Und er ging nun ernstlich ans Werk, sich die Erde recht genau anzusehen. Auf den ersten Blick erkannte er, daß die äußere Gestaltung der Oberfläche sich ganz auffallend verändert hatte, daß sich in dem großen Ozean, der vorher die ganze Erde bedeckte, nunmehr bereits kleine Kontinente gebildet hatten, und daß eine noch immer sehr üppige Vegetation ihre Herrschaft über den Erdball jetzt mit einem schon ziemlich bedeutenden Tierreich zu teilen hatte. Auch die Gestalt, die diesem Tierreich eigentümlich war, fiel ihm sofort auf, und er war darüber in nicht geringem Grade erstaunt. Bei seinem letzten Besuche hatte er in der Hauptsache nur Muscheln entdecken können, und jetzt erregten seine Aufmerksamkeit – Krokodile, aber Krokodile von jeder Gestalt, von jeder Farbe, von jeder Größe. Auf dem Festlande, im Meere, hoch in den Lüften, waren Krokodile, Eidechsen und andere Reptilien zu sehen, hier solche mit Flossen, dort andere mit Flügeln, kurz, eine Unmasse von Krokodilen.
Er ließ seinen Blick forschend auf die Ebene und das Gebirge schweifen und die ungeheure Menge der riesenhaften Saurier an seinem Auge vorbeiziehen. Da waren die verschiedenen Ichthyosaurusarten, der I. communis, der I. intermedius, der I. platyodon, der I. tenuirostris usw. usw. Einige maßen dreißig Fuß in der Länge. Ganze Herden dieser Reptilien schwammen im offenen Meer wie heutzutage die Walfische; oben, an ihrem Kopfe, und zwar wagerecht liegend, trugen sie Augen, die einen Fuß lang und so gebaut waren, daß sie nach Belieben entweder als Fernrohr oder als Mikroskop benutzt werden konnten. Bewaffnet waren sie mit einem vorzüglichen Gebiß, und wenn sich das Maul auftat, maß die Öffnung des Rachens mehr als drei Fuß, und es zeigten sich zwei Reihen von hundertundachtzig Zähnen. Die Wirbelsäule setzte sich bei ihnen aus hundert Wirbeln zusammen und ermöglichte ihnen die gelenkigsten und biegsamsten Gliederbewegungen. Er sah ganze Scharen von Plesiosauriern sich vom Ufer ins Meer stürzen. Es waren dies mit den geschilderten Arten verwandte Reptilien, die aber zu gleicher Zeit von der Schlange den unverhältnismäßig langgestreckten, dünnen Hals, von den Vierfüßlern den Rumpf und von den Walfischen die Flossen hatten. Er sah in gefährlichen Zusammenrottungen die furchtbaren Poekilopleurusarten mit ihren gewaltigen Krallen und ihren spitzen Zähnen, ferner die Hyleosaurier, die Cetiosaurier, die Stenosaurier und die Streptospondylen. Auch die Teleosaurier, jene Freibeuter der vorsintflutlichen Meere, bemerkte er. Er sah ganze Scharen von Pterodaktylen in die Lüfte aufsteigen, jener riesigen Fledermäuse, deren entsetzlicher Rachen sechzig drohende Zähne zeigte, und die ihr Leben damit verbrachten, daß sie von einem Baum zum anderen, von einem Felsen zum anderen flogen. Auch die mit Pflanzen bewachsenen Höhen setzten durch ihr düster-ernstes Aussehen den Kometen in recht große Verwunderung. Da waren dicke Stämme von großen Schachtelhalmen, langes Schilfrohr, riesenhafte Farnkräuter, Nadelhölzer, die unserer Tanne ziemlich ähnlich waren, und schlanke Pandangen (Pandanus) mit ihren hoch über den Boden aufragenden Luftwurzeln.
Beim Anblick dieses mehr unheimlich als schön wirkenden Panoramas wurde der Komet nachdenklich. Dreihundertfünfundsechzigmal sah er vor seinen Augen die Erde sich um sich selbst drehen, und dreihundertfünfundsechzigmal hatte er Gelegenheit, die gesamte Erdoberfläche zu überschauen. Da, plötzlich, ertönte ein furchtbares Krachen. Auf dem Grunde des Meeres hatte sich die Rinde der Erdoberfläche gespalten, und während aus den im Aufruhr befindlichen Eingeweiden der Erde wütende Flammen emporschossen, ergoß sich mit grauenhaftem Getöse das Meer in einen Abgrund, der sich plötzlich aufgetan hatte. Die oben geschilderten Ungetüme wurden von den Wogen der mit furchtbarer Gewalt daherströmenden Wasserfluten fortgerissen, und wütende Schreie ausstoßend, kamen sie darin um, während die geflügelten Reptilien mit unheilverkündendem Gekrächze so rasch als möglich durch die Luft zu entkommen suchten. Die Gestade entvölkerten sich, und die mit Elektrizität überladene Atmosphäre entlud sich in heftigen Blitzschlägen, die die Luft durchzuckten. Bald vermischte sich auch das dumpfe Rollen eines bisher noch nie gehörten Donners mit dem Toben und Brausen des Unwetters, und es schien, als ob eine ungeheure Umwälzung die gesamte Erdoberfläche zerrissen und gespalten hätte.
