DIE LITTERARISCHE PRODUKTION[8]. Es ist nicht die Aufgabe eines Handbuches der Geschichte der Buchdruckerkunst, die Werke alle aufzuzählen, welche den Pressen ihr Dasein verdanken, noch weniger eine Kritik zu üben, aber es dürfte doch geboten sein, in aller Kürze zu überblicken, in welcher Weise die Presse und der Buchhandel sich bei der Verbreitung der Erzeugnisse des Geistes in der ersten Zeit — der Periode der Wiegendrucke (Inkunabeln) — beteiligten[9].

Musste auch die Presse in ihren Anfängen vielfach der mystischen Schwärmerei, der pedantischen Scholastik und spitzfindigen Dialektik sowie dem Aberglauben und der Charlatanerie dienen, so dauerte es doch nicht lange, bis ihr segensreicher Einfluss sich auf das ganze wissenschaftliche und Kulturleben geltend machte. In allen Fächern entbrannte ein Wettkampf der Gelehrten und Kunstverständigen, um durch die Presse ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Entdeckungen weiter zu verbreiten, Irrtümer aufzuklären und die Fesseln des Wahnes zu sprengen.

Verbreitung der
heil. Schriften.

Als die segensreichste Wirkung der Erfindung der Buchdruckerkunst ist die rasche Durchführung der Reformation zu bezeichnen. Die Presse bemächtigte sich sofort der heiligen Schriften, und wie schon oben berichtet wurde waren nicht weniger als drei Ausgaben der lateinischen Bibel die Hauptwerke des Erfinders und seiner Geschäfts-Nachfolger. Zu diesen kamen die weiteren Bibel-Ausgaben des Mentelin und des Eggesteyn in Strassburg, des Günther Zainer und des Ant. Sorg in Augsburg, des Bernh. Richel in Basel, des Ulrich Zell und des Nik. Götz in Köln, des Sweynheim und Pannartz in Rom, des Sensenschmid und der Koberger in Nürnberg. In Paris erschien die Bibel 1476, in Venedig 1475, in Neapel 1476; deutsche Bibeln wurden verbreitet in Strassburg 1466, in Augsburg 1469, in Nürnberg 1471; Ausgaben in französischer, italienischer, spanischer und holländischer Sprache gab es in den siebenziger Jahren; plattdeutsche in Köln 1480, in Lübeck 1494; englische, dänische, schwedische und polnische Bibeln folgten zu Anfang des xvi. Jahrhunderts. Wie es die lateinisch gedruckte Bibel war, welche Luther das Licht anzündete, so war es wieder die deutsch gedruckte Bibel in Luthers unübertroffener Übersetzung, die im Verein mit seinen eigenen Schriften und denen Philipp Melanchthons, Ullrich Zwinglis, Joh. Calvins, John Knox' und anderer Reformatoren, unter das Volk ein helles, nicht mehr zu verlöschendes Licht verbreiten.

Die Kirchenväter
und Scholastiker.

Neben der Bibel wurden namentlich die Kirchenväter in korrekten und schönen Ausgaben gedruckt, als: Lactantius, Augustinus, Eusebius, Nemesius, Clemens von Alexandrien u. a. War der Nutzen dieser und ähnlicher Werke für die Wissenschaft auch kein durchweg unzweifelhafter, so wurde durch sie doch manche nützliche Kenntnis verbreitet. Selbst die Häupter der Scholastik Thomas von Aquino, Michael Scotus, Albertus Magnus blieben nicht ohne fruchtbringende Anregungen, nicht zu vergessen Roger Baco.

Die klassische
Litteratur.

Gross waren die Fortschritte auf dem Gebiete der klassischen Litteratur und der Philologie. Italien, dessen Boden am besten vorgeebnet war, ging voran; es folgten in ruhmwürdiger Weise namentlich Frankreich und die Niederlande. Zuerst kamen die römischen Klassiker an die Reihe, dann die griechischen in lateinischer Übersetzung, schliesslich die Ausgaben in der griechischen Ursprache. Die ersten Förderungsmittel der Linguistik waren die Donate, denen dann viele andere Grammatiken folgten.

Die Zahl der Klassiker-Ausgaben und der Kommentare war eine bedeutende. Den Anfang machte Cicero de officiis (1465 bei Fust und Schöffer); bis zum Jahre 1500 erschienen verschiedene Werke Ciceros zusammen in über 100 Ausgaben. Den Vorrang in dem Klassikerdruck behauptete Venedig, dann folgten Rom, Florenz, Mailand, Neapel, Bologna, Paris, Köln, Augsburg, Nürnberg, Ulm. Die römischen Dichter erschienen fast alle in den ersten 25 Jahren der Kunst, die griechischen in den letzten Dezennien des xv. und in den ersten des xvi. Jahrhunderts. Der Lieblingsdichter war Virgil (1469 bei Sweynheim), von welchem im Jahre 1500 schon siebenzig Ausgaben existierten.

Philosophen und
Naturforscher.