Fust und
Schöffers Offizin
in Mainz.

Im Besitz des neuen Gutenbergschen Materials und der genügenden Geldmittel, mit der technischen Tüchtigkeit verbunden, gelang es bald Fust und Schöffer, den Erfinder der Kunst zu überflügeln und nach der kurzen Zeit von noch nicht zwei Jahren eine grossartige Leistung der Typographie zu vollenden: das Psalterium von 1457. Dieses Druckwerk ist das erste, welches mit der Angabe des Druckers, des Druckortes, der Jahreszahl und des Datums (14. Aug. 1457) zugleich mit farbigen Initialen versehen ist, während Seitenzahl, Signatur und Kustoden immer noch fehlen. Man kennt 6 Exemplare, von denen drei 175, die anderen nur 143 resp. 136 Blätter zählen. Als unvollständig können letztere jedoch nicht bezeichnet werden, da alle den Schlusssatz enthalten. Die Auslassungen geschahen wahrscheinlich aus Sparsamkeitsrücksichten, um nicht zu viel Pergament zu verbrauchen[2].

Das Psalterium
von 1457.

Dreihundertundsechs grosse Initialen, in rot und blau gedruckt, schmücken das kostbare, der starken Benutzung wegen nur auf Pergament gedruckte Buch. Eine Hauptzierde ist das, den Text anfangende Initial B. Der eigentliche Körper des Buchstabens bildet ein Viereck von 9 cm Höhe und Breite, rechnet man jedoch die Ausläufer mit zur Höhe, so beträgt diese 31 cm. Die Ornamentierung trägt einen maurischen Charakter und ist wahrscheinlich einem spanischen Manuskripte nachgebildet. Über die Herstellung dieser farbigen Initialen sind die Kenner nicht einig. Die vollendete Genauigkeit des Passens schliesst, bei den damaligen technischen Hülfsmitteln, den Gedanken an einen Doppeldruck aus. Einige halten dafür, dass die Holzschnitte in einzelne Teile nach den Farben zerlegt, diese einzeln eingefärbt, und dann, in einander gefügt, mit Einem Druck hergestellt sind, ganz in der Art des, zu Anfang unseres Jahrhunderts entstandenen Congrevedruckes. Andere behaupten, die Holzschnitte seien blind in den Bogen gepresst und nachher ausgemalt und wollen überhaupt an vielen Stellen des Textes eine Übermalung weniger gut gedruckter Sätze und Buchstaben entdeckt haben. Wie dem auch sei, so ist die Ausführung der Doppelfärbung eine technisch vollendete. Ohne Mängel ist das Werk dennoch nicht, namentlich ist der Ausschluss ein unregelmässiger und haben die Zeilen verschiedene Länge; auch Druckfehler, selbst so auffälliger Natur wie spalmorum statt psalmorum in der ersten Zeile des Schlusswortes, kommen vor. Merkwürdig ist es überhaupt, dass gerade die Schlussworte der alten Drucke nicht selten Fehler aufzuweisen haben; namentlich in Bezug auf Jahreszahlen, was mitunter zu den sonderbarsten Schlussfolgerungen für die Geschichte der Buchdruckerkunst Anlass gegeben hat.

Zugegeben, dass die ganze blendende Pracht der Erscheinung die, an unseren nüchternen Buchdruck gewöhnten Beschauer befangen gemacht und sie veranlasst hat, die Mängel zu übersehen und alles für unübertrefflich zu halten, so kann man doch das Psalterium nur als ein Wunderwerk ansehen, wenn man bedenkt, dass es nur wenige Jahre nach der Erfindung erschien. Über diesen so schnellen Aufschwung muss man staunen und bekennen, dass die vier Jahrhunderte, die seit der Zeit vergangen sind, zwar in der technischen Tüchtigkeit und Korrektheit des Materials grosse Fortschritte gemacht haben, in der eigentlichen Kunst jedoch verhältnismässig wenige; ja wir möchten bezweifeln, dass ein Meisterwerk von heute nach 400 Jahren ein so jugendliches Gepräge besitzen wird, wie das Psalterium heute zur Schau trägt. Fasst man ausserdem ins Auge, dass dies Werk kaum 21 Monate nach der Trennung Fust und Schöffers von Gutenberg ausgegeben werden konnte, so liegt der Gedanke nahe, dass die Anfänge schon aus der Zeit der Verbindung stammen, worauf auch die von der sonstigen Schöfferschen abweichende Schrift und die Ausstattungsart hinweisen.

Bereits im Jahre 1459 erschien eine zweite Auflage in etwas vergrössertem Format, von der man zwölf Exemplare kennt. Eine dritte folgte 1490; eine vierte 1502; die fünfte, aus dem Jahre 1516, stammt aus der Offizin des jüngeren Schöffer.

Weitere Druck-
werke Fusts und
Schöffers.

Am 6. Oktober 1459 vollendeten Fust und Schöffer Durandi, Rationale divinorum officiorum, welches mit neuen Typen Schöffers gesetzt wurde. Am 25. Juni 1460 erschienen: Constitutiones Clementi V. Im Frühjahr 1462 druckten Fust und Schöffer die erste politische Flugschrift in Brief- (Plakat-)Form, das Manifest Diethers von Isenburg gegen Adolf von Nassau, welches verhängnisvoll für ihre Druckerei werden sollte.

Die 48zeilige
Bibel.

Das vierte der grossen Mainzer Druckmonumente (vorausgesetzt, dass die 36zeilige Bibel das erste gewesen), war die, fünf Jahre nach dem Psalterium erschienene „Biblia sacra latina“ („Die 48zeilige“ genannt). Dies Werk bildet zwei Foliobände von je 242 und 239 zweispaltigen Blättern zu 48 Zeilen. Die Exemplare sind teils auf Pergament, teils auf Papier gedruckt; in die ersteren sind die Initialen hineingemalt, in den letzteren fehlen sie gewöhnlich. Gegen siebenzig Exemplare dieses Druckwerkes, welches sowohl durch seine typographische Schönheit, wie auch als erste vollständig datierte Bibel einen Hauptrang einnimmt, sind erhalten.