Gutenbergs neue
Verlegenheiten.

Mit dem grossen Werke Gutenbergs ging es, wie mit so vielen anderen Unternehmungen von Bedeutung: es verschlang, bevor es in seiner Vollendung Geld bringen konnte, mehr Geld, als berechnet war. Im Dezember 1452 schoss Fust abermals 800 Goldgulden vor, sorgte aber vorsichtigerweise auf das beste für die Sicherstellung. Nicht allein das „Gezüge“, sondern das „Werk des Buches“ wurde ihm verpfändet und der Vorteil sollte ein gemeinschaftlicher sein. Hier ist also von einer wirklichen Beteiligung die Rede, was einen sicherern Beweis liefert, dass nicht mehr an der Rentabilität gezweifelt wurde.

Erste Press-
erzeugnisse.

Welches waren nun die ersten unbestreitbaren Erzeugnisse der Gutenbergschen Presse? Den grössten Absatz versprachen natürlich Schulbücher, namentlich die schon früher erwähnte sehr beliebte Grammatik des Älius Donatus. Ein Fragment (jetzt in Paris), zwei Pergamentblätter, eines solchen von Gutenberg gedruckten Donats, wurde als Einschlag einer alten Rechnung entdeckt. Die grossen Typen des Schriftchens sind die der 36zeiligen Bibel. Verkehrtstehende Buchstaben weisen unwiderleglich auf eine typographische Herstellung hin, die um das Jahr 1451 stattgefunden haben muss.

Die Ablassbriefe.

Am 12. Aug. 1451 bewilligte der Papst Nikolaus v. denjenigen, welche zur Unterstützung des Königreichs Cypern in seinem Krieg gegen die Türken Geld spendeten, einen allgemeinen Ablass, der für die drei Jahre vom 1. Mai 1452 - 1. Mai 1455 erteilt wurde. Paulinus Zapp (Chappe) besorgte von Mainz aus den Vertrieb der Ablassbriefe für Deutschland. Das Geschäft wollte aber nicht recht gehen, bis, nach dem Fall von Konstantinopel (1453), Europa aufschrak. Nunmehr nahm der Generalinquisitor Johann von Capistran die Sache in die Hand und predigte den Kreuzzug gegen die Türken. Jetzt fand der Ablasshandel einen günstigeren Boden. Zur massenhaften Anfertigung dieser „Anteilscheine auf Seligkeit“ eignete sich Gutenbergs Erfindung ganz vorzüglich. Man liess nur den Raum für den Ort, den Tag und den Namen des Aktieninhabers offen und die Ausstellung konnte in raschester Weise vor sich gehen. Ein vollständig „geschriebener“ Ablassbrief aus Lübeck, datiert vom 6. Okt. 1454, ist noch vorhanden, daneben sind aber auch „typographisch“ hergestellte Exemplare mit der Jahreszahl mccccliiii aufgefunden. Nach dem ersten Mai 1455 waren die Urkunden wertlos und deshalb die Pergamentblätter namentlich von den Buchbindern benutzt, oder sie gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren. Allmählich sind jedoch 23 solcher Denkmale der ältesten Typographie ans Licht gezogen, die alle aus dem Zeitraum vom 25. Nov. 1454 bis zum 30. April 1455 stammen. Aus diesen geht hervor, dass Gutenberg im Jahre 1454 wenigstens zwei Schriftgattungen besessen hat: die grosse Donattype und eine kleinere, die jedoch zu keinem Buche von ihm benutzt wurde.

Bibeldruck.

Mit Resultaten wie die erwähnten war Gutenberg jedoch nicht zufrieden; sein Sinn trachtete nach einem grösseren Ziele. Und welches Ziel konnte der neuen Erfindung würdiger sein, als die Verallgemeinerung der heiligen Schrift. Wir stehen nun vor einem der wichtigsten der vielen, noch dunklen Punkte in der Erfindungsgeschichte.

Welche Bibel ist
die erste?

Es liegen zwei Bibeln vor, über welche Meinungsverschiedenheit obwaltet: die „42zeilige“ (die sogenannte „Mazarinsche“), unzweifelhaft von Gutenberg und Fust begonnene und von Fust und Schöffer vollendete, und die „36zeilige“ (die „Schellhornsche“)[1]. Welcher von beiden gebührt die Priorität? Früher wurde diese allgemein der 42zeiligen zugesprochen und die 36zeilige Bibel als ein Druck Alb. Pfisters in Bamberg betrachtet. Alle neueren Forscher jedoch, Didot, Weigel und Zestermann, Madden, de Vinne, van der Linde, sind darin einig, dass die 36zeilige Bibel die erste sei und ebenfalls aus Gutenbergs Offizin stamme. Diese neuere Ansicht wird durch eine, aus der Schöfferschen Druckerei direkt stammende Überlieferung bestätigt, welche Ulrich Zell nach Köln brachte und die 1499 gedruckt erschien. Hiernach wäre die erste Bibel die mit den „grossen Missalbuchstaben“ gedruckte d. i. die „36zeilige“. Dieselben Typen, die für den erwähnten Donat dienten, wurden 1454 zu: „Eyn manūg d' christēheit widd' die Durkē“ verwendet und gingen wahrscheinlich später in den Besitz Pfisters in Bamberg über. Dies mag Veranlassung zu der Annahme gegeben haben, dass die 36zeilige Bibel aus Pfisters Offizin stamme, wogegen jedoch dessen sonstige typographische Leistungen und viele äussere Umstände und innere Gründe entschieden sprechen.