Unser Komet hatte leider seine Geringschätzung gegen unsere Erde noch immer nicht überwunden und er dachte gar nicht daran, unseren Planeten ernst zu nehmen. Seit Tausenden von Jahrhunderten war er gewohnt, an seinen Augen Welten vorbeiziehen zu sehen, die auf den Pfaden der Zivilisation schon weit vorgeschritten waren, wie das mit Neptun und Uranus der Fall war, andere, wie Saturn, waren eben auf der Höhe ihrer Entwicklung angelangt, und er konnte sie in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit überschauen; wieder andere – Jupiter gehörte zu diesen – bereiteten sich zu einer großartigen Entfaltung vor, und noch andere schließlich – zu diesen zählte Mars – befanden sich noch im Frühling ihres Lebens. Der Verkehr mit diesen der Erde überlegenen Planeten hinderte ihn vorläufig daran, dem Erdball eine gerechte Würdigung zuteil werden zu lassen, und so beharrte er in seinem Vorurteil und verfiel auch bald wieder in seine frühere Gleichgültigkeit.
Während er noch in seinen Träumereien befangen war, nahm die gewaltige Erdrevolution ihren Fortgang. Es erstand die Juraformation; bei ihrer Bildung wurden die Fundamente des Erdballs von Grund aus erschüttert, und die Erde bebte, als ob sie von einem heftigen Taumel befallen worden wäre. Die Meere ergossen sich in die brennenden Tiefen oder überströmten Gegenden, die durch die geologische Umwälzung eingesunken waren. Aus Quellen, die plötzlich im Schoße der Erde entsprangen, stiegen neue Meere auf, und Ebenen krümmten sich empor, ähnlich, wie man auf der Oberfläche des im Schmelzen befindlichen Metalls sich Luftblasen bilden sieht. Das flache Land machte neuen Gebirgen Platz, und dort, wo sich früher Berge und Hügel erhoben, dehnte sich jetzt eine kahle oder durch mannigfache Erhebungen unterbrochene Ebene aus. So hatte die Oberfläche des Erdballs sich ganz und gar geändert. Der Komet hatte auf seinem Fluge durch das Weltall die Erde noch nicht aus seiner Sehweite verloren, als ihm klar wurde, daß die Umwälzungen, deren Vorspiel für einen Augenblick seine Gedanken abgelenkt hatte, mit unvermindertem Ungestüm fortdauerten, und daß für die Erde eine neue Schöpfungsperiode begonnen hatte.
