Die Gleichgültigkeit, die der Komet der Erde gegenüber bewahrte, war so stark und andauernd, daß er dreiundzwanzigmal in seine Sonnennähe kam, ohne daß er es sich einfallen ließ, auch nur einen einzigen Blick auf den kleinen Erdball zu werfen. Und wäre nicht ein ganz merkwürdiges Ereignis eingetreten, das ihn ganz ohne seine Absicht zwang, der Erde ein wenig Aufmerksamkeit zuzuwenden, so würde er sie wohl noch länger unbeachtet gelassen haben.

Als der Komet zum vierundzwanzigsten Male in ihre Nähe kam – es war dies gegen das Jahr Fünfhundertvierunddreißigtausend­fünfhundertundvierundsechzig vor Christi Geburt – führte ihn sein Weg sehr dicht an der Erde vorbei, denn die beiden Gestirne kreuzten sich auf ihren Wegen, und zwar so nahe, daß die Erde während fünf Tagen und fünf Nächten in dem neblichten Schweife des Kometen blieb. Der Schweif gab dem Kometen eine Ausdehnung von achtunddreißig Millionen Meilen, vom Kopfe bis zur äußersten Spitze gemessen, und er bildete eine ungeheure Nebelfläche, die einige hunderttausend Meilen in der Breite maß. Im allgemeinen ist dies die Gestalt des Schweifes der Kometen; die Fläche ist mehr oder weniger ausgeweitet und nähert sich bisweilen auch der Fächerform. Infolge der großen Abstoßungskraft des Sonnenlichtes ist die Atmosphäre von einer außerordentlichen Dünne. Die Hitze löst alle Teile des Kometen, die dafür empfänglich sind, und was sich während der langen Entfernung des Kometen von dem Feuerherde der Sonne verdichtet hatte, verflüchtigt sich. Diese verflüchtigten Teile, die von nur sehr geringem Gewichte sind, nehmen aber sehr viel Raum ein und suchen sich vom Kern des Kometen, der auf sie eine nur schwache Anziehung ausübt, zu entfernen. Wie groß auch ihre Ausdehnung sein mag, ihr Gewicht beträgt nicht viel, und man könnte ganz gut ein Stück von der Größe der Notre-Dame-Kirche oder der Pariser Sternwarte aus ihnen herausschneiden und es wie eine Luftblase verschlucken.

Wir sagten, daß die Erde fünf Tage und fünf Nächte lang in dieser Dunsthülle blieb. Man wird vielleicht erstaunt sein, daß nach einer solchen Begegnung unser Planet noch existiert, aber noch mehr wird man wohl erstaunen, wenn wir erwähnen, daß die zu jener Zeit lebenden Wesen von dieser Begegnung gar nichts merkten. Es hätte also wenig Zweck, bei diesem Kapitel von der Möglichkeit eines Zusammenstoßes der Erde mit einem Kometen lange zu verweilen; wir wollen indessen hören, welcher Meinung namhafte Astronomen hierüber sind.

Einer der bedeutendsten[2] unter ihnen glaubte, daß die Kometen viel schwerer seien, als man auf Grund früherer Hypothesen bis dahin anzunehmen wagte. »Die Meere ergießen sich aus ihren bisherigen Becken,« sagte er, »um auf einen neuen Äquator zuzuströmen. Eine große Zahl von Menschen und Tieren wird in dieser neuen allgemeinen Sintflut ertrinken oder infolge des heftigen Stoßes, dem der Erdball ausgesetzt ist, umkommen. Ganze Arten von Tieren werden vollständig vernichtet werden. Alle Denkmäler menschlichen Fleißes werden zugrunde gehen. Solche unheilvolle Folgen müßte der Zusammenstoß mit einem Kometen nach sich ziehen.« – »Wenn der Schweif eines Kometen mit der Erde zusammenträfe«, urteilt ein anderer,[3] »oder wenn ein Teil des Stoffes, aus dem sich dieser zusammensetzt, in den Tiefen des Weltalls auseinanderginge und infolge seiner Schwerkraft auf die Erde herniederfiele, dann würden die damit verbundenen Ausdünstungen bei Tieren und Pflanzen recht empfindliche Wirkungen hervorbringen. Denn es ist sehr wahrscheinlich, daß Gase, die aus so weit entfernten und so seltsam beschaffenen Welten zu uns kommen, die überdies noch im höchsten Grade erhitzt sind, für alles, was sich auf der Erde befindet, verhängnisvoll werden und dort die größten Verheerungen anrichten müßten«. Und ein Dritter[4] meint: »Schon bei der gegenseitigen Annäherung zweier solcher Körper müßten sich ohne Zweifel große Änderungen in ihrem Laufe vollziehen, sei es, daß diese Änderungen durch die gegenseitige Anziehung herbeigeführt würden, sei es, daß die Gase, die sich zwischen ihnen befänden, unter zu hohen Druck kämen. Das mindeste, was eine derartige Annäherung zuwege bringen müßte, wäre eine Verschiebung der Achse und der Pole der Erde. – Ohne Zweifel stellen die Schweife der Kometen ungeheure Ströme von Ausdünstungen und Gasen dar, die infolge der Wirkung der Sonnenhitze aus dem festen Kern des Kometen entwichen sind. Ein Komet könnte mit seinem Schweif so nahe an der Erde vorbeigehen, daß wir in dem feurigen Strom, den er mit sich schleppt, ertrinken, oder in der Atmosphäre, die ihn umgibt und die von derselben Beschaffenheit ist, umkommen müßten. Bei ihrem Herannahen an die Sonne haben einige Kometen einen so hohen Hitzegrad erreicht, daß sie erst in fünfzigtausend Jahren sich abkühlen können. Welche Wirkung würde diese Hitze nun auf die Erde ausüben? Sie würde in Asche zerfallen oder in eine glasige Masse verwandelt werden. Der Schweif allein würde die Erde mit einem feurigen Strom überschwemmen und ihre sämtlichen Bewohner vernichten, genau so wie ein Haufen Ameisen in kochendem Wasser umkommt, das man über ihn gießt.«[5]

