Der September mit seinen kühlen Morgen, seinen sonnigen Tagen und seinen Nachtfrösten war gekommen und fast vorüber. Vier Wochen waren seit der Verlobung der Gräfin Esmond mit Everard Leath vergangen, und die Herzogin war in Turret Court eingetroffen.

Nicht der eigene Wille Ihrer Durchlaucht hatte ihr Kommen so verzögert. Ein plötzlich aufgetretenes Unwohlsein, das, wie sie zornig behauptete, allein durch Aufregung veranlaßt worden — hatte sie in ihrem Gasthofe in Pontresina festgehalten. Sobald ihr Arzt ihr die Erlaubnis gab, zu reisen, wurden ihre Koffer gepackt, und sie befand sich auf dem Wege nach England, mit der Absicht, sofort die unbegreifliche Verlobung, die ihr Mündel eingegangen, zu lösen. — Die Verlobung, die Sir Jasper Mortlake in sündhafter Borniertheit wahrhaftig gebilligt hatte. Noch nie in ihrem Leben war die Herzogin so empört und entrüstet gewesen, und niemals war ein Gast irgendwo in gereizterer Stimmung angelangt als Ihre Durchlaucht, da sie ihren Einzug in Turret Court hielt.

Und niemals erlitt irgend jemand eine größere Niederlage, als ihr bei den Verhandlungen mit ihrem Wirte zuteil wurde. Mit steinerner Höflichkeit hörte der Baron alles an, was die Herzogin zu sagen hatte, und antwortete nur mit wenigen Worten. Er hätte seine Einwilligung zu Florence Esmonds Verlobung mit Herrn Leath gegeben und sähe keinen Grund, sie zurückzunehmen. Wenn es Ihrer Durchlaucht gefallen sollte, die ihrige zu verweigern, so wolle er sie daran erinnern, daß das weiter keinen Unterschied mache, da es nur der Zustimmung eines ihrer Vormünder bedürfe, um Gräfin Esmond ihr Vermögen zu sichern. Er glaube übrigens, daß alles, was nötig, gesagt sei, und schlüge vor, die Unterhaltung abzubrechen. Nichts konnte von steiferer Artigkeit, nichts würdevoller und entschlossener sein als die Verbeugung, die er bei diesen Worten machte. Sie bildete das Ende der Zusammenkunft, aus der sich seine Gegnerin zum erstenmal in ihrem Leben geschlagen zurückzog.

»Ihr müßt alle miteinander verrückt geworden sein, Agathe! Eine andere denkbare Erklärung für diese schmachvolle Verlobung gibt es nicht!« rief die Herzogin wütend, als sie sich auf ein Sofa, dem Lehnstuhl der sanften Hausherrin gegenüber, niederließ.

Die Durchlaucht war eine blonde, stattliche Frau, deren schwarzes Kleid sie noch hübscher und stattlicher erscheinen ließ. In ihren Adern floß schottisches Blut, und ihr Antlitz mit der scharfgebogenen Nase trug einen herrischen, launischen Zug, der dem seligen Herzog seinerzeit einen heilsamen Schrecken eingeflößt hatte, nicht mehr indessen als der Lady Agathe, der das Herz unter dem Blick der glänzenden hellbraunen Augen angstvoll zu klopfen begann.

»Ich — was meinst du, Honoria?« stammelte sie. »Sprichst du von Florences Verlobung?«

»Wovon denn sonst?« rief die Herzogin. »Bitte, weißt du, daß dein Mann zu diesem tollen Unsinn seine Einwilligung gegeben hat?«

Lady Agathe lächelte matt.

»Gewiß, Honoria. Du wirst dich erinnern, daß ich dir das in meinem Briefe mitteilte.«

»Und ich glaubte deinem Briefe nicht. Aber ich finde, daß es wirklich der Fall ist. Er willigte ein und weigert sich — weigert sich, — anderen Sinnes zu werden!«