Champ-fleury.

Ein Werk des Italieners Sigismund Fanti über die Verhältnisse der Buchstaben (Venedig 1514) gab Tory die Anregung zu seinen späteren Arbeiten, auch waren ihm die Werke Dürers, in welchen dieser sich mit Schrift beschäftigt, bekannt. Er liess sich in die Zunft der Buchhändler aufnehmen, zu welcher er als Illuminator und Holzschneider gehörte, und bereitete für ein Andachtsbuch eine Serie von Einfassungen in antikem Stile vor. Während seiner Arbeiten, die jedoch fast zwei Jahre durch den Schmerz über den Tod seiner geliebten Tochter, Agnes, unterbrochen wurden, reifte bei ihm die Idee zu einem linguistisch-typographischen Werke, das 1529 unter dem Titel erschien: „Champ-fleury, au quel est contenu L'art et science la deue et vraye Proportion des lettres Attiques, qu'on dit autrement Lettres antiques et vulgairement Lettres Romaines, proportionees selon le Corps et Visage humain“.

Das Werk zerfällt in drei Abteilungen. Die erste enthält die Anweisung zu dem rechten Gebrauch der Sprache; die zweite behandelt die Entstehung der Kapitalschrift und die Belehrung, wie die Kapitalbuchstaben in Übereinstimmung mit dem Körper und dem Gesicht eines wohlgebildeten Menschen stehen. Geistreiche Illustrationen in Holzschnitt dienen zur Versinnlichung der Theorie, die zwar kaum für etwas anderes als ein Paradoxon erklärt werden kann, jedoch in der sinnreichsten Weise durchgeführt ist. Der dritte Teil wendet sich der Praxis zu, und giebt genaue Zeichnungen der Buchstaben und begleitet sie mit Untersuchungen über die Aussprache. Den Schluss machen 13 Alphabete, vier Gattungen französischer Schriften: Cadeaulx, Forme, Bâtard, Tourneure, mehrere orientalische Schriften, grosse Kapitalbuchstaben (Imperiales, Bullatiques), Phantasiebuchstaben (Utopiques) mit Arabesken, verzierte Initialen u. s. w.

Einfluss Torys.

Das Werk, welches 1529 erschien, veranlasste eine wahre Revolution in der französischen Typographie und Orthographie. In der Technik wurde es eine Hauptveranlassung zur vollständigen Beseitigung der gothischen Type und zu einem neuen Schnitt der Antiqua. Robert Stephanus fand sich veranlasst, alle seine Schriften zu verwerfen und andere einzuführen, die sich nun in ihrer neuen Gestalt beinahe bis zum Anfang des xix. Jahrhunderts unverändert erhielten. Noch wichtiger waren die Veränderungen in philologischer Hinsicht, da von nun an die Accente, Apostrophe und Cedillen, so wie eine verbesserte Orthographie eingeführt wurden.

Tory wird Hof-
buchdrucker.


Dies konnte von dem, die Wissenschaften und die Typographie so sehr liebenden König Franz i. nicht unbemerkt und unbelohnt bleiben. Er ernannte Tory, 1530, zum königlichen Hofbuchdrucker, ein Titel, mit dem reelle Einnahmen verbunden waren, auch wurde ihm zuliebe eine 25. Stelle als Universitätsbuchhändler geschaffen, da die festgesetzte Zahl 24 bereits voll war. Torys Todestag ist nicht genau bekannt, er muss aber vor dem Jahre 1534 liegen, da seine Witwe, Perette le Hulin, um diese Zeit das Geschäft fortführte. Im Jahre 1535 gingen die verschiedenen Offizinen auf Olivier Mallard über; nur die Holzschneiderei behielt die Witwe. Mallard, der das Zeichen Torys, die zerbrochene Vase mit der Umschrift non plus, wahrscheinlich eine Anspielung auf seine durch den Tod seiner Tochter vernichtete Lebenskraft, fortführte, starb 1542. Das Material kam in die Hände Thielemann Kervers. Der berühmte Schriftgiesser Claude Garamond, ein Schüler Torys, war wieder ein Lehrer der nicht weniger berühmten Wilh. le Bé und Jacques Sanleque.

Denys Janot.
St. Groulleau.

Die eigentliche illustrierte Litteratur, in der der Schriftsteller, wenn nötig, sich der Illustration unterordnet, wurde von Denys Janot (1530-1545), noch mehr von seinem Nachfolger Stephan Groulleau (1547-1565) in System gebracht. Als Schriftsteller unterstützte sie Gilles Corrozet mit seiner geschmackvollen Feder und als Künstler Jean Cousin mit seinem grossen Zeichnertalent. Es ist schwer die Stellung der einzelnen Teile dieses vierblätterigen Kleeblattes genau festzustellen. Die Begierde des Publikums nach ihren Produktionen war eine so grosse, dass es nicht immer möglich war, sie zu befriedigen. Man musste deshalb, in Ermangelung der schönen Renaissance-Vignetten, öfters zu Zeichnungen älteren Datums greifen und so findet man, sogar in einem und demselben Buch, oft neues und geschmackvolles neben altem und stillosem.