Mit Ungeduld erwartete der Komet das Herannahen des Sommers. Der Sommer-Sonnenstillstand bedeutet für die Kometen den Zeitabschnitt, in dem sie ihren Flug nach ihrem Perihelium richten, d. h. sich wieder der Sonne zuwenden und somit auch der Erde wieder nähern. Sobald er merkte, daß die Strahlen der Sonne immer wärmer wurden, und sehen konnte, wie ihre Scheibe sich mehr und mehr vergrößerte, wußte er auch, daß das Ende des Frühlings gekommen war. Kaum wurde er der Erde wieder ansichtig – und zwar sah er sie bald vor der Sonne in Gestalt eines schwarzen, runden Fleckes, in Form einer Mondsichel oder eines Halbmondes, bald auf der rechten, bald auf der linken Seite des leuchtenden Gestirns – als er auch mit Wohlbehagen merkte, wie seine Geschwindigkeit zunahm und er seinem sehnsüchtig erstrebten Ziele immer näher kam. In seinem schnellen Laufe erreichte er endlich die Erde, die er immer mehr liebgewinnen sollte, und schon am ersten Tage seiner Ankunft unterzog er seine kleine Welt einer genauen Betrachtung.

Er beobachtete das Erwachen der Tierwelt während der ganzen Sekundärzeit, von der Jura- und Liasperiode bis in die letzten Abschnitte der Kreidezeit. In einem Zwischenraume von dreitausend zu dreitausend Jahren konnte er verfolgen, wie die verschiedenen Arten, sowohl der Tier- als auch der Pflanzenwelt, sich langsam aber stetig weiter entwickelten. Da der Komet sich allmählich an die Umwälzungen, unter denen sich neue Ereignisse zu vollziehen pflegten, gewöhnt hatte; da er Zeuge gewesen war, wie große Fluten von Grund aus einzelne Teile der Erdoberfläche umgewandelt hatten; da er gesehen hatte, wie Kämpfe im Innern der Erde sich in Vulkanausbrüchen Luft machten, und wahrgenommen hatte, wie Gebirgsketten sich aus der Ebene erhoben und die Erdoberfläche bereits anfing, die Gestalt zu erhalten, die ihr in Zukunft eigentümlich sein sollte, wurde er auch allmählich ruhiger und fürchtete für die Erde die Folgen dieser Naturereignisse nicht mehr. Er glaubte schließlich, daß sie nur Konsequenzen eines unbekannten Gesetzes wären, und gewissermaßen Prüfungen, die der Erdkugel nur zum Nutzen gereichen könnten. So verfolgte er von einem seiner Jahre zum andern, wie sich das kleine irdische Kind in seiner Wiege weiter entwickelte.

Die Wahrheit zwingt uns jedoch, nicht unerwähnt zu lassen, daß die liebende Sorgfalt des Kometen für die Erde doch noch einmal eine kleine Einbuße erlitt. Die Ursache davon war allgemeiner Art, und es lohnt sich wohl der Mühe, einen Augenblick dabei zu verweilen: Es war die Tatsache, daß der Umgang mit den Großen unsere Sympathien sehr leicht zum Nachteil der Kleinen beeinflussen kann. Den schöneren, oder sagen wir nur den größeren Teil seines Lebens verbrachte der Komet in der Gesellschaft der Patrizier des Sonnensystems, und ohne daß er es selber wußte, wurde er von ihrer Gesinnung angesteckt und selbst ein wenig hochmütig. Sein Interesse für die Erde hielt sich während ungefähr vierzigtausend Jahren auf derselben Höhe, dann aber geschah es, daß er, ganz unbewußt, die schöne Jahreszeit mit geringerer Sehnsucht erwartete. Er hatte sich an den Anblick, den ihm die Erde bot, gewöhnt, und er teilte seine Aufmerksamkeit jetzt zwischen ihr und den anderen Planeten. Wenn er an diesen vorüberflog, betrachtete er sie genau, und von neuem stellte er Vergleiche mit der Erde an, die für diese nicht vorteilhaft ausfielen. Zwanzigtausend Jahre lang blieb es so, und schon konnte man befürchten, daß die höheren Weltkörper wieder die vorherrschende Stellung in seinem Geiste erlangen würden, die sie früher darin eingenommen hatten. Aber die Erde schritt in ihrer Entwicklung rascher vor, als jene es taten, denn sie war noch jünger, und als zur Tertiärzeit die Oberfläche der Erde sich wieder vollkommen veränderte, wandte ihr der Komet wieder seine ungeteilte Gunst zu, an der er eine kurze Zeit die anderen planetarischen Welten hatte teilnehmen lassen.

Fußnoten

[2] Laplace.

[3] Gregory.

[4] Maupertuis.

[5] Es scheint fast so, als ob M. de Maupertuis hier in das Gebiet des reinen Romans geraten sei, denn wer erinnert sich dabei nicht an das seltsamste Phantasiegemälde dieser Art, an die »Unterhaltung von Eiros mit Charmion«, eines der originellsten Gebilde jenes originellen transatlantischen Erzählers? Die Begegnung des Kometen mit der Erde hatte zum Glück keinen so schrecklichen Verlauf. Unser Komet war huldvoll genug, ihre Bewohner nicht zu vergiften, dagegen hätte der von Edgar Poe ihr Dasein vollständig vernichtet, wie er auch, wenn wir dem phantastischen Dichter folgen, an jener seltsamen Agonie die Schuld trägt, in welche die Erde versank.

»Der gefürchtete Komet kam immer näher, seine rote Scheibe wurde zusehends größer und nahm auch an Glanz zu. Bei seinem Herannahen erblaßte der Geist der Menschheit und alles menschliche Tun und Treiben hatte sein Ende erreicht.

Auch dem Tapfersten unseres Geschlechtes schlug das Herz heftig in der Brust. Dieses neue Meteor war keine astronomische Erscheinung mehr, sondern es war vielmehr ein Alp, der allen auf der Brust lag, ein Schatten, der das Gehirn verfinsterte. Mit einer Schnelligkeit, die das menschliche Fassungsvermögen übersteigt, hatte er das Aussehen eines ungeheuren leuchtenden Flammenmantels angenommen, der in seiner ganzen Länge am Himmel ausgespannt war.