Die Erfolge, welche bis jetzt durch die künstliche Fischzucht erzielt sind, sind recht erhebliche. Zunächst ist mit ihrer Hilfe der Bestand an Lachsen nachweisbar vermehrt worden. Der Lachs hat seines hohen Preises wegen und weil er verhältnismässig sicher zu fangen ist, grosse Bedeutung für die Fischerei, und zwar sowohl für die Binnenfischerei als auch für die Meeresfischerei (wenigstens in der Ostsee). Seit 1879 hat sich nach der holländischen Verkaufsstatistik[75] der Ertrag des Lachsfanges in den Rheinmündungen etwa verdoppelt, und diese günstige Änderung wird mit Recht auf die Aussetzung zahlreicher Brutmengen in die Nebenbäche des Rheins zurückgeführt. Ebenso ist der Lachsbestand in der Ems und der Weser, in denen er sehr zurückgegangen war, allem Anschein nach wieder durch Bruteinsetzungen gehoben worden. In der Elbe ist der Lachsbestand besonders durch künstliche Lachszucht in Böhmen vermehrt worden. Im Odergebiet liegen die Laichplätze der Lachse in einigen Nebenflüsschen der Netze, der Drage und der Küddow, wahrscheinlich, weil den Lachsen der Zutritt zu den Quellgebieten der Oder in Schlesien durch die grossen Wehre bei Breslau seit langen Zeiten abgeschnitten ist, und an diesen Wehren leider noch keine Fischwege angebracht sind. In der Weichselmündung hat sich der Lachsfang infolge der Brutaussetzung in Galizien und Westpreussen ebenfalls deutlich vermehrt.

Ein dem Lachs nach Körperform, Grösse und Lebensweise sehr ähnlicher Fisch ist die Meerforelle. Auch mit ihr sind durch künstliche Fischzucht, namentlich in den holsteinischen Auen, vorzügliche Resultate erzielt worden.

Die stärkste Vermehrung durch künstliche Fischzucht dürfte der Bachforelle zu teil werden, von der alljährlich mehrere Millionen künstlich erbrüteter Jungfische zur Besetzung von Zuchtbächen und Teichen benutzt werden, um als 2–3jährige Fische zum Verbrauch ausgefischt zu werden.

Wie oben auseinandergesetzt ist, gelingt es nicht bei allen Fischen, den Laich zur künstlichen Erbrütung zu verwenden. Wo dies unbequem oder unmöglich ist, ist man für die geschützte Vermehrung der Fische darauf angewiesen, die Fische das Laichgeschäft auf natürliche Weise in ablassbaren Bassins, Teichen oder ähnlichen Behältern, deren Inhalt man in seiner Gewalt hat, vollziehen zu lassen und die gewonnene Fischbrut in geeignetem Alter wie die durch künstliche Erbrütung gewonnene zu verwenden. Die Teichzucht gehört deshalb auch zur künstlichen Fischzucht, und um so mehr, als die künstlich erbrüteten Fische zweckmässigerweise zuerst einen Sommer über in einem Teich oder einem ablassbaren Graben gezogen und erst, wenn sie hier zu kräftigen Fischchen herangewachsen sind, in die freien Gewässer übertragen werden.

Besonders häufig wird der Karpfen in Teichen gezogen[76]. Am geeignetsten für die Karpfenzucht sind flache Teiche. Da aber die Karpfen in diesen im Winter unter dem Eise leicht ersticken, so nimmt man sie im Herbst aus solchen Teichen in der Regel heraus und bringt sie in kleine, tiefe, durchströmte Teiche (Winterheller). Da eine gleiche Zahl Karpfen je nach ihrem Alter und ihrer Grösse mehr oder minder grosse Teichflächen beansprucht, so setzt man die einzelnen Jahrgänge in besondere Teiche zusammen, deren Grösse ihrem Nahrungsbedürfnis entspricht. Die für das Ablaichen und die erste Entwickelung der Brut bestimmten Teiche heissen Streichteiche. Aus ihnen überträgt man die Jungen in die sogenannten Streckteiche, wo sie 1–2 Jahre aufwachsen, bis sie zur Erreichung der Grösse, in der sie verkauft werden (meist 1–1¼ Kilo schwer), in die sogenannten Abwachsteiche kommen, in denen man ihnen meist kleine Raubfische (Hechte, Zander, Forellen) beigiebt, damit die etwa von frühreifen Karpfen erzeugte Brut sogleich beseitigt wird und nicht den zum Auswachsen bestimmten Karpfen das Futter schmälert. Man nimmt an, dass die Fische um so wohlschmeckender sind, je rascher sie gewachsen sind. Aus diesem Grunde und weil ein rasches Wachstum, ein möglichst gründliches Ausnützen des vorhandenen Futters für den Züchter offenbar von Vorteil ist, bemüht man sich, möglichst schnellwüchsige Karpfen zur Zucht zu nehmen. Man erreicht dies einerseits dadurch, dass man nur die am besten gewachsenen unter den zur Laichreife gelangten Karpfen in die Streichteiche nimmt, anderseits, indem man die Karpfenbrut schon im ersten Sommer ihres Lebens durch reichliche Nahrung und Schutz vor Feinden zu kräftigen Tieren erzieht. Ein Verfahren, um dies zu erreichen, ist von dem schlesischen Fischzüchter Dubisch erfunden. Man nimmt danach die Karpfenbrut schon acht Tage nach ihrem Ausschlüpfen mit Gazenetzen aus dem Teich und bringt sie in andere Teiche, so dass etwa 25000 auf den Hektar Teichfläche kommen. Schon nach vier Wochen fängt man sie abermals heraus und überträgt sie in andere Teiche, so dass nur 1000 Stück im Hektar enthalten sind. Im zweiten Frühjahr bringt man sie in eine dritte Klasse von Streckteichen, in welchen nur 500 im Hektar sich befinden. Endlich im dritten Frühjahr bringt man sie in Abwachsteiche und setzt in diesen auf den Hektar 200 Karpfen. Man erzielt auf diese Weise pro Hektar Teichfläche etwa 120 Karpfen von etwas über 1 Kilo Schwere, was einem jährlichen Ertrag von etwa 162 Mark aus jedem Hektar entspricht.

