Während im Jahre 1815 die litterarische Produktion nur fünf Millionen Bogen betrug, war sie 1838 auf über 32 Millionen Bogen gestiegen. 1815 war die Zahl der Buchdruckereien in den belgischen Provinzen 20 mit 27 Pressen, 1838 aber 53 mit 429 Pressen oder, wenn man die vorhandenen Schnellpressen der üblichen Leistungsfähigkeit nach auf Handpressen überträgt, 519 Handpressen.

Grosser Umfang des Nachdrucks.

Von der Gesamtproduktion kamen etwa acht Millionen Bogen, hauptsächlich in Duodezformat, welches Quantum 6–700000 der damals üblichen Romanbände gleichkam, auf die französischen Nachdrucke, deren Umsatz sich auf etwa 3½ Millionen Franken belief. Die bedeutendsten Nachdruckerfirmen Wahlen & Co., Louis Haumann & Co., Meline Cans & Co. gingen an Aktien-Gesellschaften über, die mit einem Kapital von insgesamt etwa fünf Millionen Franken arbeiteten. Diese Gesellschaften machten jedoch keine guten Geschäfte, da der kostspielige und komplizierte Administrations-Apparat den Vorteil absorbierte, zudem die kleineren Nachdrucker mit ihrem einfachen Geschäftsbetrieb die Preise ausserordentlich gedrückt hatten.

Von der Bedeutung des Nachdrucks mögen einige Thatsachen sprechen: Bérangers Gedichte wurden in etwa 30000 Exemplaren gedruckt; Thiers' Revolution in 15000; Lamennais' Paroles d'un croyant in 60000 Exemplaren. Die kostbarsten Werke, z. B. die mit grossen Opfern durch Didot ins Leben gerufene neue Bearbeitung des Dictionnaire de l'Académie, fielen den Nachdruckern anheim, ja selbst mit den besten Zeitschriften als der Revue des deux mondes und der Revue britannique war es der Fall. Es kam sogar so weit, dass man eine eigene Zeitschrift Revue des Revues gründete, welche eine Quintessenz der verschiedensten periodischen Schriften von Wert brachte, während die politischen Zeitungen Belgiens den Romanhunger des Publikums mit Nachdrucken französischer Feuilletons stillten. Die Brüsseler Buchhandlungen unterhielten Comptoire in London, Leipzig und anderen Orten; in vielen Grenzorten Frankreichs errichteten sie Depots behufs des Schmuggels, ja selbst in Algier existierte ein solches, um die heimliche Einfuhr nach Frankreich zu betreiben.

Aufhören des Nachdrucks.

Diesem Unfug wurde, zum wahren Vorteil Belgiens, durch den Vertrag mit Frankreich ein Ende gemacht und Belgien war nun genötigt und auch mit Erfolg bemüht, sich auf dem Litteraturmarkt selbständig geltend zu machen. Auch das Druckgewerbe hatte von der Änderung einen Vorteil; denn, waren auch die Nachdrucke meist sauber ausgestattet, so hielten sich doch alle Erscheinungen auf demselben Niveau des einfach mittelguten Werkdrucks und von einem höheren Aufschwung der Kunst war keine Rede[133].

Der Import an Büchern aus Frankreich ist jetzt begreiflicherweise ein bedeutenderer geworden und beträgt etwa drei Millionen Franken an Wert, während der Export nach Frankreich nur etwa eine halbe Million Franken erreicht.

Verschiedene Buchdrucker.

Ein Zweig des Pressgewerbes von grosser Bedeutung ist der Druck liturgischer und überhaupt Andachtsbücher. Selbst die französischen Pressen haben in dieser Richtung schwer mit der belgischen Konkurrenz zu kämpfen. Unter denjenigen Offizinen, die sich in dieser Produktion auszeichnen und eine grosse Ausfuhr nach allen Weltteilen haben, sind M. H. Dessain und Haniq in Mecheln, mit welchen Wesmael-Charlier, Legros in Namur und Greuse in Brüssel, welch letzterer auch die umfangreiche venetianische Ausgabe der Bolandisten fortsetzt, konkurrieren. Hebräische und chaldäische Werke liefern van Linhout und van der Zande in Löwen. J. S. van Dooselaere in Gent[134] ist ein, seinem Fache mit grosser Liebe zugethaner Jünger Gutenbergs. Ein von ihm gedruckter Recueil descriptif des antiquités ist ein typographisches Kunststück, indem der Text die äussere Form E. Vanderhaegen † 1881.der beschriebenen kunstgewerblichen Gegenstände nachbildet. E. Vanderhaegen, ebenfalls in Gent, machte sich durch seine Bibliographie gantoise, 7 Bände, 1858–1869, einen Namen. Henri Castermann & Co. in Tournai vereinigen mit der Buchdruckerei auch die verwandten Geschäftszweige und den Verlagshandel. Allen ihren Arbeiten sind Nettigkeit und Eleganz nachzurühmen.

In Brüssel zeichnet sich Ad. Mertens durch gute Illustrationsdrucke und Luxusarbeiten aus. F. Guyot Frères[135] sind bedeutend im Accidenzfache und liefern viele Wertpapiere und Regierungsarbeiten, in welchen auch F. Hayez Beachtenswertes produziert. Bruylant-Christophe zeigt im Werk- und Buntdruck technische Tüchtigkeit. Adolf Wahlen veranstaltete mit A. Delpierres Leben der Maria von Burgund ein vorzügliches Druckwerk. Ein glücklicher Zufall hatte ein auf das feinste verziertes, nachweislich von der eigenen Hand der kunstsinnigen Prinzessin Marie herrührendes Alphabet Initiale vor dem Untergange bewahrt, welches nun mit grösster Sorgfalt für das erwähnte Werk nachgebildet wurde. Auch auf den Satz verwendete man die grösste Mühe, so dass in dem ganzen Werk kein geteiltes Wort vorkommt, ohne dass deshalb die Regelmässigkeit des Ausschlusses irgendwie gestört wäre.