Fr. Nies * 6. Aug. 1804, † 16. Juni 1870.
In dem Streben für die Herstellung orientalischer Werke war Fr. Nies aus Offenbach mit Karl Tauchnitz verwandt, wenn auch der letztere von wissenschaftlichem sowohl als typographischem Standpunkte aus Idealeres anstrebte. Angeregt namentlich durch den genialen Verleger W. A. Barth, den Professor M. G. Schwartze und den Paläographen E. F. F. Beer, später auch durch Professor Seyfarth unterstützt, unternahm Nies das Wagnis, hieroglyphische Typen in seiner, 1831 angelegten Schriftgiesserei herzustellen. Die hieroglyphische Schrift bestand aus etwa 1500 Stücken. Diese in verschiedenen Grössenabstufungen sowohl nach links als nach rechts gewendet ausgeführten, oft einander sehr ähnlichen Figuren in ein richtiges Typensystem zu bringen war für damals wirklich eine That; sie gelang und viele Werke, darunter das Riesenwerk des Dr. M. G. Schwartze „Das alte Ägypten“[213], zeigen, dass die Offizin nach damaligen Verhältnissen Bedeutendes leistete. Nies konnte mit seinen selbstgegossenen Schriften in gegen 300 Sprachen drucken, vermochte jedoch nicht, sich mit dem Gedanken zu befreunden, heute das rückhaltlos zu verwerfen, was gestern gut gewesen war, und ermüdete deshalb unter den erhöhten Ansprüchen der fortschreitenden Wissenschaft und Technik in seinen Anstrengungen. Das sonst so blühende Geschäft verödete nach und nach. Im Jahre 1856 übernahm es Carl B. Lorck, der erst sich mit J. J. Weber zur Ausführung der unter dieser Firma in den Jahren 1837–1845 erschienenen grösstenteils illustrierten Werke und Zeitschriften vereinigt hatte. Die Druckerei und Schriftgiesserei wurde zeitgemäss reorganisiert und vervollständigt. Eine bedeutende Zahl von orientalischen Werken, besonders für das Ausland gedruckt, verliess in den Jahren 1856 bis 1868 die Pressen der Offizin. In letzterem Jahre übernahm sie W. Drugulin * 20. Aug. 1821, † 20. April 1879.W. Drugulin, welcher die bis dahin fortgeführte Firma Fr. Niessche Buchdruckerei in W. Drugulin änderte. Lorck gab die „Annalen der Typographie“ (1869–1877) und mehrere Fachschriften heraus[214]. Drugulin setzte das begonnene Werk im bisherigen Sinne fort. Hatte die Jury der Pariser Weltausstellung von 1867 bereits erklärt, dass in Frankreich nur die kaiserliche Druckerei ähnliches prästieren könne, wie diese Privatoffizin in Leipzig, so wurde nun in der That durch Drugulins Erwerbungen, unter welchen sämtliche Stempel und Matern der früheren Karl Tauchnitzschen orientalischen, älteren Renaissance- und holländisch gothischen Schriften sich befanden, ein Komplex geschaffen, wie er ausser in den Staatsanstalten zu Wien und Paris sich nicht wieder vorfindet. Drugulins aussergewöhnlichen Kunst- und antiquarischen Kenntnisse kamen ihm bei seinen vielen Reproduktionen und Imitationen von Drucken älteren Stils vortrefflich zu statten. Namentlich ist das grossartige Werk: „Die Chronik des Sächsischen Königshauses und seiner Residenzstadt“, ein Geschenk der Stadt Dresden zur Feier der silbernen Hochzeit des Königs Albert und der Königin Carola, ein Meisterstück dieser Gattung. Es war jedoch Drugulin nicht beschieden, den Schluss des Werkes zu erleben.
Hieroglyphendruck.
Die von Nies eingeführten hieroglyphischen Typen wurden zumteil durch die früher erwähnten eleganteren und kleineren Typen in Umrissen verdrängt (S. [285]), teils hat es in jüngster Zeit den Anschein, als wollte die Lithographie und speziell die Autographie der Typographie das Terrain der Ägyptologie streitig machen. Der bedeutende Verlag der J. C. Hinrichsschen Buchhandlung in Leipzig auf diesem Felde ist fast durchweg in Autographie hergestellt, z. B. das hieroglyphisch-demotische Wörterbuch von H. Brugsch-Bey, das 1728 Seiten in kl. Folio umfasst. Vorausgesetzt, dass der Verfasser es versteht, hieroglyphische Umrisse korrekt wiederzugeben und sonst leicht leserlich schreibt, ist die autographische Wiedergabe eine ganz zweckmässige. Wenn mit Typen gesetzt, würden die Kosten für ein Werk wie das genannte, dessen Absatz begreiflicherweise nur ein beschränkter sein kann, allerdings kaum erschwinglich sein; im Interesse der Wissenschaft muss man deshalb die Besiegung der Typographie durch die Lithographie auf diesem Gebiete mit Ruhe hinnehmen.
B. Tauchnitz.
Die Offizin des Neffen des K. Tauchnitz, Bernhard Tauchnitz, erneute den Weltruf des Namens ebenfalls hauptsächlich durch die konsequente und grossartige Durchführung eines einzigen Unternehmens, bei welchem jedoch weniger die typographische als die bibliopolische Bedeutung hervortritt. Wer kennt nicht die Tauchnitz Collection, die Sammlung von Werken englischer und amerikanischer Autoren, deren Bändezahl jetzt 2000 übersteigt, die in über 600000 Stereotypplatten vorhanden sind? Wie die Karl Tauchnitzsche Kollektion auf die altklassische Bildung, so hat das B. Tauchnitzsche Unternehmen ganz ausserordentlich zur Verbreitung der englischen Litteratur und Sprache auf dem Kontinent, daneben auch zur Mehrung des Ansehens des deutschen Buchhandels in England beigetragen. Der Umstand, dass der Unternehmer den Autoren resp. den Verlegern zu einer Zeit Honorar zahlte, wo dies noch nicht durch gesetzliche Bestimmungen geboten war, erwarb ihm sofort die Gunst der genannten, die er sich zu erhalten verstanden hat.
Ausser der Sammlung lieferte die Offizin für den Verlag des Besitzers — für Andere arbeitet sie nicht — eine Reihe von ebenso gut ausgestatteten wie durch ihre Korrektheit bekannten bedeutenden Werke, besonders in juristischer und linguistischer Richtung, unter welchen beispielsweise die fehlerfreien Logarithmen von Köhler genannt sein mögen.
Andere Firmen.
Ausser B. G. Teubner hatten bereits G. H. Maret, Wilh. Haack und namentlich C. L. Hirschfeld in allen Accidenzarbeiten einen sehr guten Geschmack gezeigt. Letzterer, durch einen längeren Aufenthalt in Paris tüchtig ausgebildet, verband Stereotypie und Gravieranstalt mit seiner Buchdruckerei. Im Bunt- und Golddruck leistete er Bedeutendes und das von ihm 1840 herausgegebene Tableau in etwa zwanzig Farbenplatten, Typographia jubilans, ist eins der bedeutendsten Erzeugnisse der Jubelpresse.
Das Jubelfest 1840.