. Sie stürzen auf einander los, vorwärts, rückwärts, und scheinbar mit einer solchen Wut, dass der uneingeweihte Beobachter glauben muss, keiner verlasse lebend den Kampfplatz; indessen scheint es mehr eine Spiegelfechterei zu sein, denn sie lassen kaum Federn dabei und nach einiger Zeit, wenn sie des Kampfes müde sind, eilen sie vergnügt von dannen, um sich für ein späteres Turnier, deren man täglich mehrere beobachten kann, wieder zu stärken. Das Nest, welches im Bau sowohl wie im Aussehen dem des Kiebitzes ähnlich ist, befindet sich in einer kleinen Vertiefung, einer Kuhspur oder dergleichen, und ist mit wenig Grashälmchen ausgelegt. Nach beendigtem Paarungsgeschäfte verlassen uns schon meistens die Männchen und ziehen an die Meeresküste, während die Weibchen und Jungen bis zum September an ihren Brutplätzen verweilen. Im März treffen sie wieder zusammen an letzteren ein.
Auf den feuchten, mit kleinen Wasserläufen durchzogenen Wiesen der Inseln der Aussendeichsländereien und Groden, auf den Dobben und Platen treffen wir in ziemlicher Zahl als Brutvögel die einfache Bekassine, auch „Häwelamm“ oder „Bäwerbuck“ genannt, Scolopax gallinago L., und die Doppelbekassine, Scolopax major L., an. Unter Dobben versteht man beweglichen Moorboden, der oben durch eine Grasnarbe bedeckt und ziemlich fest, weiter nach unten aber noch weich ist. Beim Betreten solchen Bodens bewegt sich die ganze Fläche und der auf diesem Boden Unbekannte bricht sehr leicht ein; es bedarf einer besondern Geschicklichkeit, darüber hinwegzugehen. Pferde, welche ihn betreten wollen, bekommen Holzschuhe angeschnallt, und die Räder der Wagen werden, damit sie nicht einschneiden und dann versinken, mit dicken, gedrehten Strohseilen umwickelt. An warmen Frühlingsabenden macht sich die einfache Bekassine durch ihr eigentümliches Gemecker, dem einer Ziege nicht unähnlich, daher „Häwelamm“, „Himmelsziege“ genannt, welches sie nur im Fluge vernehmen lässt, bemerkbar. An einzelnen Moorseen ist dieser, von Feinschmeckern sehr geschätzte Vogel oft zu hunderten anzutreffen, so am Balk-See, einem inmitten des unwirtlichen Moores bei Cadenberge unweit der niederelbischen Bahn gelegenen grossen Moorsees, dessen Ufer von grossen Dobbenfeldern gebildet werden. Auf solch sumpfigen Wiesen in der Mitte eines Carex-Busches findet sich das sehr schwer zu entdeckende Nest. Die gemeine Bekassine erscheint bei uns oft schon im März und bleibt bis zum November. Die Doppelbekassine kommt erst im April und geht schon im September.
Anfang Mai erscheint ebenfalls auf den feuchten Flussniederungen die Pfuhlschnepfe, Limosa melanura Leisler, um dort ihr Brutgeschäft zu verrichten; sie verlässt uns gewöhnlich schon Anfang September. Auch die grosse Rohrdommel, Botaurus stellaris Briss., „Iprump“ nach ihrem unheimlich klingenden Rufe „üü — prump“ so genannt, ist als vereinzelter Brutvogel der Flussinseln aufzuzählen. Es hält schwer, dieses stattliche Tier zu Gesicht zu bekommen, da es durch eine eigentümliche List sich dem Auge des Beobachters zu entziehen weiss. Bemerkt die Rohrdommel einen Feind in ihrer Nähe, so richtet sie sich gerade auf, zieht den Hals ein, streckt Kopf und Schnabel senkrecht in die Höhe und bleibt in dieser Stellung unbeweglich stehen, bis die Gefahr vorüber ist. In dem Weidengebüsch, in welchem sie sich gern aufhält, gleicht sie in dieser Stellung, wobei ihr die Färbung ihres Gefieders, welche mit der Umgebung grosse Ähnlichkeit hat, sehr zu statten kommt, täuschend einem alten abgebrochenen Weidenstumpfe. Die Rohrdommel erscheint im April auf ihrem Brutplatze und zieht Ende September wieder von dannen.
