Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann hub Sherriff in heiterem Tone wieder an:
»Ich will ein Weilchen hinuntergehen, Everard. Ich bin, wie gesagt, ein alter Bursche, und die Unruhe und Aufregung der letzten Tage hat mich doch ziemlich angegriffen. Nein, gehe nicht mit, das ist nicht nötig. Du wolltest rauchen, bleibe hier und zünde dir eine Zigarre an.« —
Er entfernte sich. Leath folgte der hohen, weißhaarigen Gestalt mechanisch mit den Augen und wandte sich dann wieder landwärts. So scharf auch seine Augen waren, so konnten sie jetzt nichts mehr unterscheiden. Himmel und See allein waren sichtbar. England war verschwunden. Er zuckte die Achseln und brach in ein bitteres Lachen aus.
»Verschwunden!« sagte er halblaut vor sich hin. »Um so besser für mich! Wenn ich es nie gesehen, würde es noch besser sein — und hätte ich sie nie mit Augen geschaut, am besten!«
Es kam jemand hinter dem großen Stapel Kisten und Koffer hervor. Die Person war ihm so nahe, daß er sie hätte berühren können, wenn er die Hand ausgestreckt hätte; aber ihre behutsamen Bewegungen waren lautlos, und er wandte sich nicht um. Seine Augen blickten unverwandt in die Ferne, als er am Schiffsbord lehnte — für ihn waren der bleifarbene Himmel und das graue Meer von Bildern belebt, von Bildern eines einzigen Gesichtes. Heiter und sinnend, lächelnd und wehmütig, liebevoll und leidenschaftlich erregt, reizend in jedem wechselnden Ausdruck schwebte Florences holdseliges, verlorenes Antlitz vor ihm. Nur ein Ausdruck ließ es kalt und starr erscheinen, und den trug es am häufigsten. Welcher Haß, welch angstvolle Scheu, welch zornige Empörung lagen darin! Was Leath auch sonst vergessen mochte, nie würde das Antlitz aus seinem Gedächtnisse entschwinden, mit dem sie an jenem Abend vor ihm zurückgewichen, als sie ihm ihr ›Niemals — niemals!‹ zugerufen hatte.
»Sie mag recht gehabt haben,« sagte er, unwillkürlich wieder vor sich hinsprechend, »es sprach Haß aus ihren Zügen. Und doch, jetzt, wo alles vorüber ist, kann ich nicht anders als mir die Frage vorlegen: Bin ich ein Tor gewesen, sie aufzugeben? Wenn ich sie gezwungen, ihr Wort zu halten, würde ich trotz allem ihre Liebe gewonnen haben? Es hätte wenigstens sein können. Ja — und vielleicht hätte sie mich ewig gehaßt. Besser so!«
Die Gestalt schlich näher, aber sie glitt so leise und still wie ein Schatten dahin. Everard richtete sich mit einer ungeduldigen Bewegung empor.
»Ich bin ein weichmütiger Narr, daß es mir so nahe geht,« murmelte er, »aber sie hätte mir doch Lebewohl sagen können! Sie hätte mir wenigstens ein Wort des Dankes gönnen müssen dafür, daß ich sie freigegeben.«
»Everard!«
Der Name wurde von Lippen geflüstert, die dicht an seiner Schulter waren; eine Hand berührte ihn. Mit einem Schrei, den er nicht unterdrücken konnte, drehte er sich hastig, von Staunen überwältigt, ungläubig um. Florence war neben ihm, Florence, mit einem Gesicht, in dem Weinen und Lachen miteinander kämpften! Dann, im nächsten Augenblicke, war Florence in seinen Armen und schmiegte sich an ihn — Liebe lag in ihrer Berührung, Liebe in ihren Augen, Liebe in den bebend hervorgestoßenen Worten der Abwehr und des Flehens, Liebe in dem Kusse, mit dem ihre Lippen den seinen begegneten, als er sie voll Leidenschaft an die Brust drückte. Aber er war bestürzt, wie betäubt von einer Freude, an die er nicht zu glauben wagte.