Was er bereits vorher geahnt hatte, fand er jetzt bestätigt, nämlich, daß dieser kleine Sproß von einer Welt für vernunftbegabte Wesen noch unbewohnbar war. Langsam drehte sich der Weltkörper um sich selbst; der Wechsel von Tag und Nacht brachte auf ihm keine Wirkung hervor, denn die ungeheure Hitze, die er aus seinem Innern ausstrahlte, war um vieles größer als die, die er von der Sonne empfing. Übrigens würden auch die Nebel, die Gase und die Rauchwolken, die ihn einhüllten, den Sonnenstrahlen gar keinen Zutritt gewährt haben. Je mehr sich der Komet der irdischen Welt näherte, desto größere Mühe gab er sich, die Beschaffenheit ihrer Oberfläche zu erkennen; aber da er eine solch armselige Welt noch nie gesehen hatte und sich darüber nicht klar zu werden vermochte, welchem Zwecke ein solch dürftig ausgestatteter Planet wohl dienen könnte, wartete er, bis ein lichter Punkt in der Atmosphäre den Sonnenstrahlen erlauben würde, hindurchzudringen, um den Schauplatz einigermaßen zu beleuchten. Das traf endlich zur Zeit der Sonnenwende ein. War es aber die Winter- oder die Sommersonnenwende? Die Geschichte berichtet hierüber um so weniger, als es in jenen entlegenen Zeiträumen noch keine Jahreszeiten auf der Erde gab, und als es infolge der großen Eigenhitze der Erde sozusagen im tiefsten Winter ebenso heiß war wie im vollsten Sommer. Gleichviel an welchem Tage es gewesen sein mag, der Komet mußte vor Erstaunen fast aufschreien, als er endlich die Oberfläche der Erde deutlich unterscheiden konnte.

»Eine Welt von Muscheln!« rief er.

Er hatte sich nicht getäuscht. Die Erde befand sich damals in dem Stadium ihrer Entwicklung, das man als Sekundärzeit bezeichnet; die Triasformen bildeten sich, und es war die Zeit der Muschelkalkformation. –

Einige Millionen Jahre vorher hatte sich die Erde, die damals eine noch ganz flüssige Kugel war, allmählich abgekühlt, und große Wasserbäche waren auf sie herniedergestürzt; der Rauch, die Gase, die Wolken, die von der Erde aufstiegen, gingen die verschiedenartigsten Verbindungen miteinander ein und hinterließen ihre Spuren auf der noch glühenden und unfesten Kugel. Gewaltige Umwälzungen erschütterten die in stetem Aufruhr befindlichen Fundamente der neugeschaffenen Welt, und furchtbares Toben und Brausen ließen das aufgeregte feurige Erdinnere nicht zur Ruhe kommen. Der Gewalt des in unausgesetzter Tätigkeit befindlichen Feuerherdes fiel die ganze Erdkugel zum Opfer. In diesem riesigen Laboratorium hat die Natur die chemischen Gemische vorbereitet, aus denen die feuerspeienden Berge, die Lava-Eruptionen, die aus der Erde aufsteigenden heißen Quellen usw. hervorgegangen sind. In derselben Weise, wie man im Schmelztiegel auf geschmolzenem Blei, das im Begriff ist, zu erkalten, sich ein Häutchen bilden sieht, bildete sich um den Erdball eine Kruste, und die beständigen Zuckungen ließen allmählich nach.

Auf diese Entwicklungsperiode – die Primärzeit – während der es auf der Erde noch kein lebendes Wesen, weder Tier noch Pflanze, gab, folgte eine Übergangszeit, die so weit zurück liegt und so ungeheuer lange dauerte, daß kein menschlicher Geist sich von ihr eine Vorstellung machen kann. In dieser Periode war es, daß sich die ersten Keime zur Bildung lebender Wesen gestalteten, und unter unablässigen Wallungen und Änderungen der immer noch nicht erstarrten Erdoberfläche erschienen die ersten Pflanzen: Algen und Seetang, und auch auf dem Grunde des Meeres zeigten sich die ersten lebenden Gebilde: Korallen und Polypen.