Aus der Ordnung der Schwimmvögel treffen wir zunächst an unseren süssen Gewässern einige Entenarten als Brüter an. Da mag zuerst die Löffelente, Rhynchaspis clypeata L., erwähnt werden, welche im dichten Rohr, umgeben von Wasser, ihr verstecktes Nest anlegt; ferner die Knäckente, Anas querquedula L., die Krickente, Anas crecca L., und die gemeine wilde Ente, auch Stockente genannt, Anas boschas L., gehören zu den häufigeren Arten der Entensippschaft, welche an den süssen Wassern brüten. Die Enten erscheinen auf dem Frühjahrszuge meist im März und ziehen Oktober wieder fort. Einzelne Exemplare von boschas und crecca trifft man fast den ganzen Winter an den Gewässern an und diese verlassen uns nur dann, wenn auch die letzten offenen Stellen der Flüsse und Seen mit einer Eisdecke verschlossen sind.
An dem in Betracht kommenden Gebiete trifft man von den Pelecanidae im Binnenlande einzeln die Kormoran-Scharbe, Halieus Carbo Ill., als Brutvogel an. Im Nordwesten Deutschlands ist nur eine Kolonie dieses der Fischerei sehr schädlichen Vogels bekannt und zwar im Lüneburgischen an der Elbe. Der Kormoran legt seinen Horst, entgegen der Gewohnheit der anderen Schwimmvögel, auf Bäumen an, benutzt aber gewöhnlich die Nester der Reiher und Raben für sich, wobei sich häufig ein hartnäckiger Kampf zwischen diesen und jenen entspinnt. Trotz seiner grossen Schwimmfüsse bäumt der Kormoran sehr geschickt auf und weiss sich ganz sicher auf den Ästen zu benehmen.
Wenn der eigentliche Aufenthaltsort der Seeschwalben und Möven auch das salzige Meer, die Watten und die Inseln des Meeres sind, so giebt es doch eine Reihe Arten davon, welche vorziehen im Binnenlande an den süssen Gewässern sich aufzuhalten und dort ihr Heim einzurichten. Es sind dies die Küstenmeerschwalbe, Sterna macrura Naum.; die Flussmeerschwalbe, Sterna hirundo L.; die kleine Seeschwalbe, Sterna minuta L., und die schwarze Seeschwalbe, Sterna nigra Briss., und von den Möven die Lachmöve, Larus ridibundus L. Ihre Nester, welche, fast ohne jegliche Unterlage, nur aus einer kleinen Vertiefung bestehen, finden sich auf den kiesigen, sandigen Stellen an den Gewässern und sind sehr schwer von der Umgebung zu unterscheiden, da die Plätze gewöhnlich alles Pflanzenwuchses entbehren. Im Winter bleiben immer einzelne dieser geschickten Segler bei uns, wenn auch als gewöhnlich anzunehmen ist, dass sie im März in grösseren Scharen erscheinen und uns im Oktober verlassen.
Endlich mögen noch zwei Brutvögel der Binnengewässer aufgezählt werden. Es sind dies der grosse Lappentaucher, auch Kronentaucher genannt, Podiceps cristatus L., und der kleine Lappentaucher, welcher im Volksmunde den etwas derben Namen „Pärködel“ führt, Podiceps minor L. Ersterer ist auf fast allen unseren Seen ein gemeiner Brutvogel. Schon von ferne hören wir seinen lauten Ruf „koar, koar, koar“ über die Wasserfläche zu uns herüberschallen, ehe man den geschickten Schwimmer und Taucher zu Gesicht bekommt. Er ist ein äusserst scheuer und schlauer Vogel, der seinen Beobachter immer in respektabler Entfernung hält; kommt man ihm trotzdem unvermerkt zu nahe, so verschwindet er plötzlich unter der Wasserfläche und erscheint weit weg nur mit dem Kopfe über derselben, um schon im nächsten Augenblicke von neuem zu verschwinden. Dieses Experiment wiederholt er so häufig, bis er sich wieder sicher fühlt. Einen Jäger lässt er daher sehr selten in Schussnähe kommen. Wird der Taucher angeschossen, und ist der Schuss nicht gleich tödlich, so taucht er fort und hält sich am Grunde des Gewässers am Rohr und Schilf fest, um nicht wieder an die Oberfläche zu kommen. Binsenschneider am Dümmersee brachten dem Verfasser, welcher sich zu der Zeit am See aufhielt, ein Exemplar des Kronentauchers, welcher am Vormittage von einem Herrn angeschossen war, ohne dass er ihn bekommen hatte. Das Exemplar hatten dieselben beim Schneiden mit herauf gebracht. Es hatte noch die Binse, an welcher es sich festgehalten hatte, im Schnabel, und dieselbe auch im Todeskampfe nicht losgelassen. Der kleine Taucher ist ebenso geschickt im Schwimmen und Tauchen, wie sein grösserer Vetter. Das Nest der Taucher ist fast immer frei auf der Wasserfläche zwischen Rohr befindlich und an einzelnen Stengeln befestigt, damit es vom Winde nicht fortgetrieben wird. Die Nester sind äusserst schwer aufzuspüren, da man nur von der Wasserseite mit dem Boote an die Rohr- und Binsenfelder gelangen kann, in welchen sie angelegt sind.
