Die Engländer haben behauptet, dass die Originale für die Holzschnitte des Totentanzes Gemälde im Schlosse Whitehall, welches 1697 in Flammen aufging, gewesen seien. Die mit der Feder ausgeführten, und durch leichtes Aufsetzen von braunen Tinten gehobenen Originalzeichnungen befinden sich jetzt, nach verschiedenen Schicksalen, in dem kaiserlichen Kabinet in St. Petersburg. Das Werk ist vielfach kopiert, in Holzschnitt hat man 48, in Kupferstich 43 Ausgaben. Die von dem bekannten englischen Kupferstecher Hollar in London 1647 gelieferten Stiche sind nach den, damals in Besitz des Lord Arundel befindlichen Originalen gemacht.

Holbein erzielt in diesem Werke, dessen Gedankentiefe, Kraft und Naivetät man nicht genug bewundern kann, mit den einfachsten Mitteln die grösste Wirkung. Er schafft keine Schwierigkeit für den Holzschneider, die Schatten deutet er nur schwach an.

Icones veteris
testamenti.

Die Icones Veteris Testamenti halten sich in demselben einfachen Stil. Der Ausdruck ist kräftig und naiv; eine Eigentümlichkeit sind die etwas kurzen Figuren. Die erste Ausgabe erschien 1538 bei Trechsel in Lyon. Sie enthält 92 Blätter. Schon 1539 folgte die zweite. Die dritte Ausgabe druckten die Gebr. Frellon, welche überhaupt fünf Ausgaben lieferten, nachdem sie die Druckerei von Trechsel erworben hatten.

Wer die Platten geschnitten hat, ist unbekannt geblieben; dass Hans Lützelburger allein eine so bedeutende Arbeit hätte ausführen können, ist nicht anzunehmen. Angesehene Kenner haben vermutet, dass die Schnitte in Paris besorgt sind.

Im Jahre 1830 haben zwei geschickte englische Holzschneider, John und Mary Blyfield, sowohl diese Zeichnungen, als auch den Totentanz so getreu nachgebildet, dass sie kaum von den Originalen zu unterscheiden sind. In demselben Jahre, wo das Original Holbeins in Lyon erschien, liess Pierre Regnault in Paris eine, jedoch schwache Nachahmung erscheinen.

Höchste Stufe
d. Holzschnittes.

Mit den Arbeiten Holbeins hatte die Holzschneidekunst ihren Höhepunkt erreicht. Trotz aller Fortschritte in der Technik, die heute spielend alle Schwierigkeiten überwindet, giebt es nichts, was den, mit so einfachen Mitteln und bei so kleinen Dimensionen erreichten Effekt dieser Kunstwerke übertrifft. Die Vortrefflichkeit der Ausführung hat Sachkundige veranlasst, in dem Holzschneider den Künstler selbst erkennen zu wollen. Überhaupt ist die Frage öfters aufgeworfen: „Waren in der ersten Periode des Holzschnittes Zeichner und Holzschneider dieselbe Person?“, eine Frage, die unterschiedliche Beantwortung gefunden hat.

Ueber die eigen-
händigen Holz-
schnitte.

Es mag wohl unzweifelhaft sein, dass die Künstler damaliger Zeit, wo Kunst und Gewerbe einander weit näher standen, als heutzutage, die Technik des Holzschnittes innegehabt und öfters selbst die Xylographie geübt, namentlich die Teile eines Bildes geschnitten haben, die besondere Sorgfalt erforderten. Ebenso unzweifelhaft ist es aber wohl auch, dass dies eine Ausnahme war, und dass die Zeichner sich in der Regel des Formenschneiders bedienten, um die langwierige Arbeit des Schnittes auszuführen.