Mit Hilfe der künstlichen Erbrütung von Eiern und der durch das Dubisch-Verfahren vervollkommneten Teichwirtschaft hat man auch eine Anzahl ausländischer Fischarten in Deutschland eingeführt, die man zwar noch nicht gut als der deutschen Fauna angehörig betrachten kann, die aber teilweise doch einmal eine Rolle in unserer Tierwelt werden spielen können.

Man sollte bezüglich der Einführung neuer Fischarten sein Augenmerk zunächst auf die Gegend wenden, von wo die meisten unserer einheimischen Fischarten herstammen, nach Osteuropa und Nordasien, da die Fische dieser Gegenden sich ohne Zweifel in ähnlichen Lebensverhältnissen befinden, wie unsere einheimischen. Man hat aus dieser Gegend den Sterlett in die norddeutschen Ströme einzuführen versucht; leider sind die Fische bezw. Eier auf dem Transport meist zu Grunde gegangen, wahrscheinlich nur infolge von Zufälligkeiten.

Am leichtesten gelingt der Transport der sich langsam entwickelnden Eier der Salmoniden. Man hat in dieser Form nicht nur europäische Lachse und Forellen nach Tasmanien und Neuseeland[77], Forellen und Maränen[78] nach Amerika gebracht, sondern auch eine ganze Anzahl von Salmoniden Amerikas in Deutschland eingeführt[79]. Von diesen sind der Bachsaibling (Salmo fontinalis Gemminger) aus den Bächen Nordamerikas und die Regenbogenforelle (Salmo irideus, Livingston Stone) aus dem Höhenlande Kaliforniens weit verbreitet und, der erstere in rasch fliessenden Bächen, die selbst der Forelle zu reissend sind, die letztere auch in Teichen, vortrefflich gediehen. Auch einige amerikanische Sommerlaicher sind durch die Bemühungen des Fischzüchters M. von dem Borne in Deutschland verbreitet. Es sind dies der Schwarzbarsch (Grystes nigricans Günther) und der Forellenbarsch (Grystes salmoides Gü.), zwei Fische der Barben- und Bleiregion, denen ein vorzüglich feines Fleisch zugeschrieben wird und die bezüglich ihrer Lebensbedingungen, wenigstens was die Reinheit des Wassers betrifft, anspruchsloser als die feineren einheimischen Tafelfische sind[80], — ferner, erst neuerdings eingeführt, der Steinbarsch, Centrarchus aeneus C., aus dem Mississippi[81], und der Zwergwels, Amiurus catus Jord. u. Gilb., aus den flacheren Gewässern dieses Gebietes[82].

Auch innerhalb unseres Gebietes haben mehrere Fischarten mit Hilfe der Fischzucht oder der aus derselben gezogenen Erfahrungen eine weitere Verbreitung erhalten, als ihnen von Natur zukommt. Dahin gehört der Karpfen, der seit alter Zeit in ganz Deutschland gezüchtet wird, und der Zander, welcher in die Gebiete des Rheins, der Ems und der Weser, sowie in zahlreiche norddeutsche Seen, in denen er bisher fehlte, künstlich eingeführt ist.

Vorzügliche Resultate sind mit der Verbreitung der Aalbrut erreicht worden, die in den Mündungen des Po und der Flüsse der französischen Ozeanküste in Menge gefangen wird. Direktor Haack bringt jährlich grosse Massen davon nach Hüningen, von wo die jungen Tiere in feuchtes Kraut verpackt bequem mit der Post versendet werden. Zahlreiche Gewässer, welche die Aalbrut auf ihrer Wanderung nicht aufsuchen kann, sind auf diese Weise mit Aalen bevölkert worden. Auch ist ein gross angelegter Versuch gemacht worden, das Donaugebiet, das wie alle Flussgebiete des Schwarzen Meeres den Aal bisher nicht besass, mit diesem Fisch zu besetzen. Zahlreiche junge Aale sind in dem oberen Donaugebiet ausgesetzt worden und die Tiere wuchsen dort gut auf. Der grösste Teil der eingesetzten Brut bestand indessen aus Weibchen. Um die Fortpflanzung zu sichern, wurde daher eine grosse Zahl erwachsener Aalmännchen aus der Nordsee in das Schwarze Meer gebracht. Man hofft dadurch den Fortbestand der Aale im Gebiete des Schwarzen Meeres gesichert zu haben.