Das erste grosse Sortimentslager gründete der Frankfurter Buchhändler Paul Brachfeldt, in den letzten Jahren des xvi. Jahrh. Ausländische Verleger, wie die Elzeviere, hielten in Frankfurt Lager. Hierdurch gestaltete sich neben dem Messhandel ein regelmässiger Verkehr der Sortimentshandlungen mit Frankfurt, doch gestattete die Zerrüttung der Verhältnisse kein rasches Emporblühen, wozu die Massnahmen der kaiserl. Regierung das ihrige beitrugen. Auch die Frankfurter Behörden hatten dieser in die Hände gearbeitet, als sie dem Kaiser Maximilian ii. vorschlugen, er möge selbst Beamte senden, um die Überwachung des Buchhandels, welche der Rat abgelehnt hatte, zu besorgen. Die Massregel war jedoch erst unter dem Kaiser Rudolph ii., 1579, zur Ausführung gekommen. Seit dem Jahre 1629 verfuhr die kaiserl. Bücherkommission vollständig souverän und der Rat machte nur ab und zu einen vergeblichen Versuch, den Einfluss derselben zu mindern. Darunter litt begreiflicherweise die Frankfurter Messe ausserordentlich, während das aufblühende Leipzig den Vorteil davon hatte. Doch wirkten noch andere Gründe gegen Frankfurt. Je mehr die lateinische Sprache als Gelehrtensprache durch die deutsche verdrängt wurde, um so mehr schmälerte sich der Absatz der deutschen Bücher im Auslande. Die fremden Buchhändler blieben deshalb nach und nach aus, namentlich weil auch der Absatz ihrer Artikel durch die Übersetzungssucht der deutschen Verleger geringer wurde. Der Verkehr mit Italien war schon um 1570 durch den Index librorum prohibitorum et expurgendorum des Papstes Pius iv. so gut wie vernichtet. Mit den spanischen Niederlanden verfiel der buchhändlerische Verkehr nach den Ordonnanzen Philipps ii. Am längsten hielt sich noch die Verbindung mit Holland, jedoch bot letzteres bloss Bücher dar und nahm keine, wodurch der Handel erschwert wurde, besonders da Holland zumteil seinem klassischen Verlag untreu wurde, und sich den französischen Artikeln und dem Nachdruck zuwandte. Wie Leipzigs Übergewicht um das Jahr 1650 eine vollendete Thatsache wurde, ist bereits berichtet (S. 149). Ohne die Reformation und ihren segensreichen Einfluss auf die Pflege der Wissenschaft, würde es doch Leipzig kaum gelungen sein, seine Suprematie zu erlangen. Die Gründung der Universitäten Wittenberg, Frankfurt a. d. O., später Königsberg; die Kunstliebe der sächsischen und brandenburgischen Kurfürsten und ihr Interesse für die Wissenschaften hatten einen mächtigen Einfluss geübt, und im Norden ein bis jetzt brachgelegenes Terrain dem Buchhandel, sowohl hinsichtlich der Produktion als der Konsumtion, gewonnen[9].
Neben Leipzig und Frankfurt a. M. entstanden auch andere Kommissionsplätze mit beschränkteren Geschäftskreisen, darunter namentlich Augsburg, das ein Mittelpunkt des katholischen Verlags wurde, und Nürnberg. Auch in Strassburg zeigte sich zu Beginn des xvii. Jahrhunderts ein weiter gehender Verkehr.
Die Verlagsver-
hältnisse.
Die Autorenverhältnisse boten nicht viel erfreuliches. Bei der Ungunst, in welcher die deutsche Litteratur stand, sahen sich viele Autoren genötigt, ihre Werke auf eigene Kosten drucken zu lassen. Wer keine bedeutende litterarische Bekanntschaften oder einflussreiche Verbindungen hatte, war übel daran und der Willkür der Buchhändler anheim gegeben. Diese suchten durch lockende Titel, in Kupfer gestochene Titelblätter und in den Text gedruckte Vignetten die Kauflust zu reizen, die eigentliche Ausstattung jedoch wurde immer schlechter und die Inkorrektheit ging oft über alle Grenzen. Die Honorare waren sehr klein, oft nicht so hoch wie Schreiberlöhne. Manchmal wurde durch Freiexemplare gezahlt. Als Ausgleich musste die „Dedikation“ an einen vornehmen oder reichen Mann dienen, der seine Dankbarkeit für die erwiesene Ehre klingend zu zeigen imstande war, bis auch dieses Mittel in Misskredit kam. Zu den schlechten Verhältnissen trugen der Nachdruck und die sowohl strenge als willkürliche Zensur noch das ihrige bei. Letztere wurde von Lutheranern, Calvinisten und Katholiken, je nach ihrer Konvenienz, zur Unterdrückung der Schriften der Gegner benutzt und bei der engen Verknüpfung der geistlichen mit den politischen Wirren bald auf das weltliche Gebiet übergeführt. Manchmal beruhte die Unterwerfung unter die Zensur auf vorheriges Abkommen mit den einzelnen Buchdruckern, bis sie mit dem Anfang des xviii. Jahrh. vollständig organisiert war.
Zudrang zum
Buchhandel.
Da der Betrieb des Buchhandels jedem freistand, so war es natürlich, dass manche, die nicht den genügenden Grad von Bildung besassen, besonders zu dem Sortimentshandel sich drängten, namentlich solche, die schon mit dem Buchhandel in Berührung standen, z. B. Papier- und Pergamentmacher, Buchbinder u. s. w. Bei den ersteren mag wohl der Eintritt in den Buchhandel öfters ein unfreiwilliger gewesen sein, wenn sie statt Barzahlung Bücher annehmen mussten. Am wichtigsten war die Beteiligung der Buchbinder. Je mehr sich der Sortimentshandel organisierte, je mehr fiel der Kleinhandel, namentlich auf den Jahrmärkten, den Buchbindern zu. Auf der andern Seite schmälerten Reisende den Markt. In dem Grade wie die Bildung und die deutsche Litteratur sich verbreiteten, stieg der Zudrang zum Buchhandel und damit die Unsolidität.
Missbräuche im
Buchhandel.
Grossen Nachteil brachte ferner die Masse der Bücherauktionen. Aus allen Winkeln wurden Bücher zusammengetrieben, gebundene und rohe, komplette und defekte. Die Käufer wurden geprellt und gegen die Buchhändler unwillig gemacht, die ihre Lager in jeder Weise räumten, um Geld zu machen. An Stelle der Auktionen traten später die Bücherlotterien, die sich bis in die Mitte des xix. Jahrh. erhielten. Nicht allein Sortimentslager, sondern ganze Verlagsgeschäfte wurden in dieser Weise versilbert und das Publikum betrogen. Ebenfalls ein arger Missbrauch war das, wennauch in seinen Anfängen nicht verwerfliche, Pränumerationswesen, indem die Versprechungen gewöhnlich nur mangelhaft oder gar nicht gehalten wurden.