Die Elzevier-
schriften.
Die Verhältnisse waren schwer zu beherrschen. Zwar beabsichtigte die Witwe das Geschäft fortzusetzen, sah aber bald die Notwendigkeit einer Beschränkung ein. Zuerst kam die Reihe an die Schriftgiesserei, bei welcher Gelegenheit ein Licht über die Entstehung der Elzevier-Schriften geworfen wird. Es gelang dem Herrn Alfons Willems, im Plantinschen Museum in Antwerpen ein Schreiben von der Witwe Daniels an die Witwe des Balthazar Moretus aufzufinden, in welchem erstere den Plantins ihre Schriftgiesserei anbietet, mit 27 Sorten von Stempeln und 50 Sorten Matern „gemaekt wesende bij Christoffel van Dyck, de beste meester van sijnen en onsen tijdt, en bij gevolge de beroemste gieterije, die ooyt ist geweesi“. Beigefügt ist eine Schriftprobe, ein einzelnes Blatt in Plakatformat, mit der Überschrift: „Proeven van Letteren die gesneden ziin door Wylen Christoffel van Dyck, soo als de selve verkoft sullen werden ten huyse van de Weduwe Wylen Daniel Elsevier, op't Water by the Papenbrugh, in den Olmboom, op Woensdagh, den 5 Martii 1681“.
Zwar ist nur die Rede von den Typen der Amsterdamer, aber es ist nicht anzunehmen, dass diese nur Plagiate der Leydener gewesen. Es würde die Witwe Daniels kaum gewagt haben von van Dyck als von dem ersten Schriftschneider seiner Zeit zu sprechen, wenn er nur ein Plagiator gewesen[7]. Früher hat man die Schriften der Elzeviere dem Claude Garamond oder den Sanleques zugeschrieben. Garamond war jedoch bereits 1561 gestorben, auch zeigen seine Schriften einen abweichenden Charakter. Eher stimmen die Elzevier-Schriften mit denen Sanleques überein, der ein Zeit- und Religionsgenosse der Elzeviere war, so dass die Vermutung, die Schriften stammten von diesem, mehr Wahrscheinlichkeit hatte.
Schicksale der
Elzevier-
schriften.
Das Plantinsche Haus nahm das Anerbieten der Witwe Elzevier nicht an, und die Schriftgiesserei ging nunmehr durch Kauf an Jean Bos im Hause Joseph Athias über. Letzterer war ein spanischer Jude, der ein bedeutendes typographisches Etablissement in Amsterdam besass. Er war namentlich bekannt als Drucker einer Anzahl von Bibeln in fremden Sprachen, ganz besonders ist seine hebräische Bibel berühmt, für welche ebenfalls Christoff van Dyck die Schriften geschnitten hatte, die noch jetzt unter die schönsten hebräischen Schriften zählen. Als Belohnung für diese Arbeit erhielt Athias von den Staaten von Holland und Westfriesland eine goldene Medaille an goldener Kette zu tragen, eine Auszeichnung, die noch keinem Israeliten zuteil geworden war. Vielleicht hat Athias seine Dankbarkeit gegen van Dyck, durch Ankauf des ganzen Komplexes seiner Schriften, zeigen wollen. Sein Etablissement ging in die Hände von J. J. Schepper über, später an den Schriftgiesser Johann Roman, der die oben erwähnten Proben genau mit allen Fehlern als Proben seiner Giesserei druckte. Diese kam 1767 an die Brüder Ploos van Amstel in Amsterdam und an Johann Enschedé in Haarlem, die den Fond teilten; später ging das Ganze auf Enschedé über. Dieser, ein warmer Bewunderer der Leistungen des Schriftschneiders Fleischmann, legte übrigens, wie es scheint, kein grosses Gewicht auf die Schriften von van Dyck.
Auflösung des
Amsterdamer
Geschäfts.
Die Verhältnisse bei dem Tode der Witwe Daniels im Mai 1681 machten alle Gedanken an eine wennauch beschränktere Fortführung des Geschäfts zunichte. Die Erbschaft konnte von den Beauftragten der neun Kinder Daniels nur cum beneficio inventarii angetreten werden. Die Liquidation fiel jedoch über alle Erwartung günstig aus und erzielte nach heutigem Geldwerte eine Summe von etwa einer viertel Million Mark. Die Amsterdamer Verleger hatten sich längst auf diesen Augenblick gerüstet und kauften mit Begierde die berühmten Verlagsartikel.
So verblieb nur die Erinnerung an das angesehene Elzeviersche Haus in Amsterdam. Doch nicht allein der Glanz desselben wurde mit Daniel zu Grabe getragen, auch der hohe Ruhm der niederländischen Typographie im allgemeinen war dahin. Fast gleichzeitig mit Daniel schieden fast alle die grossen holländischen Buchdrucker, welche die letzte Hälfte des xvii. Jahrhunderts mit ihrem Ruhm erfüllt hatten. Zwar erstanden aufs neue tüchtige Männer, welche die typographische Fahne hochhielten, aber die Kette war gebrochen, und es gelang nicht, die Glieder wieder zu einem Ganzen zu vereinigen.
Ende d. Leydener
Hauses.