Noch vor Hänel hatten F. W. Gubitz in Berlin und der Kammergerichtsassessor W. Pfnorr in Darmstadt manche Beiträge im Ornamentfache geliefert, unter welchen die Einfassungen mit Säulen, umwunden von Epheu- und Blumenguirlanden oder mit vollständigen schweren architektonischen Aufbauten einen wichtigen Platz einnehmen. Auch viele Polytypen stammen von Gubitz, der im Jahre 1836 bereits 1668 solcher geschnitten hatte. Nach Hänels Vorangehen trat nun auch ein besserer Geschmack in den Einfassungen und eine grössere Leichtigkeit in der Ausführung ein. Vielen Beifall fanden die sogenannten Kaleidoskop-Einfassungen, aus sehr kleinen systematischen Stückchen bestehend, die sich in die mannigfaltigsten Formen zusammenfügen liessen und congreveartig in verschiedenen Farben gedruckt manchmal eine recht hübsche Wirkung hervorbringen konnten. Auch zu Kapitel-Anfangs- und -Schlussvignetten wurden sie zusammengesetzt, in Gestalt von Schmetterlingen, Vasen, Kronen etc. Man näherte sich jedoch damit den zeitraubenden, wenig wahre Befriedigung erzielenden Arbeiten der Stigmatypie (S. [304]) und sie verschwanden bald von der typographischen Bühne.

Die deutsche Druckschrift.

Die deutsche Druckschrift, die sogenannte Fraktur, nahm um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts eine sehr niedrige Stufe ein. Die männliche Kraft und das Urwüchsige der gothischen Schrift, Eigenschaften, welche die Schwabacher Schrift wenigstens noch teilweise besass, waren ganz verloren gegangen, ohne dass die Fraktur durch Eleganz das ersetzte, was ihr an Kraft gebrach. Nachdem J. G. J. Breitkopf, wie es scheint, lange geschwankt hatte, ob er nicht seine reformatorischen Absichten der Verbesserung der Antiqua zuwenden sollte, folgte er schliesslich doch der Tradition und versuchte der Fraktur eine kunstgerechtere Haltung zu geben (S. [365]). Etwas Mustergültiges vermochte jedoch auch Breitkopf nicht zu schaffen, noch weniger J. F. Unger in Berlin.

Erich Walbaum.
Th. Walbaum † 12. Juli 1830.

Erst Erich Walbaum in Weimar und namentlich seinem Sohne Theodor Walbaum gelang es, eine Frakturschrift herzustellen, die auf längere Zeit und allgemein sich Geltung erwarb. Der Vater war anfänglich Konditor, zeigte jedoch einen solchen Geschmack im Ornamentieren, dass er von Sachverständigen veranlasst wurde, sich der Stempelschneiderei zu widmen. Der Sohn Theodor arbeitete erst als Gewehrgraveur wie der berühmte englische Schriftgiesser Caslon (I, S. 268), wurde jedoch später von seinem Vater als Stempelschneider ausgebildet.

Die Vorzüge der Walbaumschen Frakturschriften liegen namentlich in dem Ebenmass aller Buchstaben durch alle Grade hindurch von dem kleinsten bis zu dem grössten. Form und Zurichtung sind gleich gut; die Stärke ist gerade die rechte; Leserlichkeit geht mit Dauerhaftigkeit Hand in Hand. In der Fraktur nimmt die Walbaumsche Schrift fast die Stelle ein, wie in der Antiqua die Didotsche, und würde noch heute, neu mit den Hülfsmitteln der neuesten Technik zweckmässig durchgeführt, immer eine klassische Fraktur bleiben, wenn wir diese Bezeichnung überhaupt für eine Schrift modernen Ursprungs und, man sage für ihre nationale Berechtigung und ihre Zweckmässigkeit für das Volk was man will, nicht in dem Besitz derjenigen Schönheit, welche wir von dem, was wir klassisch nennen, verlangen, gebrauchen dürften.

Theodor Walbaum starb, als Künstler und Mensch gleich geachtet, in dem Bade Berka bei Weimar und wurde von seinem Vater überlebt. Das Walbaumsche Geschäft erwarb F. A. Brockhaus in Leipzig, welcher es im Jahre 1843 nach dort verlegte.

Die neueren Frakturschriften.

Seit Walbaum hat Deutschland eine grosse Zahl von Frakturschriften aufzuweisen, bald magerere, bald fettere; bald eckigere, bald rundere; vielen derselben ist die Korrektheit nachzurühmen. Oft sind sie sich selbstverständlich so ähnlich, dass nur ein sehr geübtes Auge einen Unterschied bemerkt. Leider haben sehr viele Druckereien die üble Gewohnheit, einzelne Grade aus den Garnituren verschiedener Giessereien untereinander anzuschaffen, indem sie bald den Launen der Besteller nachgeben, bald nur dem eigenen Antrieb folgen, nicht berechnend, dass selbst die weniger schönen Schriften konsequent durch alle Grade durchgeführt ein weit gelungeneres Ganzes hervorbringen, als Schriften sogar des schönsten Schnittes, wenn sie unter einander gemengt sind.

Im Jahre 1838 hatten Deutschland, Österreich und die Schweiz bereits gegen 100 Giessereien, die beständigen Zuwachs erhielten.