Für welches Auge waren diese Schönheiten der Erde in ihrer Jugendblüte geschaffen? Für welche Ohren war der Wohlklang, der die Natur im Brausen der Wellen und im Rauschen der Blätter erfüllte, bestimmt? Für wen boten die schattigen Wälder lauschige Schlupfwinkel, für wen eröffneten sich die herrlichen Ausblicke, für wen breiteten sich diese Pflanzenteppiche, die ein wechselvolles Licht mit schönen Mustern verzierte, aus? Wer erfreute sich an der Sternenpracht der stillen Nächte, die der Mond mit seinem ruhigen, silbernen Schein erleuchtete? Für wen diese erhabene Pracht? Für wen dieser strahlende Himmel, diese grünenden Ebenen, das Flüstern des sich zu natürlichen Lauben verdichtenden Blätterwerkes, diese prächtigen Schauspiele, die Wasser und Land unausgesetzt boten? Für wen die Sonne am Tage und die Sterne in der Nacht, der blaue Himmel, die vielfarbigen Wetterwolken, die goldene Pracht der Dämmerung, das Hervorbrechen des Regenbogens und der Fall der Meteore? … Für wen schuf die Natur diese ungeheure Arbeit? … Verständige oder mit Vernunft begabte Wesen waren auf der Erde noch nicht erschienen.

Das Land, das heute von der Zivilisation beherrscht wird, die Gegend, in der Frankreichs glänzende Hauptstadt sich erhebt, war damals noch mit Wasser bedeckt. Noch nichts ließ die Gestalt erkennen, in der sich Frankreich heute unserem Auge darbietet. Nur große Seen und Halbinseln nahmen seine Stelle ein. Das Meer erstreckte sich über Paris hinaus, bis nach Bourges; von Valenciennes bis nach Saint-Lô konnte man an seinen Ufern entlang die unregelmäßige Kette der Kreideformation verfolgen. Während der Juraformation hatte sich bereits die Hochebene von Langres gebildet und beherrschte das eben genannte Meer. Die Berge, die sich mit ihren schwarzen Zinnen über Langres erheben, dieselben, auf denen Cäsar seine Wachtfeuer entzündete, die Bergeshöhlen, in denen sich Sabinus vor dem Zorn des römischen Adlers verbarg, diese ehrwürdigen Gipfel wachten schon über den Wogen des vorsintflutlichen Meeres. Die alte Auvergne und Bretagne zur Linken und die Alpen zur Rechten sind in den fernen Jahrhunderten der Primärzeit aus den Wassern entstanden. Dagegen schlief zu der Zeit, von der wir sprechen, die Gegend von Lyon, Tours, Dünkirchen noch auf dem Grunde des Meeres, und erst während der Tertiärzeit erhob sich das Land, auf dem die genannten Städte stehen, wenn auch nicht zu ewiger, so doch wohl zu einer recht langen Dauer.

Nach der Reihenfolge ihres Erscheinens auf der Erde traten die Vorfahren der verschiedenen Arten unserer heutigen Tierwelt in deutlich zu erkennenden Entwicklungsstufen hervor. Auf die ausschließlich im Wasser lebenden Tiere waren die im Wasser und auf dem Lande lebenden Amphibien gefolgt, nach diesen kamen Geschöpfe, die nur für das feste Land bestimmt waren; wieder ein Hinweis darauf, daß es in der Natur keinen Zufall gibt, und daß die Reihenfolge und Entwicklung der Arten durch ewige, unabänderliche Gesetze bestimmt wird. Von den vierfüßigen Säugetieren erschienen zuerst die Dickhäuter: das Palaeotherium, das Anoplotherium, das Xiphodon, Geschöpfe, die ihrer Gestalt nach eine Zwischenstufe zwischen dem Rhinozeros, dem Pferde und dem Tapir einnahmen. Das erstgenannte, das etwa so groß wie ein Pferd sein mochte, hatte vom Tapir den Kopf, der in einen fleischigen Rüssel auslief, kleine, ausdruckslose Augen und kurze, plumpe Beine. Im Gegensatz zum Palaeotherium hatte das Anoplotherium lange Beine und dazu noch einen mehr als einen Meter langen Schwanz, der ihm beim Durchschwimmen von Seen oder Flüssen als Ruder diente. Das Xiphodon endlich ähnelte mehr unserer heutigen Gemse und war, wie diese, zierlich gebaut, furchtsam und schnellfüßig. Neben ihnen tummelten sich noch andere Arten, so das Lophiodon, das in seinen verschiedenen Abarten auch die verschiedensten Formen zeigte und in seinen Maßen von der Größe des Kaninchens bis zu der des Rhinozeros variierte, der Chiropotamus, der die Flüsse bewohnte. Das Meer, über dessen Wellen von Zeit zu Zeit der Mosasaurus sein furchtbares, drei Fuß langes Gebiß fletschte, bevölkerten friedliche Wale, die Delphine waren seine Könige.

Wenn wir uns in die damalige Zeit zu versetzen suchen, so wird uns die eigenartige Formenwelt wundernehmen, die unsere Erde in jener Epoche noch zeigte; sie bewahrte noch viel von dem fremdartigen Charakter, der uns bei der Betrachtung der früheren Perioden so sehr in Staunen gesetzt hat.

Es war gerade zur Zeit des Beginnes der letztgeschilderten Periode, der Eozän-Zeit, als der Komet wieder die Erde erreicht hatte, und es bot sich ihm jetzt Gelegenheit, die irdische Landschaft in der Fülle ihrer Entwicklung und ihrer Fortschritte zu betrachten. In diesem Schauspiel offenbarte sich ihm das Gesetz der Bestimmung, und er mutmaßte, daß ein höherer, unbekannter Wille die Bildung dieser kleinen Welt leite und sie zum Aufenthalt für irgendein neues Wesen, das würdig sei, das Zepter einer Welt zu führen, vorbereite.

