Einem so feingebildeten Mann wie Breitkopf konnten die handwerksmässigen Roheiten, die mit der Lossprechung eines Lehrlings verbunden waren (I, 165), selbstverständlich nicht zusagen. Er schaffte deshalb die bei solchen Gelegenheiten üblichen scenischen Aufführungen ab und beschränkte sich darauf, den symbolischen Sinn der Marterwerkzeuge erklären zu lassen und in einer sinnigen Rede den Losgesprochenen über seine Rechte und Pflichten zu belehren. Solche Änderungen und Neuerungen, die auf das Beschränken der Völlerei und des Feierabendmachens abgesehen waren, fanden jedoch begreiflicherweise keine Gnade bei den Gehülfen, und man ging anfänglich so weit, die bei Breitkopf Ausgelernten nicht für voll anerkennen zu wollen, doch bahnten sich Vernunft und Sitte schliesslich ihren Weg.
Schriftstellerische Arbeiten.
Wie viele seiner technischen Pläne und Experimente, so blieben auch manche seiner schriftstellerischen Arbeiten nur Entwürfe. Um seinen Hauptplan, eine grossartig angelegte Geschichte der Buchdruckerei gründlich durchführen zu können, hatte er mit vieler Sorgfalt und mit grossen Kosten eine Bibliothek von Werken über Buchdruckerkunst und Proben von den Leistungen derselben gesammelt. Durch eine Reihe von Jahren legte er Kollektaneen an, hatte auch einige Partien des Werkes ausführlicher ausgearbeitet. 1779 erschien seine Broschüre „Über die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst“, welche den breit angelegten Plan seines Werkes entwickelte. Es folgte dann 1784 einer der durchgearbeiteten Abschnitte: „Versuch über den Ursprung der Spielkarten“. Erster Teil. Der zweite Teil wurde nach Breitkopfs Tode von J. C. F. Roch 1801 herausgegeben, welcher in der Vorrede darüber klagt, dass die hinterlassenen Notizen Breitkopfs nicht derart beschaffen seien, dass eine grössere Ausbeute daraus erwachse. Breitkopfs reger Geist führte ihn während der Arbeit immer weiter; die Noten überwuchern den Text. Er wollte alles, was ihn interessierte, auch ausführlicher bearbeiten, und so haben wir zu bedauern, dass wir nur einige, wenn auch sehr wertvolle Bruchstücke erhielten, statt einer vollständigen, noch heute nicht vorhandenen Geschichte der Buchdruckerkunst, die zu schreiben er, wie kaum ein zweiter, fähig gewesen wäre, wenn er nur die Kunst, sich zu beschränken, besser verstanden hätte.
Breitkopfs Tod.
Breitkopf starb am 28. Jan. 1794 und hinterliess seine Buchdruckerei als eine der am reichsten ausgestatteten wenn nicht gar als die reichste der Welt. Sie besass gegen 400 verschiedene Schriftgattungen, 16 Sorten Noten, einen grossen Vorrat von Vignetten und beschäftigte 120 Arbeiter. Das Geschäft wurde von dem Sohne Christoph Gottlob fortgeführt, der sich im Jahre 1796 mit Gottfried Christoph Härtel assoziierte. Die jetzige Firma Breitkopf & Härtel.Breitkopf & Härtel datiert aus dem Jahre 1798. Härtel war zwar kein gelernter Buchdrucker, stand jedoch dem Geschäft in vortrefflichster Weise vor. Er liess durch Schelter griechische Typen nach R. Härtel
Dr. H. Härtel † 5. Aug. 1875.Bodoni und Antiquaschriften nach Levrault schneiden und gründete auch eine Steindruckerei (1805). Nach dem Tode Härtels (am 25. Juli 1827) trat zuerst der jüngere Sohn Raymund Härtel, später (1835) der ältere Dr. jur. Hermann Härtel in das Geschäft. Sie brachten dasselbe, das während ihrer Minderjährigkeit etwas zurückgegangen war, bald wieder zur alten Blüte.
Der etwas altersgrau gewordene „goldene Bär“ wurde 1867 verlassen und ein neues immenses Geschäftshaus bezogen, wo es jedoch auch bald zu eng geworden wäre, hätte die Firma nicht ihre Pianofortefabrikation aufgegeben. Am 27. Januar 1869 beging das verjüngte Geschäft die Feier seines 150jährigen ruhmvollen Bestehens. Es arbeitet mit 30 typographischen und lithographischen Schnellpressen, 18 Handpressen und gegen 400 Arbeitern.
Als Musikverleger hält das Haus den alten Ruhm aufrecht. Das bis Ende 1878 ergänzte Musikverzeichnis umfasst in mehr als 15000 Werken das gesamte Gebiet der Musik, wie auch deren Litteratur und Pädagogik nach allen Seiten hin vertreten ist. Nach dem Ausscheiden Raymund Härtels im Jahre 1879 sind seine Neffen W. Volkmann und Dr. O. Hase die Chefs des Hauses.
G. J. Göschen * 1752.
Auf der Grenze des XVIII. und XIX. Jahrhunderts wirkte Georg Joachim Göschen[208], aus Bremen gebürtig. Seine Jugend verbrachte er in ärmlichen Verhältnissen. Drei Jahre lebte er in einer Pension bei einem Schullehrer in Arbergen, einem Dorfe bei Bremen, wo der Vater des bekannten Gelehrten Heinr. Ludw. Heeren Pastor war und Göschen zugleich mit seinem eigenen Sohne Unterricht erteilte. Nach überstandener Lehre erhielt er eine Stelle in Leipzig in der Crusiusschen Buchhandlung, die er 13 Jahre mit Erfolg bekleidete. Dann ging er nach Dessau, wo in ihm der Entschluss reifte, sich in Leipzig zu etablieren. Das Glück war dem strebsamen Manne hold, er trat nach und nach in Verbindung mit den besten Autoren und verschaffte sich rasch einen angesehenen Namen.
Um eine Prachtausgabe von Wielands Werken mit lateinischen Lettern zu drucken, fasste Göschen den Plan, selbst eine Buchdruckerei zu errichten, da die vorhandenen Druckereien seine Forderungen nicht erfüllen konnten. Das war aber in der damaligen Blüte des Innungswesens keine leichte Sache, da Göschen nicht gelernter Buchdrucker war. Er musste in seinem Konzessionsgesuche, welches am 4. Mai 1793 bewilligt wurde, geltend machen, dass er nur „mit lateinischen Lettern nach Didot“ drucken wolle, dass jedoch diese in Leipzig nicht vorhanden wären, und dass seine Typen noch schöner seien als die von Unger in Berlin, wodurch Leipzigs Buchdruckerruhm steigen würde; ausserdem wolle er nur für sich drucken und sogar nur solche Artikel seines Verlages, die Andere nicht ausführen könnten. Nichtsdestoweniger wurde von seiten der Innung mit allen Kräften gegen ihn gearbeitet; man hatte wohl das Gefühl, dass ein Mann von Göschens Geist, wenn er einmal sich der Typographie gewidmet hatte, nicht bei den „lateinischen Typen nach Didot“ stehen bleiben würde.