Ein mißgestaltetes Ungeheuer von schwärzlicher Farbe, kolossalem Bau, höckrichter Haut, mit einem sehr langen Krokodilsrachen, der am Halse eines Nilpferdes befestigt zu sein schien, ein Ungetüm, dessen Vorderbeine anscheinend verkürzt waren, während seine Hinterbeine ebenso lang wie die eines Kamels waren, schleppte sich unbeholfen zu dem Rande eines Sumpfes hin.
»Schön ist er zwar nicht,« sagte der Komet zu sich, »aber Schönheit ist ja nur Geschmackssache, ein bedingter Begriff, der nichts Absolutes an sich hat. Das also soll der Herr der Erde sein – im Reiche der Blinden ist ja der Einäugige König – und die Ammoniten sind dann die Fürstinnen des Meeres. Er scheint im allgemeinen auf dem Lande zu leben und auf gute Sitten nicht viel Wert zu legen. Er ist einfältig, bescheiden und häßlich, mit einem Wort, für die Welt, in der er lebt, vollkommen passend. Gleichviel, ich hätte es mir niemals träumen lassen mögen, daß es auch solche Schöpfungen geben kann, aber es nutzt nichts, es noch weiter leugnen zu wollen. Das Labyrinthodon ist das einzige Tier, welches die Macht hat, auf dieser Welt das Zepter zu führen, also ist es auch ihr König. Das also ist das erste Auftreten der Majestät! Macht geht vor Recht!« Er erging sich in seinem Selbstgespräch noch des weiteren in Betrachtungen im Sinne etwa der Darwinschen Lehre von der geschlechtlichen Zuchtwahl, aus der folgert, daß der Beweisgrund des Stärkeren auch immer der bessere ist.
Durch das Erscheinen dieses irdischen Ungeheuers war unser Komet doch einigermaßen aus seiner gewohnten Ruhe gebracht worden, und noch immer träumend setzte er seine Rückreise fort, die ihn bis an die Grenzen des Sonnensystems führte. Weder bemerkte er hierbei, mit welcher Schnelligkeit er selber dahinschoß, noch auch, wie rasch sich die Weltkörper, die er unterwegs traf, fortbewegten. Erst als er sich in der Nähe des Saturn befand, kam er wieder recht zum Bewußtsein.
Die glänzende Pracht und der Reichtum einer Zivilisation, die Jahrhunderte voller Arbeit hervorgerufen hatten, umgaben dieses strahlende Gestirn. Auf ihm wohnten die Fruchtbarkeit und der Friede. Schon wenn man näher an diese Welt herankam, fühlte man, daß hier das Leben wogte. Es war schon unendlich lange her, daß der Saturn aus den Finsternissen des Chaos emporgestiegen war und allmählich sich immer mehr vervollkommnet hatte. Wie einige jener glücklichen Sterblichen, die es wohl verdienten, daß sie den Geist der Natur begriffen und in ihre erhabenen Geheimnisse eindrangen, gelehrt haben, steht die Entfernung der Planeten von der Sonne mit ihrem Alter in einem ursächlichen Zusammenhange. Die entferntesten sind gleichzeitig die ältesten und die in ihrer Entwicklung am weitesten vorgeschrittenen.
Neptun, der sechshundertundfünf Millionen Meilen von der Sonne entfernt ist, ist vor Milliarden von Jahrhunderten zuerst aus dem Sonnennebel hervorgegangen – Uranus, der sich in einer Entfernung von dreihundertsechsundachtzig Millionen Meilen um den gemeinsamen Mittelpunkt aller Planeten bewegt, zählt ein Alter von mehreren hundert Millionen von Jahrhunderten – Saturn, dessen Entfernung von der Sonne hundertzweiundneunzig Millionen Meilen beträgt, hat an seinem ehrwürdigen Haupte auch schon mehr als hundert Millionen von Jahrhunderten vorbeiziehen sehen – Jupiter, dessen ungeheure Masse in einer Entfernung von hundertundfünf Millionen Meilen um die Sonne ihre Bahnen zieht, ist siebzig Millionen von Jahrhunderten alt. Mars zählt tausend Millionen von Jahren; von der Sonne ist er dreißig und eine halbe Million Meilen entfernt. Unsere Erde wandert in einem Abstand von zwanzig Millionen Meilen um die Sonne und ist aus ihrem glühenden Schoß vor hundert Millionen Jahren hervorgegangen. – Erst fünfzig Millionen Jahre mögen es her sein, daß Venus sich von der Sonne getrennt hat; in einem Kreise von vierzehn und einer halben Million Meilen bewegt sie sich um die Sonne. Nur ein Alter von zehn Millionen Jahren zählt Merkur, dessen Entfernung von der Sonne gegen acht Millionen Meilen beträgt. Auch er hat in der Sonne seinen Ursprung genommen, dagegen ist der Mond ein Kind der Erde.
