Ein langer und fester Händedruck besiegelte den Vertrag, und das Gespräch der beiden drehte sich für den Rest des Abends nur um die nahe bevorstehende Reise und die nötigen Vorbereitungen. Beide waren ruhig und heiter, und der Name der Gräfin Florence wurde nicht ein einziges Mal erwähnt. Nur als sie sich ›Gute Nacht‹ wünschten und Sherriff die Hand seines jungen Freundes in der seinen hielt, sagte er:
»Noch ein Wort, mein lieber Junge, und wenn es gesprochen, brauchen wir, nur wenn du es wünschen solltest, das Thema nie wieder zu berühren. Es mag vielleicht unrecht gewesen sein — ja, ich leugne es nicht, es war unrecht — Gräfin Florence zu zwingen, sich mit dir zu verloben; aber ich begreife wohl, wie groß die Versuchung war, da ich weiß, wie innig du sie liebst, und ich muß dir sagen, daß du das mehr als wieder gutgemacht und edel gehandelt hast, als du ihr ihr Wort zurückgegeben und doch alles geopfert hast, was dir von Rechts wegen gehört hätte. Du hast wie ein Ehrenmann gehandelt, und ich bin stolz auf dich.«
»Ich tat das einzige, was ich überhaupt konnte,« gab Leath düster zur Antwort. »Vielleicht barg sich ebensoviel Selbstsucht wie Selbstaufopferung dahinter. Ich konnte jener armen Frau nicht das Herz brechen und nicht Schmach und Schande über ihre beiden Kinder bringen. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich es je fertig gebracht hätte, das zu tun. Der Gedanke wollte mir nie recht in den Sinn, das weiß Gott! Und das Mädchen, das ich liebe, zum Weibe zu haben, während sie mich gehaßt, würde mich, glaube ich, zum Wahnsinn getrieben haben.«
»Das glaube ich gern. Und deshalb,« sprach der alte Mann, »gehen wir miteinander nach Australien, Everard, und von allem, was du zu erlangen hofftest, nimmst du nichts mit zurück — gar nichts!«
»Nichts!« lautete die bittere Antwort. »Nicht einmal ein Wort des Dankes von ihr dafür, daß ich sie freigegeben!«
Unter einem grauen Oktoberhimmel, der nur im Westen, wo die Sonne eben untergegangen, rot erglühte, stampfte der große Ozeandampfer, die ›Etruria‹, durch die sich höher und höher auftürmenden Wogen. Die Klippen der felsigen Küste Cornwalls waren nur noch in nebelhaften Umrissen wahrnehmbar, nur die beiden großen, violetten Spitzen von Kap Lizard ragten noch klar und deutlich empor — das letzte sichtbare Wahrzeichen Englands. Viele Augen an Bord des großen Schiffes waren traurig und sehnsüchtig darauf gerichtet, als es nach und nach in der Ferne verschwamm, — war es doch für viele der letzte Blick auf jenes Land, das ihnen, auch in weiter, weiter Ferne, doch stets die Heimat bleiben würde. Aber kein Auge blickte wehmütiger als das des hohen, weißhaarigen alten Mannes, der neben einem jüngeren in einem stillen Winkel des oberen Decks stand, halb verborgen durch die hoch aufgestapelten Koffer und sonstigen Gepäckstücke, die mit den letzten Passagieren in Plymouth an Bord genommen und noch nicht in den Gepäckraum hinabgeschafft worden waren. Das große Vorgebirge war nur noch ein wolkiger Fleck zwischen dem grauen Wasser und dem grauen Himmel, und als Sherriff sich mit einem Seufzer umwandte, begegnete er dem stillen, teilnehmenden Blicke seines Gefährten.
»Es wird mir schwer, Everard,« sprach er, gleichsam als Antwort auf diesen Blick, »ich leugne nicht, daß es mir schwer fällt. Ich bin, wie gesagt, eigentlich zu alt, um anderswo Wurzel zu schlagen, mein Junge! Aber es ist überstanden, und ich bin froh, daß ich hier bin. Den Verlust Englands werde ich nicht so empfinden, wie ich deinen Verlust empfunden hätte.«
Sie gaben sich die Hände.
»Ich hoffe, daß Sie es nie bereuen mögen,« meinte Leath leise.
»Bereuen werde ich es nicht. Das Trennungsweh ist überstanden mit dem letzten Blick auf England. In dem Lande, das das Grab meiner Mary umschließt, in dem der Sohn meiner Mary lebt, werde ich mich sicherlich zu Hause fühlen.«