Noch später überzogen sich die Sümpfe der Urzeit mit einer endlosen Pflanzendecke, und mit ihr hatte das Reich der Pflanzen seine glänzende und prächtige Herrschaft angetreten. Als erster Regent des Erdballs entfaltete es all seine Reichtümer und Schätze, und die Erde sah keine Zeit mehr wiederkehren, in der sie eine solche Fülle pflanzlicher Formen und Gestalten bevölkerte. Es waren Pflanzen von höchst einfachem Bau und kunstlosen Formen, solche, die weder Blüten noch Früchte trugen, aber von gewaltiger Stärke und kolossaler Höhe waren. Mit ihrem Grün überdeckten sie jede Lagune, jede Bank, jede Landzunge, auf welche das weite Meer nicht seine Herrschaft ausgedehnt hatte. Die Erde sah aus wie ein einziger Ozean, der mit grünen Inseln durchsetzt war. Baumartige Farne, Kalamiten, Sigillarien und zahlreiche andere Arten stritten sich um den Vorrang auf den Inseln. Aus jener Epoche rührt die Bildung unserer Steinkohlen her, mit der wir heute unsere Zimmer heizen, jener ungeheuren, in längst entschwundenen Zeiten abgelagerten Pflanzenschichten, die wir jetzt ans Tageslicht bringen. Ihre Bildung geschah etwa eine Million Jahre vor der Zeit, in der unsere Geschichte anfängt. Von da an hat sich die Entwicklung des irdischen Lebens fort und fort vervollkommnet, und niemand vermag zu sagen, ob es schon seinen Gipfel erreicht hat.

Als sich der Komet der Erde näherte, hatte er nur Muscheln wahrnehmen können. Trotzdem die schaffende Welt es an gutem Willen nicht hatte fehlen lassen, war es ihm doch nicht möglich gewesen, etwas anderes zu erkennen. Das Meer nahm noch die gesamte Oberfläche der Erde ein, wie es ja heutzutage noch drei Viertel von ihr bedeckt. Damals gab es noch kein Festland, sondern nur Inseln und Sümpfe. König der Schöpfung war damals eine Art Seeschnecke, ein Kopffüßler, ein ganz harmloses Tier.

Dieses unschuldige Geschöpf, das wohl kaum ahnen mochte, daß es eines Tages nach Jupiter Ammon getauft werden würde, herrschte also als unumschränkter Souverän im Königreich des Neptun: »Der Dreizack des Neptun ist das Zepter der Welt«, sagt Lemierre. Kein Engländer könnte dieses Zepter mit größerem Rechte in Anspruch nehmen, als diese kleinen Tiere, von denen wir sprechen. Wie heutzutage jene Molluskenart, die unter dem Namen »Nautilus« bekannt ist, sah man sie in ihrem weißen oder vielfarbigen Nachen auf der Oberfläche des Meeres dahintreiben; große und kleine, in allen Gestalten; ganze Flotten von ihnen schwammen auf den Wassern, ihrer Beute nachstellend. Man sah sie rasch und zierlich dahinschießen, sich kreuzen, sich ausweichen, sich überholen, ganz so, als ob sie eine Regatta aufführten. »Man« sah sie; dieses »man« bedeutet den Kometen, denn außer ihm gab es keinen Zuschauer, der sich an diesem urweltlichen Schauspiel hätte ergötzen können. Überall Einsamkeit und Schweigen …

Unser Komet, der nicht wenig überrascht war, nur Muscheln zu sehen, Muscheln im Meer, Muscheln auf der Erde und überall nur Muscheln, erging sich in Mutmaßungen, wozu denn überhaupt die Erde eigentlich geschaffen sein mochte. »Es ist und bleibt ein großes Geheimnis,« sagte er sich, »daß man für derartige Wesen eigens eine Welt geformt hat.« Er versuchte sich vorzustellen, über welche geistige Kraft diese Geschöpfe wohl verfügen mochten, wie weit ihre Fähigkeiten gingen, ob sie wohl denken konnten usw. Trotz der Geringfügigkeit und Unansehnlichkeit des Erdballs konnte sich sein Geist doch nicht zu dem Glauben aufschwingen, daß dieser kleine Weltkörper nur dazu geschaffen sein sollte, um Mollusken zur Wohnung zu dienen. Er sah sich die verschiedenen Lebewesen genauer an, und es fielen ihm die Geselligkeit der Miesmuscheln und die Geschicklichkeit der Schildkröten, deren erste Exemplare gerade zum Leben erwachten, wohl auf. Er ließ die verschiedenen Arten der Mollusken: die Kopffüßler, die Bauchfüßler, die Blattkiemer, und wie sie alle heißen mögen, vor seinen Augen vorbeimarschieren; auch die Rankenfüßler (Cirripediae), die weder Kopf noch Füße noch Arme haben, übersah er nicht. Aber in dieser ganzen Gesellschaft fand er niemand, dem er die heilige Gabe der Vernunft zutrauen konnte.

Seiner fruchtlosen Nachforschungen müde geworden, kehrte der Komet um, und ebenso wie in unendlich späterer Zukunft der ewige Jude, so dachte er, während er weiterging, und er ging weiter, während er dachte, bis plötzlich ein furchtbarer Schrei die Luft erzittern machte. »O,« rief der Komet aus, »da ist er wahrscheinlich, der König der neuen Welt. Ich danke dem Himmel dafür, daß er mich ihn noch vor meiner Abreise hat sehen lassen.« Er wandte sich um, und in der Tat – er war da!