Mit einer Schnelligkeit von ungefähr vierzigtausend Meilen in der Stunde, oder neunhundertsechzigtausend Meilen an einem Tage, setzte der Komet seine Reise fort. Diese Schnelligkeit, mit der er seine Reise angetreten hatte, verminderte sich, je weiter er sich von seinem Ausgangspunkte entfernte, und drei Monate, nachdem er aus dem Bannkreise der Erde entschwunden war, bot sich dem himmlischen Wanderer eines der seltsamsten Schauspiele dar. Zu damaliger Zeit kreisten zwischen der Umlaufsbahn, die der Mars beschreibt, und derjenigen des Jupiter verschiedene Planeten, die ursprünglich einen Ring gebildet hatten, der sich in der Zwischenzeit, die zwischen dem Entstehen des Jupiter und dem des Mars liegt, von der gemeinschaftlichen Mutter aller Planeten, der Sonne, losgelöst hatte. Anstatt nun, wie es bei allen anderen Planeten der Fall gewesen war, sich in eine Weltkugel umzuwandeln, hatte dieser sonderbare Weltenring eine ganze Menge neuer Weltkörper aus sich heraus entstehen lassen, die sämtlich so eigenartig und zerbrechlich wie er selbst waren. Wie alle anderen Planeten drehten sich auch diese Weltkugeln um die Sonne, wie diese hatten auch sie ihre Jahre, ihre Jahreszeiten und ihren Wechsel von Tag und Nacht. Als nun der Komet, der über die gewaltsamen Veränderungen auf der Erde noch in Nachdenken versunken war und gerade darüber philosophierte, welches Geschick wohl einst dem ganzen Weltenall bevorstehen werde, sich der Bahn des größten unter diesen kleineren Planeten näherte, kam diese immerhin gewaltige Kugel, die sich mit einer Geschwindigkeit von neuntausend Meilen in der Stunde vorwärts bewegte, in gerader Linie auf ihn losgestürzt; sie mußte auf den Kometen an dem Punkte auftreffen, an welchem er ihre Bahn zu kreuzen im Begriffe stand. Ein Zusammenstoß schien ganz unvermeidlich – da, wenige Augenblicke vor der drohenden Katastrophe explodierte dieser Himmelskörper wie eine Bombe. Gase stiegen auf und verbanden sich mit den im Schweife des Kometen vorhandenen, und man konnte sehen, wie etwa zehn einzelne Teile sich loslösten und selbständig ihre Reise durch den Weltenraum fortsetzen. Es ereignete sich hier ein Weltuntergang, und zwar hatte der zerstörte Himmelskörper zweifellos ein frühzeitiges Ende gefunden, das schon lange Zeit in seinem Innern wirkende Kräfte mußten hervorgerufen haben. Die Katastrophe fand in einer Entfernung von achtundsechzig Millionen zweihundertundsechzehntausend Meilen von der Sonne statt. Vielleicht haben wir hier den Ursprung jener kleinen, nur durch den Refraktor wahrnehmbaren Planeten Ceres, Daphne, Thisbe, Sirona und Arduina zu suchen, welche sämtlich 2.77 von der Sonne entfernt sind, wenn man die Entfernung der Erde von der Sonne als Einheit nimmt. Es sieht fast so aus, als ob diese kleinen Gestirne Jahr für Jahr einmal den Ort wiedersehen müssen, an dem jenes furchtbare Naturereignis stattfand, das sie für immer trennen sollte.
Hier fand unser Komet seinen Weg nach Damaskus und hier vollzog sich in seinem Geiste eine dauernde Wandlung. Hier war es, wo er für die Erde jene Sympathie faßte, von der er seitdem stets beseelt geblieben ist. Es ist wohl möglich, daß er ohne diese erschütternde Katastrophe noch lange in seiner Gleichgültigkeit gegen die Erde verharrt hätte. Aber auch bei ihm zeigte sich, was man schon so vielfach beobachtet hat: es bedarf nur eines plötzlichen Anlasses, um selbst starke Charaktere umzuwandeln. Das Gefühl wohlwollender Anteilnahme, wie es im allgemeinen die Mächtigen der Welt den Kleinen entgegenbringen, war es, das angesichts dieser Katastrophe schmerzliche Erinnerungen an die Erde in ihm wachrief. Einen Augenblick lang fürchtete er auch für das Dasein der Erde! Arme Erde! Wenn die furchtbare Umwälzung, die auf ihr vor kurzem begonnen hatte, ihr verhängnisvoll werden und sie daran zugrunde gehen sollte, bevor sie überhaupt noch geboren war! Wie würde sie sich in den schweren Kämpfen behaupten können, die sie noch zu bestehen hatte? Ob sie Kraft genug besaß, die Krisis zu überwinden und ihr Dasein zu verteidigen? Ob es ihr wirklich beschieden sein mochte, für immer solch wilden und grausamen Geschöpfen ungastlichen Aufenthalt zu gewähren?
Von diesem Tage an interessierte er sich für die Erde, und ihr Schicksal ging ihm um so mehr zu Herzen, je unvollkommener sie in ihrer Entwicklung noch war. Oft überraschte er sich dabei, wie sich ganz unwillkürlich seine Gedanken mit dieser bescheidenen Schöpfung befaßten, und oft zog er, in seinen Gedanken tief bekümmert, an den glänzendsten Welten vorbei, ohne diese auch nur eines Blickes zu würdigen. Ja, es kam so weit mit ihm, daß ihm seine Reise durch den Weltenraum zu lang wurde. Dreitausendunddreiundsechzig und ein halbes Jahr von der Erde entfernt zu bleiben und nur höchstens achtzehn Monate in ihrer Nähe verweilen zu dürfen, schien ihm ganz außer Verhältnis zu stehen. Der kleine Erdball faßte schließlich in seinen Gedanken Platz und schien sich dort immer mehr befestigen zu wollen.