»Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß ich mit Sir Jaspers voller Einwilligung mit Herrn Leath verlobt bin. Unter diesen Umständen würde es schwer sein, ihm das Haus zu verbieten, obwohl Tante Agathe Ihnen bestätigen wird, daß er sich nur sehr selten blicken läßt und die Gastfreundschaft des Hauses nicht mißbraucht. Seine Besuche hier werden mir abgestattet. Es ist mein Recht, meinen zukünftigen Gatten zu empfangen. Sie wünschen ihn zu sprechen? In fünf Minuten werde ich mit ihm hier sein.«
22.
Everard Leath stand, seine Braut erwartend, in dem getäfelten Zimmer, in das er stets geführt wurde, wenn er nach Turret Court kam. Mitunter war Roy zugegen, der ihn mit lauter Stimme herzlich begrüßte, oder Cis, oder schließlich Lady Agathe, die sich mit ein paar verlegenen Worten und einer steifen, halb ängstlichen Verbeugung hastig aus dem Staube machte; aber in der Regel sah er niemand als Florence. Er wünschte allerdings auch niemand sonst zu sehen, denn es schien ihm äußerst gleichgültig zu sein, mit welchen Augen ihn die Familie im allgemeinen ansah. Auf seine einzige Unterhaltung mit Sir Jasper war nie eine zweite gefolgt, und damals hatten sie kaum ein Dutzend Sätze gewechselt. Eine oder zwei Einladungen zum Mittagessen waren von dem Baron an ihn ergangen, aber er hatte sie alle kurz abgelehnt, und von dem Tage an, an dem sie versprochen, sein Weib zu werden, bis heute, hatte er treu Wort gehalten und nicht ein einziges Mal den Namen Robert Bontine gegen Florence erwähnt.
Die Tür ging auf, und sie trat eilfertiger als sonst ein — gewöhnlich zögerte sie ein wenig, ehe sie zu ihrem Verlobten kam, dem sie die täglichen Zusammenkünfte gewährt, weil sie es nicht wagte, sie ihm abzuschlagen. Ihm fiel der Unterschied sofort auf, ebensowohl wie das ungewohnte Beben ihrer Hand, als er diese faßte.
Er tat selten mehr als das, aber der wenigen Male, da er sie geküßt hatte, erinnerte er sich nicht besser als sie.
»Du bist erregt,« sprach er sanft. »Wie deine Hand zittert, Kind! Was gibt es denn?«
Er hielt sie dabei viel zu fest, als daß sie noch hätte zittern können, und blickte zu ihr nieder. Der Tag war ungewöhnlich düster und grau gewesen, und obgleich der Abend kaum angebrochen, war es dunkel im Zimmer, denn das Kaminfeuer war tief herabgebrannt und verbreitete nur wenig Helligkeit. Er erriet, mehr als daß er sah, daß sie blaß war und ihre großen verstört blickenden Augen einen ihm fremden Ausdruck hatten. Es geschah nicht oft, daß sie so zu ihm emporsahen, und für den Augenblick bezauberten sie ihn so, daß er die ängstliche Vorsicht, mit der er sich zwang, ihr zu begegnen, außer acht ließ. Er schloß sie warm und zärtlich in die Arme, wie er es hätte tun können, wenn sie ihn geliebt hätte.
»Was gibt es, Florence? Was hat dich so aus der Fassung gebracht, mein Liebling?«
Wenn sie ihn geliebt hätte, wie würde sie sich innig an ihn geschmiegt, wie würden sie zusammen gelacht haben über die Herzogin und ihre Drohungen und ihren Zorn! Der Gedanke durchzuckte sie, während sie erschauerte und — zu stolz, sich zu wehren — starr dastand.
»Lassen Sie mich los, bitte!« stieß sie zwischen den Zähnen hervor. »Ich habe Sie schon öfter gebeten, mir dies zu ersparen, Herr Leath.«