Fig. 50.
(Nat. Grösse für ½ ccm.)
Haben wir uns eine genügende Verdünnung hergestellt, dann kann die Zählung beginnen. Hierzu wird das Zählmikroskop[XCVIII] benutzt. Dieses Mikroskop zeichnet sich durch seinen Objekttisch aus. Dieser ist so gross, dass er Glasplatten von 11½ × 10 cm fassen kann, und was die Hauptsache ist, er ist durch zwei Schrauben sowohl von vorn nach hinten, als seitwärts verschiebbar. Auf den rahmenförmigen Objekttisch werden Glasplatten aufgelegt, die fein mit dem Diamanten liniiert sind und zwar hat jede Platte ein bestimmtes Liniensystem. Wählt man die passende Vergrösserung, so kann man im Gesichtsfelde zwei parallele Linien laufen sehen, und wenn man an einer seitlichen Schraube dreht, so bewegt sich die Glasplatte langsam weiter, wobei man immer den Raum zwischen denselben Linien im Auge behalten kann. Ist man am Ende eines Zwischenraumes angelangt, so wird mit Hilfe der anderen Schraube der Objekttisch senkrecht zu der vorherigen Richtung um einen Zwischenraum weiter gedreht und dann in diesem die Beobachtung weiter fortgesetzt. So kann man allmählich die ganze Platte mit dem Mikroskop untersuchen und ist sicher, dass kein Punkt übersehen ist.
[XCVIII] Hensen, [Planktonwerk] S. 17 und Taf. I Fig. 2.
Bringen wir nun auf eine liniierte Glasplatte ein bestimmtes Mass einer Verdünnung, so können wir die Zahl der einzelnen Organismen, die sich in diesem Volumen befinden, bestimmen. Die Verdünnung wählt man am besten so, dass man von der häufigsten Spezies nie mehr als 3000 und nie weniger als 1000 auf der Platte hat. Würde es sich nur um eine Spezies handeln, so wäre die Zählung leicht auszuführen. Man brauchte nur die Platte allmählich zu durchsuchen und jedes Individuum, das in das Gesichtsfeld kommt, zu zählen, dann wüsste man, wie viel Organismen auf der Platte sind und könnte, da man die Verdünnung kennt, die Summe der Organismen im ganzen Fange berechnen. Hätten wir z. B. eine Verdünnung von 1 : 10 angewendet und 1 ccm Verdünnung durchgezählt und fanden 146 Coscinodiscen, dann wären im ganzen Fange (von 500 ccm) 146 × 10 × 500 = 730000 Coscinodiscen vorhanden.
Handelt es sich jedoch um mehrere Spezies, so kann man diese nicht im Kopfe getrennt zählen. Doch auch hier hat Hensen Rat geschafft. Da in einem Fange 30–50 verschiedene Spezies von Tieren und Pflanzen vorhanden sind, so werden an einem Setzerkasten, der ebenso viel Fächer enthält, die Namen der vorhandenen Organismen angebracht, für jede Spezies ein Fach. Untersucht man jetzt eine Platte, so werden die mannigfaltigen Organismen nicht mehr gezählt, sondern sobald irgend einer im Gesichtsfelde sich blicken lässt, wird für ihn ein Pfennig (Spielmarke etc.) in sein betreffendes Fach gelegt. So kann man leicht eine Platte, auf der sich 50 verschiedene Arten durcheinandergemengt befinden, zählen. Auf den ersten Platten werden die Diatomeen, die meist am zahlreichsten in einem Fange vorhanden sind, gezählt, andere Organismen natürlich auch berücksichtigt. Zuerst wird ein stark verdünnter Teil des Fanges genommen, da trotzdem genug Individuen auf die Platte kommen. Die Vergrösserung muss anfangs sehr stark sein, etwa 200, zum Zählen der Diatomeen und anderer Algen. Auf die Platte kommt nur 0.1 ccm Flüssigkeit, die mit der betreffenden Stempelpipette abgemessen wird. Für die starke Vergrösserung bildet diese geringe Wasserschicht aber immerhin noch ein Hindernis alle Organismen zu sehen; hat man das Mikroskop auf die Oberfläche der Platte eingestellt, so entgehen einem die Organismen, die an der Oberfläche der Flüssigkeit sich befinden. Daher ist es vorteilhaft, die Diatomeen trocken zu zählen. Es wird zu diesem Zwecke ein bestimmtes Volumen Flüssigkeit auf eine Platte gebracht und diese dann der Wärme eines heizbaren Objekttisches oder eines Ofens ausgesetzt, damit die Flüssigkeit verdunstet; dann sind die Diatomeen auf der Platte in einer Ebene ausgebreitet und können nicht so leicht übersehen werden. Da die Mischungen und Verdünnungen nie ganz genau sein können, so wird natürlich die Zählung jeder neuen Platte etwas abweichende Resultate ergeben, es fragt sich daher, wie lange eine Spezies gezählt werden muss; wann solch ein Grad von Genauigkeit erreicht ist, um von den wenigen Zählungen auf die quantitative Zusammensetzung des ganzen Fanges schliessen zu können. Im allgemeinen lässt sich sagen, dass es bei den häufigsten Formen genügt, wenn man einen Bruchteil (z. B. ⅒) der Quadratwurzel sämtlicher Individuen zählt. Haben wir (siehe Protokoll) auf der ersten Platte für Melosira 27 Fäden gefunden und wissen wir, dass die durchzählte Wassermasse der 5000000. Teil von dem ganzen Fange ist, so würden wir nach dieser ersten Zählung schliessen, dass 135000000 Melosira im Fange sein werden, daraus nehmen wir ⅒ der Quadratwurzel = 1162. Haben wir also mindestens 1162 Melosira gezählt, so können wir diese aus den Zählungen ausscheiden, d. h. wir brauchen sie nicht mehr mitzuzählen.
Um die Genauigkeit zu finden, bis zu welcher die Zählung erfolgen muss, führt Hensen[XCIX] noch folgende Erwägung an. Nachdem einige Zählungen gemacht sind, zieht man aus diesen das Mittel. Denken wir nun, dass noch eine Zählung hinzugekommen wäre und diese mit der am meisten abweichenden übereinstimmen würde, und nähmen wir dann aus diesen das Mittel, so genügen die Zählungen, wenn das Resultat sich nicht mehr als um 5% ändert. Im Protokoll finden wir für Melosira die Zahlen 382, 396, 396, Summe 1174, Mittel daraus 391. Käme noch eine Zählung hinzu und zwar 382, so wäre die Summe 1556, Mittel daraus 389.
[XCIX] [Planktonwerk] S. 21.
| Es verhält sich 391 : 100 | = | 389 : x, |
| x | = | 9.4. |
Das Resultat weicht also nur um 0.6% ab, die Zählung ist genau genug, kann also unterbrochen werden; jedoch ist es stets besser, mehr Platten zu zählen, als zu wenig.
Haben wir eine genügende Genauigkeit erreicht, so können wir die Diatomeen beim Zählen überspringen und schwächere Verdünnung und schwächere Vergrösserung zur Zählung benutzen. Für seltenere Formen wird schliesslich die erste Verdünnung benutzt und von dieser 1 ccm, zuletzt 2.5 durchzählt, was meist sehr schnell geht, da man nur mit sehr schwachen Vergrösserungen zu arbeiten braucht und nur wenige Tiere zu zählen hat.