Venedig.

Nach VENEDIG kam die Buchdruckerei erst 1469, überflügelte jedoch in dem mächtigen Stapelplatz des Handels, wo zugleich Wissenschaft und Kunst blühten, bald die aller anderen Städte Italiens. Auch hier traten Deutsche als die ersten Buchdrucker auf. Johann von Speyer (Johannes de Spira) druckte 1469 als erstes, zugleich als Musterwerk, Ciceros Briefe. Sehr geschätzt ist auch sein Plinius, von dem ein Exemplar 1781 in Paris für ungefähr 4500 Mk. verkauft wurde. Seine Type nähert sich der Antiqua; in der Interpunktion wendet er Punktum, Kolon und Fragezeichen an. In einer Ausgabe des Tacitus, die jedoch möglicherweise von seinem Nachfolger herrührt, kommen arabische Zahlen als Pagination vor. Seine Verdienste wurden von dem Dogen, Pasquale Malipiero, so hoch geschätzt, dass man ihm das Privilegium als alleinigem Drucker auf venetianischem Territorium erteilte. Von diesem Privilegium, das glücklicherweise für die Verbreitung der Kunst nur ein persönliches war, sollte er jedoch keinen Nutzen ziehen, indem er 1470 starb. Sein Bruder Johann Wendelin von Speyer setzte das Geschäft fort und druckte viele elegante Klassikerausgaben; auch die erste italienische Bibel. Er verband sich mit Johann von Köln (1471-1487), der sich wieder später mit Nikolaus Jenson vereinigte.

Nik. Jenson.


Nach dem Erscheinen der Gutenbergschen Bibel war die Kunst in Paris nicht unbeachtet geblieben. Auf direkte Veranlassung des Königs Karl VII. erging am 3. Okt. 1458 eine Ordre an die königlichen Münzmeister, einen erfahrenen Mann nach Mainz zu senden, der die neue Kunst erlernen sollte. Die Wahl fiel auf Nikolaus Jenson, einen geschickten Graveur, dem es auch wirklich gelang, die Kunst sich zu eigen zu machen. Er kehrte jedoch nicht nach Paris zurück, sondern ging nach Venedig, wo er als einer der berühmtesten Buchdrucker von 1470-1481 wirkte. Er erkannte sofort die grosse Verwendbarkeit der Römischen Schrift, dabei jedoch auch die Mängel der vorhandenen Muster. Letztern half er ab, gab der Schrift noch mehr Rundung und brachte die schöne „lateinische Schrift“ zustande, die schnell zur allgemeinen Geltung kam und noch in solcher steht und stehen bleiben wird. Jensons Schrift wurde erst die venetianische genannt; in den italienischen Schriftproben heisst sie lettera antiqua tonda. Die Italiener behielten den Namen Antico. Deutschland und das nördliche Europa benannten sie Antiqua, Frankreich und Holland Romain (auch droit) Romeyn, England Roman.

Um dem Geschmack der Zeit Rechnung zu tragen, schnitt Jenson jedoch auch gothische Schriften, die sich ebenfalls durch ihre Schönheit auszeichnen. Auch eine griechische Schrift, jedoch ohne Versalien, rührt von ihm her. Seine Werke sind alle typographische Meisterstücke. Er starb reich und angesehen im Sept. 1481; selbst der Papst ehrte ihn und verlieh ihm den Titel eines Pfalzgrafen.

Erhard Ratdolt.

Unter den deutschen Buchdruckern in Venedig gehört in die erste Reihe Erhard Ratdolt (1476-1486), der bereits oben unter den Augsburger Buchdruckern genannt wurde; sein „Euklid“ (1482) in gothischer Schrift und reich ornamentiert, gilt als ein Meisterwerk ersten Ranges und verschaffte ihm nach vielen Seiten den ehrenvollsten Ruf. Dieses Werk ist das erste mit mathematischen Figuren ausgestattete. In den Prachtexemplaren davon kommt auch zum erstenmale Golddruck vor. Seinen Kunstsinn zeigte Ratdolt besonders durch Anwendung schön verzierter Initialen, die unter dem Namen litteræ florentes bekannt sind, und durch seine sehr fein in Holzschnitt ausgeführten Randverzierungen. Er war zugleich der erste, der Titelblätter in modernem Sinn allgemein aufnahm. Auch musikalische Werke mit beweglichen Typen führte er aus. Im Jahre 1486 folgte er dem Rufe des Bischofs Johann von Werdenberg und kehrte nach Augsburg zurück, wo er nur bis 1516 wirkte, wenigstens finden sich nach dieser Zeit keine Spuren einer geschäftlichen Thätigkeit.

Christoph Val-
darfer.

Noch ist Christoph Valdarfer, der später nach Mailand übersiedelte, zu nennen. In Venedig druckte er noch das Decamerone des Boccaccio, von welchem ein Exemplar im Jahre 1812 nach dem Tode des Herzogs von Roxburgh für 2260 £ Sterl. (über 45000 Mk.) verkauft wurde, die höchste Summe, die je für ein Buch gezahlt wurde.