Unser wanderndes Gestirn war bei allen diesen Schöpfungen zugegen gewesen, und besser als jeder andere kannte es die himmlische Genealogie, aber wie es ja Personen von großem Wissen immer tun, suchte auch es stets, seine Kenntnisse zu vermehren, und sein ganzes Leben verbrachte es damit, Beobachtungen anzustellen. Saturn also, dessen Bahn der Komet jetzt entlang fuhr, befand sich in voller Blüte. Der Segen, den eine unter begünstigenden Umständen vorgenommene Arbeit gewährte, machte sich überall bemerkbar. Da sah man Binnenmeere, die mit zahlreichen Fahrzeugen bedeckt waren, die, in keiner Weise durch das flüssige Element behindert, rasch dahinfuhren; da gab es Häfen, in denen die Schätze aller Länder zur Schau gestellt waren. Kleinere Schiffe bevölkerten die Flüsse, und das Land war von einem engen Netz von Straßen durchzogen, auf denen hohe, prächtige Gefährte dahinrollten. In den blauen Lüften sah man eine ganze Flotte segeln, und hoch oben von Türmen stiegen weitere Luftschiffe empor, um ihren Weg nach den Gipfeln steil abfallender Berge zu nehmen. Hier hatte in der Tat der Geist die Materie überwunden, und das Reich der Saturnbewohner erstreckte sich von tief unten, vom Boden der Abgründe, bis hoch hinauf auf die Gipfel der Berge. Wie in einem unsichtbaren Gewebe vereinigten sich die Fäden dieses Organismus an einer einzigen Stelle. Betrachtete man diesen Weltkörper von seinen Polen aus, so bemerkte man ein ungeheuer großes System von Ringen, die über ihm in unermeßlicher Höhe ausgespannt waren, und bis zu denen doch die Luftschiffe emporstiegen. Außer der »inneren« Welt auf dem Saturn, wie wir sie nennen wollen, gab es noch eine andere, eine »äußere« Welt, die von der ersten vierundeinhalbtausend Meilen entfernt war und sich fünfundvierzigtausend Meilen weit erstreckte. Nur durch die Luft, die Atmosphäre, stand sie mit der »inneren« Welt in Verbindung. Jenseits dieser zweiten Welt, die einem Ringe gleich Saturn umschloß, konnte man noch acht andere Ringe erkennen, die Kreisen von orange oder grünlicher Farbe glichen und sich umeinander drehten. Der Geist und Scharfsinn der Saturnbewohner hatte diesen Weltkörper vollständig unter seine Herrschaft gebracht, und von seiner »inneren« Welt aus strahlte ihre Macht aus, um sich auf ihre »äußeren« Welten zu verbreiten.
Wenn man, unter dem Schatten einer Palme gelagert, die üppige, in Farbenpracht erglühende Landschaft Afrikas betrachtet, mag es wohl vorkommen, daß man einschlummert und dann plötzlich aus einem düstern Traum aufschreckt, um sich inmitten der fruchtbarsten Landschaft zu sehen. Ganz ebenso erging es unserem Kometen, als er nach dem Abschied von der unansehnlichen Erde von Träumen umfangen, erst in der Nähe des prächtigen Saturn erwachte. Er verlangsamte seinen Weg und mit größerer Aufmerksamkeit als je vorher betrachtete er diese wunderbare Welt – die dadurch entstandene Verzögerung in seiner Umlaufszeit verzeichnen die Astronomen des Neptun als »saturnale Störung« –. Und als er an diesem großen und schönen Weltkörper vorbeifuhr, da glaubte er wirklich aus einem bösen Alpdrücken erwacht zu sein.
Was war die Erde neben diesem prächtigen Stern? Die Erde! Eine winzige, unscheinbare Kugel, auf der das Leben sich gerade zu regen begann und sich in Formen kleidete, von denen zu reden kaum erfreulich war; eine chaotische Masse, deren verschiedene Elemente untereinander vermischt blieben, kurz – ein reines Nichts. Denn als der Komet sich umwandte, konnte er bei der ungeheuer großen Entfernung die Erde nur noch als einen schwarzen Fleck vor der Sonne erkennen. Das mag es auch entschuldigen, daß die Erde bei dem Kometen ins Vergessen geriet und daß ihm eine geringfügige Schöpfung, wie es unser Planet damals noch war, gleichgültig blieb.