Am 25. vormittags fand eine Versammlung fremder und einheimischer Gelehrter, Künstler und Buchhändler in der Festhalle statt. Gleichzeitig wurde in der Buchhändlerbörse eine interessante Ausstellung älterer und neuerer Druckwerke, Xylographien u. a. eröffnet. Um 3 Uhr füllte die Aufführung des von Mendelssohn für das Fest komponierten Lobgesanges, die unter Leitung des Komponisten und unter Beihülfe von über 500 Sängern und Musikern stattfand, die Thomaskirche. Abends war grosser Ball von über 4000 Personen in der Festhalle. Die Familien der Beamten, Professoren, Prinzipale und Gehülfen verkehrten im fröhlichsten Durcheinander und selbst der eindringende Gewitterregen musste dazu beitragen, die Heiterkeit zu erhöhen.
Am 26. vormittags war eine interessante Festvorstellung im Schauspielhause veranstaltet: Theaterschau von der Erfindung der Buchdruckerkunst bis auf die neueste Zeit. Um 1 Uhr begannen die Festzüge der Innungen, sich nach dem Exerzierplatz am Rosenthal, wo ein echtes Volksfest abgehalten werden sollte, in Bewegung zu setzen. Der mit Zelten in grosser Zahl, Fahnen, Buden, Caroussels, Tribünen etc. geschmückte, dicht an den Wald sich lehnende Platz bot mit den etwa 60000 Anwesenden ein höchst belebtes und anmutiges Bild. Am Abend ward noch ein glänzendes Feuerwerk abgebrannt. Dann zogen die Innungen nach und nach wieder mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen nach der Stadt. Den Beschluss machte der grosse Zug der Festgeber mit 1000 Fackeln, die unter Gesang und Jubel auf dem Marktplatze zusammengeworfen wurden.
Nicht ein Misston hatte das herrliche Fest gestört, welches Leipzig mit dankbaren und stolzen Gefühlen hatte begehen können, denn es war zugleich ein Huldigungsfest Leipzigs als Führerin auf dem Gebiete der Buchdruckerei und des Buchhandels im Vaterlande Gutenbergs geworden. Dass Leipzig willens ist, seine ehrenvolle Stellung zu behaupten, wird ein Blick auf die jüngste Vergangenheit und auf den Augenblick zeigen.
Giesecke & Devrient.
Eine eigentliche Umgestaltung des Geschmacks für das Accidenzfach, das heutzutage einen so wichtigen Platz einnimmt, ging erst von der Firma Giesecke & Devrient aus. Diese, jung an Jahren, reich an Ehren, zeigte, dass eine Staatsdruckerei nicht notwendig ist, um das zu leisten, was man von Staatsanstalten verlangt und mit Recht verlangen kann, weil diese in erster Reihe zu Ehren der Kunst und nicht um eine Existenz zu begründen arbeiten.
Die Firma wurde von Hermann Giesecke und Alphonse Devrient am 1. Juni 1852 begründet, zu einer Zeit, wo der typographische Geschmack und der Sinn für schöne Accidenzarbeiten namentlich durch Hänel einen wesentlichen Aufschwung genommen hatte (S. [281]). Die genannten waren Männer, wie sie die Zeit eben verlangte, um dem Geschmack eine bestimmte Richtung zu geben. Sie haben hierin bedeutende Verdienste und waren stets redlich bemüht, das Halbgute durch das wirklich Gute zu ersetzen.
Nach und nach entstand in ihrem Hause eine Reihe von graphischen Spezialanstalten, die namentlich zur Herstellung der unendlich vielen Wertzeichen nötig waren, mit deren Anfertigung die Firma nicht nur von den verschiedenen Regierungen und Geldinstituten Deutschlands betraut wurde, sondern die ihnen auch aus der Schweiz, Italien, Holland, Schweden, Finnland, Rumänien und Amerika zuflossen. Es war die glänzendste Zeit der Gründungen, des Aktien- und Papiergelddruckes, welcher erst der Krach, dann die Gründung der Reichsbank eine Grenze setzte.
Aber der Ruhm der Firma war nicht allein von diesem höheren Accidenzdruck abhängig, sondern wurde noch durch hervorragende Werkdrucke gesteigert. Unter diesen muss einer erwähnt werden, welcher, wenn auch von kaiserlicher Munifizenz getragen, als eine der hervorragendsten Leistungen intelligenter Typographen dasteht: die Reproduktion des von Const. Tischendorf entdeckten Codex Sinaiticus.Codex Bibliorum Sinaiticus, welche für Rechnung der Besitzerin dieses Schatzes, der russischen Regierung, ausgeführt wurde. Zuerst wurden photographische Facsimiles derjenigen unter den einzelnen Buchstaben, welche dem Herausgeber den Charakter der Handschrift am besten auszudrücken schienen, veranstaltet, und hiervon zwei Gattungen, eine grössere für den Text und eine für die Noten, dazu später noch eine dritte geschnitten. Als es sich jedoch ergab, dass die Abstände zwischen den einzelnen Buchstaben in dem Original manchmal in einem anderen Verhältnis zu einander standen als in dem Satz, mussten verschiedenartige Güsse gemacht oder durch Unterschneiden der einzelnen Buchstaben nachgeholfen werden. Der Raum der einzelnen Buchstaben wurde durch Tischendorf nach Millimetern ausgerechnet und die Zahl solcher an jeder einzelnen Stelle im Manuskript verzeichnet. Nachdem Tischendorf ferner entdeckt hatte, dass vier verschiedene Kalligraphen bei dem Codex thätig gewesen waren, mussten eine Menge Ergänzungstypen geschaffen werden, um die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Schreiber wiederzugeben. So hatte z. B. das Omega sieben Varianten. Auch die getreue Wiedergabe der Zusätze zwischen den Zeilen des Manuskripts musste statthaben, ja selbst die Abweichungen der alten Kalligraphen von der üblichen Regel waren getreulich nachzuahmen. So entstand ein Werk ohne Rivalen.
Papyros Ebers.