Ist das Vorhandensein des Wassers die erste Lebensbedingung des Fisches, so ist in zweiter Linie die Beschaffenheit des Wassers in Betracht zu ziehen. In dieser Beziehung sind namentlich die mittlere Wärme des Wassers, sein Luftgehalt und sein Gehalt an anderen gelösten Stoffen für die Arten der Fische als Lebensbedingungen massgebend.

Das natürliche Wasser kommt auf der Erdoberfläche nirgends in chemischer Reinheit vor. Der grösste Teil des irdischen Wassers, das Meerwasser, enthält bekanntlich etwa 3.5% an Kochsalz und zahlreichen anderen Salzen in Lösung. Da die meisten Fischarten des Meeres im süssen Wasser bald sterben, anderseits die Süsswasserfische im Meerwasser meist nicht lange aushalten, so scheidet die Stärke des Salzgehaltes im Wasser, dessen die Fischarten bedürfen, diese in Süsswasserfische und Meerfische.

Eine Anzahl von Fischarten ist allerdings im stande, von Zeit zu Zeit den Aufenthalt in der einen Wasserart mit dem in der andern zu vertauschen. Diese als Wanderfische bezeichneten Arten folgen bei dem Wechsel ihres Lebenselementes dem mächtigen Fortpflanzungstriebe.

Das süsse Wasser enthält in der Regel noch 0.004 bis 0.02% Salze, meist Kalksalze, in Lösung. Bringt man die Fische in ganz salzfreies destilliertes (wenn auch lufthaltiges) Wasser, so tritt der Tod in wenigen Stunden ein, indem die Gewebe der vom Wasser direkt bespülten Organe, namentlich der Kiemen, quellen und funktionsunfähig werden[7]. Eine geringe Menge im Wasser gelöster Salze ist also für das Leben auch der Süsswasserfische nötig, welche den ausschliesslichen Gegenstand dieser Schilderung bilden werden.

Der unbeschränkten Ausbreitung der Süsswasserfische stehen im allgemeinen die Grenzen der von ihnen bewohnten Gewässer, nämlich das feste Land und das Meer, entgegen. Das letztere wird nicht nur von den eigentlichen Wanderfischen, sondern auch von einigen anderen Arten, welche gegen den Salzgehalt minder empfindlich sind, gelegentlich passiert[LXXII] und dient daher ausnahmsweise zur Verbreitung solcher Arten[8]. Auch das Land, welches die Flusssysteme trennt, ist keine absolute Schranke für die Fische. Die Übertragung der Fischeier durch Wasservögel und Landtiere, Überschwemmungen niedriger Teile der Wasserscheiden, unter Umständen auch dauernde geologische Veränderungen der letzteren ermöglichen die Verbreitung der Fischarten aus einem Flusssystem in ein benachbartes. Hierzu kommen die allmählichen Veränderungen, welchen die Konturen des Festlandes im Laufe der geologischen Perioden unterworfen sind und welche die weitläufige Trennung von ursprünglich eng verbundenen Landmassen bewirken, während sie anderseits Länder, die von einander entfernt gelegen haben, durch Landbrücken mit einander verbinden können. Dies sind die Umstände, welche die Verbreitung der Fischarten des süssen Wassers herbeizuführen pflegen.

[LXXII] Es kommt auch vor, dass einzelne Seefische, welche den Aufenthalt im Süsswasser vertragen, sich gelegentlich in die Ströme verirren und in diesen weit aufwärts schwimmen, z. B. die Flunder, die Lamprete. Indessen sind diese Fische nicht zur Süsswasserfauna zu rechnen, vielmehr als Meerfische zu betrachten.

Das Gebiet, mit dessen Süsswasserfischen wir uns hier zu beschäftigen haben[9], möge so begrenzt sein, dass es die Flusssysteme, welche vom Rhein bis zur Memel an den Südküsten der Nord- und Ostsee münden, sowie das Donaugebiet[10] umfasst. Ausserhalb des so umschriebenen Gebietes liegt von deutschen Ländern nur der zum Etschgebiet gehörige Teil von Tirol[11]. Das so umgrenzte deutsche Fischgebiet gehört bezüglich seiner Fischarten dem europäisch-nordasiatischen Gebiete an, liegt also nach Sclaters[12] zoogeographischer Einteilung in der paläarktischen Region. Unter den Fischarten des Gebietes sind daher am stärksten vertreten die Familien der in dieser Region so verbreiteten Cypriniden und Salmoniden.

Der Ursprung dieser Familien ist ein fast entgegengesetzter zu nennen. Die Cypriniden bilden etwa ein Dritteil aller bekannten Süsswasserfische der Gegenwart. Günther[13] nimmt an, dass sie ihren Ursprung in der Alpenregion genommen haben, welche die gemässigten und tropischen Teile Asiens scheidet. Von hier breiteten sie sich nach Norden und Süden, nach Osten und Westen aus. Australien nebst Celebes und die übrigen ozeanischen Inseln, sowie Südamerika wurden von ihnen nicht erreicht. In der Gegend unseres Gebietes fanden sie sich schon in der Tertiärzeit vor. Die Salmoniden dagegen scheinen ihren Ursprung im kalten Norden genommen und während der Eiszeit sich in einzelnen Vertretern weit nach Süden verbreitet zu haben. Die meisten Arten finden sich auch jetzt in den nördlichen Teilen unserer Hemisphäre und auch die Arten unseres Gebietes beschränken sich fast durchgehends auf kühle Gegenden der Gewässer.

Nicht gering an Zahl sind in unserem Gebiet auch die Vertreter der Familie der Perciden. Diese Familie ist weit verbreitet im Süsswasser und in den Meerküstengegenden aller Regionen. Ihre Reste findet man in den Ablagerungen seit der Tertiärzeit.

Die Zahl der im Gebiet vertretenen Familien der Fische beträgt vierzehn, aus ihnen gehören hierher vierzig Gattungen mit siebzig bis achtzig Arten. Die überwiegende Zahl gehört, wie überall im Süsswasser zu den Knochenfischen.