Die reine Luft erlaubte es der Sonne, ihre fruchtspendenden Strahlen mit vollen Händen über die Erde auszuschütten; aus den stillen und friedlichen Gewässern leuchtete der blaue Himmel; Tausende von Pflanzen schaukelten ihren grünenden Stengel in den Lüften und die ersten Blumen, die am Rande der Gewässer standen, spiegelten sich in ihren Wellen wieder. Zahlreiche Herden weideten auf dem Lande und die fröhlichen Bewohner der Luft nahmen zu höheren Regionen ihren Aufschwung. Überall lachte das Leben. Schon traten die Unterschiede der verschiedenen Jahreszeiten deutlich hervor, und der Komet erkannte bereits, daß die Einrichtungen der Erde sich allmählich denen höher organisierter Welten näherten. Wie alle Kometen hatte auch er in seiner Bahn die größtmöglichste Hitze und die alleräußerste Kälte zu ertragen. Kam er in seinem glühenden Sommer ganz nahe an die Sonne heran, so entfernte er sich in seinem Winter so weit von ihr, daß dieser tausendmal kälter war als der Winter auf der Erde. In seiner Selbstlosigkeit war er daher stets erfreut, wenn er Welten begegnete, die es in dieser Beziehung besser als er hatten.[6] Die Erde befand sich in der glücklichen Lage der Planeten. Das war ein Umstand, der sie in den Augen des Kometen an die andern, höher organisierten Welten näher heranrückte, und mit einem gewissen freudigen Gefühl merkte er, daß sein Interesse für die Erde noch immer wuchs. Die Stellung, die er in seinem Geiste ihr einzuräumen hatte, wurde ihm immer deutlicher.

Die zwar langsamen, aber doch recht merklichen Fortschritte, welche die Erde in ihrer Entwicklung machte, gewährten unserem reisenden Gestirn Freuden, die ihm bis dahin unbekannt geblieben waren. Als der Komet einmal auf seinem Fluge durch die Welt wieder der Sonne sehr nahegekommen war, entdeckte er, daß zwischen Erde und Sonne noch zwei andere Planeten schwebten, nämlich Venus und Merkur. Er wollte seine Aufmerksamkeit nicht durch diese neuen Welten ablenken lassen und sich lieber das Vergnügen, das die Beobachtung der ersten Stufen ihrer Entwicklung ohne Zweifel gewähren mußte, versagen, als ihretwegen die ihm liebgewordene Erde vergessen; er zog es vor, die neuen Welten ganz zu übersehen, wie sie ja auch früher für ihn nicht vorhanden waren. Als er ein anderes Mal nahe an Mars vorbeizog, fiel ihm auf dieser Weltkugel eine ganz ähnliche Schöpfung, wie er sie auf der Erde gesehen hatte, auf, was einem Touristen eigentlich denselben Grund zur Neugier hätte bieten müssen. Aber wie er es mit Venus und Merkur gemacht hatte, so hielt er es auch mit Mars: er ließ ihn unbeachtet einsam seines Weges ziehen. Nur mit dem Erdball beschäftigte er sich, wenn ihn seine Bahn in die Gegenden führte, in denen sich unsere Erde bewegt. Aus dieser beiläufigen Bemerkung mag man erkennen, wie sehr er von seiner früheren Gleichgültigkeit gegen uns zurückgekommen war, und daß er in Zukunft alles sehr aufmerksam verfolgte, was die Erde betraf.

Es war zur Zeit seiner hundertsten Reise – wenn man die, die wir zu Beginn unserer Erzählung erwähnt haben, als erste zählt – das heißt um das Jahr Dreihundertundviertausend­sechshundertneunundachtzig, als er Zeuge des Vorspiels war, mit dem sich die große geologische Epoche einführte, die derjenigen, in der wir uns befinden, vorangegangen ist. Fünfzigtausend Jahre später konnte er sehen, wie jener Abschnitt in der Entwicklungsgeschichte der Erde – die Eozänformation – sein Ende erreichte. Zweihunderttausend Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung nahm dann die Periode, der man den Namen Miozänformation beigelegt hat, ihren Anfang.

Aurora! Morgen des Lebens! Leuchtender Anfang! Später mögen die Formen des Erschaffenen wohl eine ausgesuchtere Eleganz, eine vollkommenere Schönheit angenommen haben, aber in dieser Frühlingszeit fühlt man es fast, wie in den Pflanzen der Saft aus der Wurzel emporsteigt und bis in die Spitze des Stengels dringt. Später wird der nie ruhende Fortschritt sein Werk vollenden: jetzt aber stehen alle Kräfte der Natur in ihrer größten Fülle und erwecken so viel frohe Hoffnungen für die Zukunft, wie dies keine spätere Zeit mehr tun kann.

Wenn man sich das Weltgebäude als eine riesenhafte Uhr vorstellt, auf der eine Sekunde ein Erden-Jahrhundert bedeutet, und wenn man sich vergegenwärtigt, daß ein Tag der Erde, im astronomischen Sinne gedacht, Tausende von Jahrhunderten umfaßt, dann wird man nicht mehr erstaunen, daß die Morgenröte eines solchen Tages nach gleichem Maße zu messen ist und daß sie sich über eine lange Reihe von Jahrhunderten erstreckt haben muß. Die Zeiten, nach denen wir die einzelnen Abschnitte unseres geschichtlichen Lebens rechnen, sind im Leben der Natur ein reines Nichts. Ein Jahrhundert geht an ihrer ewigen Jugend spurlos vorüber, und zehn, auch hundert Jahrhunderte rufen auf ihrer Stirn noch keine Altersfalte hervor.