Es dürfte hier, ehe wir zur jüngsten Gestaltung des graphischen Geschäfts in Leipzig übergehen, der Ort sein, mit einigen Worten des Jubelfestes 1840 zu gedenken, das sich nicht zu einer Lokalfeier, sondern zu einem grossen nationalen Feste gestaltete, welches in der Geschichte der Buchdruckerkunst einen Platz verdient.

Während im Jahre 1640 fünf Buchdruckereibesitzer mit 14 Gehülfen, im Jahre 1740 achtzehn Offizinen mit 138 Gehülfen dem Feste beiwohnten, zeigt die Liste der Beteiligten im Jahre 1840 24 Buchdruckereien mit 232 Handpressen, 11 Schnellpressen und 672 Gehülfen, dazu noch 7 Schriftgiessereien mit 62 Gehülfen, schliesslich 108 Buchhandlungen mit 121 Gehülfen. Das Kontingent, welches allein das Brockhaussche Geschäft stellte, betrug mehr als die Gesamtzahl der das Fest von 1740 Feiernden.

Die Sammlungen der Buchdrucker zu einem Festfond begannen bereits 1837. Die Buchhändler traten 1839 hinzu und die Stadt bewilligte 3000 Thaler. Das unter den günstigsten Auspizien vorbereitete Fest nahm den würdigsten Verlauf.

Bereits am Nachmittag des 23. Juni hatte die ganze Stadt sich festlich geschmückt. Die Häuser waren mit Guirlanden und Kränzen behängt, Fahnen wehten und Triumphbogen waren errichtet.

Früh am 24. durchzog eine grosse Reveille die Stadt. Um 8 Uhr versammelten sich die anwesenden Kammermitglieder, die königlichen und städtischen Behörden, die Konsuln, das Offiziercorps, die Geistlichkeit, die Schulrektoren, die Spitzen der Universität und die Professoren, die Handlungsabgeordneten, die Obermeister und Beisitzer der Innungen, schliesslich die Festgeber: Buchdrucker, Schriftgiesser und Buchhändler, an verschiedenen Orten. Von Deputierten des Festcomités geleitet begaben sich die einzelnen Züge nach der Thomaskirche zu dem, vom Superintendenten Dr. Grossmann abgehaltenen Festgottesdienste. Als Text war gewählt: „Es ward ein Mann von Gott gesandt, der hiess Johannes; derselbe kam und zeugte von dem Licht“.

Um 10 Uhr begann der grosse Festzug von dem Gewandhause aus nach der Buchhändlerbörse, wo die von den Frauen gestiftete Fahne den Buchdruckern übergeben wurde. Von da ab ging der Zug nach dem Marktplatze, dessen dritten Teil die amphitheatralische Zuschauer- und Musiker-Tribüne einnahm. Nach Absingung der von Felix Mendelssohn-Bartholdy komponierten Festkantate hielt Raymund Härtel eine begeisterte und zündende Festrede, die mit den Worten schloss:

„Du Allmächtiger, der du jedem Volke seine Bestimmung zugeteilt hast, lass unser Jubelfest der Buchdruckerkunst dir ein Dankfest sein für die hohe Gabe und hilf du selber, dass sie forthin durch menschliche Willkür weder gemissbraucht, noch verkümmert werde. Ein Jubelfest ist auch ein Ausruhen von hundertjähriger Arbeit, und das ernste Geschäft des Lebens verklärt sich zum heiteren Festspiele: Darum öffne sich die Werkstatt und der alte Meister erscheine mitten unter seinem Feste!“ Als dann die Hülle sank, welche bis jetzt die im Mittelpunkte des Marktes befindliche Festoffizin mit den arbeitenden Giessern, Setzern und Druckern, weit überragt von dem kolossalen Gipsabguss der Mainzer Gutenberg-Statue Thorwaldsens, den Blicken der Menge entzogen hatte, entstand ein unbeschreiblicher Jubel. Es war ein unvergesslicher Augenblick, der, im jugendlichen Alter erlebt; noch dem Greise in späten Jahren so lebhaft in der Erinnerung vorschwebt, als handle es sich um ein Ereignis von gestern, und den miterlebt zu haben als eine Gunst des Schicksals betrachtet werden muss.

Um 3 Uhr fand in der Halle am Augustusplatze ein Festessen statt, an welchem etwa 3000 Personen teilnahmen. Bei Eintritt der Dunkelheit bekundete eine glänzende Erleuchtung der Stadt die allgemeine Teilnahme aller Behörden und Bürger an dem Feste.