Der Engländer Whiston war der erste, der den verschiedenen Kometen bestimmte verhängnisvolle Einwirkungen auf unsere Erde zugeschrieben hat. Den Kometen von 1680 sah er als die Ursache der Sintflut an und er behauptet, daß dieser Komet auf seinem Rückweg von der Sonne eines schönen Tages die Erde mit seinen feurigen und todbringenden Ausdünstungen überschütten werde und so ihren Bewohnern all das Unheil bringen würde, das ihnen für den Jüngsten Tag prophezeit ist; zu guter Letzt würde er den allgemeinen Weltenbrand entzünden, der unseren Planeten aufzehren müßte.

Anderseits versichert uns Newton, daß ein Komet ohne Kern, wenn er auch so groß wäre, daß er von der Erde bis zum Saturn reichte, doch in einem Würfel von fünfundzwanzig Millimeter Seitenlänge Platz finden könnte, wenn er auf denselben Grad verdichtet würde wie die atmosphärische Luft, die wir atmen. Neuere Forschungen über die Masse der Kometen haben ein Resultat ergeben, das auch die geringste Beunruhigung schwinden läßt. Wenn der größte Komet auf unsere Erde stürzen würde, könnte er keine andere Wirkung hervorrufen als etwa eine Mücke, die eine Lokomotive aufhalten will, und auch seine Gase können unsere Atmosphäre in keiner Weise beeinflussen.

Die Bewohner unserer vorsintflutlichen Welt brauchten aber die Begegnung, die ihnen drohte, um so weniger zu fürchten, als sie damals noch vollkommen im Wasser lebten und dort ihr Dasein fristeten. Die nur unter dem Mikroskop wahrnehmbaren Infusorien, die Fische und Amphibien merkten nichts von dem Vorgang.

Für unsere Erde war das Ereignis vielmehr von Vorteil, insofern als die Begegnung unseren erhabenen Reisenden aus seiner jahrtausendelang dauernden Gleichgültigkeit gegen sie riß. Der Durchgang des Erdballs, der nicht weit von seinem Kopfe erfolgte, übte auf seinen Geist, wenigstens vom irdischen Gesichtspunkte aus betrachtet, einen recht günstigen Einfluß aus. Er geruhte von der Kugel Kenntnis zu nehmen, die durch seinen Schweif hindurchpassierte. Man wird es gewiß glauben, daß die Erde, der ihre lange Einsamkeit wohl nicht kurzweilig gewesen sein mochte, den Augenblick des Durchgangs nicht verschlafen hat; und ein seltsameres Schauspiel als jetzt hatte sich dem Auge des Kometen noch nie geboten. Zwei steil abfallende Felsen schützten die Einfahrt zu einer Halbinsel, und auf diesen, hoch in die Wolken ragenden Felsen saßen als bizarre Gruppe zwei wunderlich aussehende, ungewöhnlich gebaute Geschöpfe, die sich, ohne eine Miene zu verziehen, unausgesetzt scharf ansahen.

Es waren dies der Pterodaktylus und der Ramphorynchus, zwei Arten von Fledermäusen in der ungefähren Größe eines Hammels, zwei lebende Sphinxe, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln Bäumen mit lang herabhängenden Blättern glichen. Von diesem Anblick betroffen, rief der Komet seine Erinnerungen wach, und es fiel ihm ein, daß er schon vor dreiundsiebzigtausend­fünfhundertundsechzig Jahren Gelegenheit gehabt hatte, diese kleine Kugel und ihre höchst sonderbare Bevölkerung wahrzunehmen.