Noch einen Tag – und die Menschheit atmete viel freier. Es war zweifellos, sagt der Augenzeuge, daß wir bereits unter dem Einflusse des Kometen standen, und doch lebten wir immer noch. Ja, wir erfreuten uns sogar einer viel größeren Elastizität der Glieder und einer ganz außergewöhnlichen geistigen Spannkraft. Aber auch die Vegetation hatte sich zur selben Zeit ganz merkwürdig verändert. Alle Pflanzen entfalteten wie durch einen Zauberspruch eine so wunderbare Blüten- und Blätterpracht, wie sie vorher noch nie gesehen worden war.

Aber auch noch eine andere, höchst seltsame Erscheinung griff bei allen Menschen Platz: die erste Empfindung des Schmerzes gab das Zeichen zu allgemeinem Wehklagen und Schrecken. Dieser Schmerz äußerte sich in einer heftigen Zusammenziehung der Brust und der Lungen und in einer fast unerträglichen Trockenheit der Haut. Es ließ sich nicht mehr leugnen, daß die Luft ganz und gar infiziert war. Als die wissenschaftliche Forschung dies bestätigte, ging mit Blitzesschnelle ein Schaudern, das sich bald in furchtbarsten Schreck verwandelte, durch das Herz jedes fühlenden Menschen.

Die Luft verlor ihren Gehalt an Stickstoff … Dagegen vermehrte sich in ganz auffallender Weise ihr Gehalt an Sauerstoff, dem Haupterfordernis zum Atmen und zum Leben. Der Komet war da und das war seine Wirkung. Die Überreizung der Lebensgeister und die Pracht, die die Pflanzenwelt entfaltete, waren die ersten Symptome. Wenn aller Stickstoff der Luft entzogen war, dann mußte eine unabänderliche, alles sofort vernichtende Verbrennung aller Dinge auf Erden stattfinden, der auf keine Weise zu entrinnen war.

Der letzte Tag des Lebens … Wir atmen eine Luft, die sich zusehends ändert. Das Blut strömt ungestüm in seinen engen Gefäßen. Eine wahnsinnige Wut bemächtigt sich aller Lebenden, die geballte Faust strecken sie dem zürnenden Himmel entgegen und vor Angst zittern sie und schreien heftig … Einen Augenblick lang erscheint plötzlich ein seltsames, unheimliches Licht, das überallhin dringt und alles beleuchtet … Dann läßt sich ein schriller, durchdringender Donner vernehmen, als ob der Herr selbst gesprochen hätte – und die ganze gewaltige Menge der Luft, die uns umgibt, in der wir lebten, hatte sich mit einem Schlage in ein furchtbares Feuermeer verwandelt …«

So Edgar Poe. Schon die bloße Erzählung einer derartigen Katastrophe macht uns schaudern. Aber unser Komet ist nicht so gefährlich. Er ist ein ehrsamer Reisender, der nur Land und Leute sehen will und der uns in seiner Begleitung eine wirkliche »Reise um die Welt« machen läßt, gegen die eine Reise um die irdische Welt ein wahres Kinderspiel ist.


Drittes Kapitel.
Morgenröte der Erde.

Wie klein der Erdball auch immer war und welch bescheidene Stellung er auch in der unendlichen Schöpfung einnehmen mochte, so zeigte er sich doch recht wohl der Beachtung würdig, mit der ihn unser Komet beehrte. Nicht immer machen Gestalt und Größe den Wert eines Geschöpfes aus, sondern das Geschöpf selbst als Erzeugnis einer unendlichen Macht trägt an der Stirn das Siegel seines göttlichen Urhebers. Der kleinste Gegenstand, den die Natur geschaffen hat, ist so wunderbar wie der größte; die Allmacht, die ihn ins Leben gerufen, hat ihn für immer gezeichnet, und so sehen wir auch, daß sich in einem Wassertropfen das Sonnenlicht ebenso leuchtend spiegelt wie in dem großen Ozean. Auf seinen langen Wanderungen hatte sich unserem Weltreisenden diese Beobachtung schon längst aufgedrängt, und wenn er sich seinen Gedanken überließ und die auf seiner Reise gewonnenen Eindrücke geistig verarbeitete, dann konnte er nicht umhin, auch der Erde den Platz anzuweisen, der ihr durch den Adel ihrer Geburt zukam.

Was die Erde betrifft, so zeigte auch sie allmählich, von welch vornehmer Herkunft sie war. Ganz unmerklich zog sie ihre Kinderschuhe aus und entledigte sich ihrer ungestalteten Formen, um schönere dafür einzutauschen. Sie strebte nach Zierlichkeit der Erscheinung. Früher zeigten Pflanzen und Tiere ein rohes, unförmliches Aussehen und boten dem Auge wenig Reiz; die Bäume, von schwermütigem Charakter, hatten weder Blüten noch Blätter, die Tiere mußten des wärmenden Pelzes, der schützenden Wolle, des Federkleides entbehren, und auch sie hatten noch keinen Schmuck angelegt. Aber zu der Zeit, die wir jetzt erreicht haben, konnte man bei den Pflanzen bereits Blüten und Blätter, bei den Tieren schon prächtig gefärbte Bekleidungen erkennen. Die Familie der Proteazeen wies in den verschiedenen Banksia-Arten bereits großartige Pflanzen mit schöngestalteten fruchttragenden Zweigen auf.

Unter den Mimosoideen gab es schon Akazien und andere Pflanzen, die man heute nur noch im fernen Australien findet, dessen Pflanzen- und Tierwelt ja noch vielfach an die der Urwelt erinnert. Birken, Buchen, Nußbäume, Erlen erhoben sich neben Palmen, Tannen, Zypressen und Eibenbäumen, und die Arten waren nicht wie heutzutage durch die Schranken geographischer Verbreitung voneinander getrennt. In den Sümpfen, auf den Teichen und in den Flüssen sah man noch Schachtelhalme und Wasserkastanien; aber die riesigen Blumen aus der Familie der Nymphäazeen bedeckten bereits die Oberfläche der stehenden Gewässer mit ihren schönen Blüten.