Im vorhergehenden ist versucht worden, dem Naturbeobachter in kurzen Zügen ein Bild zu entwerfen von den Brutvögeln, welche derselbe auf Flussinseln, an den Ufern der Flüsse und Seen aufzufinden vermag. Es ist damit aber nicht beabsichtigt, ein genaues, vollständiges Verzeichnis aller an den in Frage kommenden Lokalitäten brütenden Vögel zu geben; im wesentlichen sind die häufigeren und am meisten ins Auge fallenden Arten berücksichtigt, welche den Nordwesten unseres Vaterlandes bewohnen. Im östlichen und südlichen Deutschland finden sich noch einzelne Arten, welche nicht erwähnt worden sind. Auch im folgenden hat Verfasser vorwiegend die Bewohner der Gewässer unseres Nordwestens im Auge gehabt. Wenn bei manchen Vögeln Angaben über Brutzeit, über Eintreffen und Verschwinden an ihren Nistplätzen gemacht worden sind, so beziehen sich dieselben ebenfalls auf Beobachtungen, welche im Nordwesten angestellt worden sind.
Ist schon das Gesamtbild unserer befiederten Freunde zur Brutzeit ein buntes und mannigfaltiges, so gestaltet es sich noch viel reicher im Frühjahrs- und Herbstzuge, ja manchmal erhält das Bild ein ganz fremdartiges Aussehen; denn da erscheinen an unseren süssen Gewässern Gäste, die sonst nur im hohen Norden, am Meere oder anderen uns fern liegenden Orten anzutreffen sind. Es soll im folgenden versucht werden, dem Naturfreunde auch davon ein kleines, also nicht auf Vollständigkeit Anspruch machendes Bild zu entwerfen. Durchwandern wir im Geiste noch einmal die Vogelwelt und beginnen wir von neuem mit den Raubvögeln, so finden wir gar nicht selten zur Zugzeit auf den grossen Wasserflächen den Seeadler, Haliaëtos albicilla Leach, der besonders häufig erscheint, wenn viele wilde Gänse zur Herbstzeit in den Flussniederungen sich länger aufhalten. Im Volksmunde wird er deshalb gewöhnlich mit „Goosarnt“ bezeichnet. Der Fischadler, Pandion haliaëtos Less.; der Bussard, Buteo vulgaris Bechst.; die Gabelweihe, Milvus regalis Briss.; selbst der Wanderfalke, Falco peregrinus L.; der Baumfalke, Falco subbuteo L.; der Turmfalke, Falco tinnunculus L.; selbst der Hühnerhabicht, Astur palumbarius Briss., und der Sperber, Astur nisus K. und Bl., halten sich vorübergehend mit Vorliebe auf den Flussinseln und Flussniederungen auf, weil ihnen dort der Tisch reichlich und bequem gedeckt ist; ganz besonders finden sie zur Herbstzeit dort an Staaren und Feldmäusen reichliche Nahrung.
Der Mauersegler, Cypselus apus L.; die Haus- und Rauchschwalbe, Hirundo urbica L. und rustica L., halten sich, bevor sie fortziehen, eine Zeit lang an unseren Flüssen und in den Niederungen auf, um sich zu grossen Scharen dort zu versammeln. Ende September oder Anfang Oktober kann man Tausende dieser leicht beschwingten Flieger an den oben erwähnten Lokalitäten antreffen, bis sie auf einmal über Nacht fortgezogen sind.