Er lachte rauh auf, als er aufstand und durch eines der Erkerfenster in den dunkelblauen Abendhimmel hinausblickte. »Es ist ein Glück, daß ich etwas anderes als Narrenpossen im Kopfe habe, sonst könnten mir jene grauen Augen gefährlich werden, fürchte ich!«

Aber er hatte etwas anderes im Kopfe, das ihn beschäftigte, und sein Antlitz wurde düsterer und strenger, als er darüber nachsann. Nicht an Florences graue Augen, noch an die hellbraunen Locken auf ihrer weißen Stirn, noch an ihre schöngeschweiften roten Lippen dachte er. Er begann in dem engen Raume hin und her zu schreiten und beim Gehen vor sich hinzumurmeln.

»Was wohl das Ende sein wird? Wird überhaupt ein Ende kommen? Jetzt, wo ich hier bin, steigen zum erstenmal Zweifel in mir auf, ob — wenn ich nicht mein Wort verpfändet hätte — es nicht verständiger gewesen wäre, ich hätte alles gehen lassen, wie es wollte, und niemals diesen Ort betreten? Mein Plan sah Tausende von Meilen von hier nicht so verwegen, nicht so hoffnungslos aus, wie er mich jetzt dünkt. Soll ich ihn aufgeben, trotz meines gegebenen Wortes wieder gehen?«

Seine Augen flammten plötzlich auf; er ballte seine kräftige Hand. »Bah! Welche Feigheit ist das auf einmal! Ihn aufgeben! Ich will der Wolke gedenken, die meine Jugend verdüstert hat, des Sterbebettes, an dem ich vereinsamt stand, meiner acht Jahre einsamer Arbeit und schweren Ringens, und will nicht den Mut sinken lassen, noch ehe meine Arbeit anfängt!«

Er blieb stehen, um wieder aus dem Fenster zu starren. »Nun, der erste Schritt ist getan. Ich bin hier in Mellions, dessen Name mir fast von meiner Kindheit an vertraut und verhaßt ist. Aber um wieviel näher bin ich jetzt wohl meinem Ziele — wieviel näher daran, Robert Bontine zu finden?«

2.

Das sogenannte getäfelte Zimmer in Turret Court hatte verschiedene Vorzüge, die es erklärlich machten, daß es der Lieblingsaufenthalt der Damen der Familie war. Die bemalten, in die Wände eingefügten Holzplatten waren hervorragende Kunstwerke; die bis auf den Boden hinabgehenden Glastüren führten auf eine von Schlinggewächsen berankte Veranda, vor der sich gleich einem grünen Sammetteppich ein herrlicher, von prangenden Blumenbeeten und üppigem Gesträuch eingefaßter Rasen ausbreitete, und von der man überdies eine wundervolle Aussicht über die Heide nach den zackigen Bergkuppen hinüber und auf das ferne Meer genoß. Turret Court lag hoch, so hoch, daß man von dort das Tal, in dessen grünem Schoße St. Mellions lag, sehen konnte.

Das Zimmer enthielt den einzigen Lehnstuhl im ganzen Hause, in dem die sanfte Lady Agathe behauptete, ein behagliches Mittagsschläfchen halten zu können, und ferner das Klavier, zu dessen Klängen ihre Tochter immer am besten singen konnte. Der größte Vorzug aber von allen war, wie Gräfin Florence mehr als einmal kühn ausgesprochen hatte, daß Sir Jasper seine Schwelle höchstens zwölfmal im Jahre überschritt. Indessen nur Roy pflichtete ihr darin offen bei, denn Sir Jasper war kein angenehmer Mann, und sowohl seine sanfte Frau wie sein hübsches Töchterchen waren viel zu bange vor ihm, um einzugestehen, daß sie sich vor ihm fürchteten.

An dem heutigen sonnigen Morgen war er nicht in der Nähe des getäfelten Zimmers, sonst hätte dort nicht so heiteres Behagen geherrscht. Lady Agathe saß an einer der offenen Glastüren in dem Stuhle, den sie so hoch hielt, und las in einem Roman, dessen Gewicht fast zu groß für ihre zarten weißen Hände zu sein schien. Sie war eine schlanke, blasse, blonde Frau, die einst hübsch gewesen war, von jener blonden, rosig angehauchten Schönheit, die meistens so früh verblüht. Ihre zierliche Gestalt und das schmale, feine Antlitz mit den sanften Augen hatten noch etwas Mädchenhaftes, obgleich sie schon zwei oder drei Jahre über die Vierzig hinaus war. Sanft und gutherzig, ohne je eine eigene Meinung zu haben, und keinesweges gescheit, war sie doch in jedem Zoll die vornehme Dame, wie es von der Tochter eines der ältesten irischen Grafengeschlechter zu erwarten war. Das Geschlecht der Mortlakes auf Turret Court sei sehr alt, aber doch nichts gegen die Esmonds von Ballancloona, pflegte Lady Agathe bisweilen mit unschuldiger Eitelkeit zu sagen; nicht um die Welt hätte sie eingestanden, was ihre innerste Überzeugung war, — daß es eine ziemliche Herablassung von ihr gewesen war, die Frau ihres Mannes zu werden. Ihre Hauptbeschäftigung und Freude war es, Romane zu lesen oder dem Geplauder ihrer beiden jungen Gefährtinnen zu lauschen, die in bequemen Schaukelstühlen auf der Veranda saßen. In ihren weißen Kleidern sahen die beiden Mädchen schneeiggefiederten Vögeln nicht unähnlich.

Florences graue Augen blitzten schelmisch, während sie ihre Cousine ansah, aber es leuchtete auch tiefe, leidenschaftliche Zuneigung aus ihnen. Diejenigen, die Florence Esmond am besten kannten, pflegten zu sagen, daß, wenn sie kein Geheimnis daraus machte, Sir Jasper Mortlake, ihren Vormund, beinahe zu hassen, sie seine Frau und Tochter vergötterte und den jungen Roy kaum weniger liebte. Die Behauptung war nicht sehr übertrieben, denn es entsprach des Mädchens innerster Natur, heiß zu lieben, wo es überhaupt liebte.