In der Fabrikstadt Chemnitz beschäftigen sich die Buchdruckereien wesentlich nur mit Zeitungs- und Accidenzdruck. Einen ungewöhnlichen Umfang erreichte das Geschäft von Pickenhahn & Sohn (1 Rotm., 20 Schp. und 150 Arb.). Unter den lithographischen Anstalten ist R. Oschatz (8 Schp., 16 Hdp.) die grösste. Bautzen hat eine sehr leistungsfähige Steindruckerei und Luxuspapierfabrik, Gebr. Weigang (23 Schp., 12 Hdp.); in dem Fabrikort Buchholz liefert G. Adler tüchtige Accidenzarbeiten für seine eigene bedeutende Cartonnagenfabrik. In Plauen wirkt ebenfalls für den Bedarf der Fabriken Mor. Wieprecht (6 Schp.), in Meissen C. E. Klinkicht & Sohn (4 Schp.).
Durch die Eisenbahnverbindung kann Altenburg fast als eine Vorstadt des typographischen Leipzig betrachtet werden. Wohlfeilere Lebensverhältnisse setzten in der tariflosen Zeit die dortigen Buchdrucker in den Stand, vorteilhaft mit den Leipzigern konkurrieren zu können. Diese Verhältnisse verstanden erst H. A. Pierer, welcher 1832 das von dem Vater Joh. Pierer erworbene Druckgeschäft übernommen hatte, und dann dessen Söhne Eugen und Alfred mit Geschick zu benutzen, so dass das gut und mit genügenden Mitteln geleitete Geschäft den Leipziger Druckereien öfters eine schwer zu bestehende Konkurrenz bereitete. Das in Pierers Verlag erschienene „Universal-Lexikon“ besass neben dem Brockhausschen Konversations-Lexikon ein grosses Ansehen, wenn auch die Verbreitung sich innerhalb mässiger Grenzen hielt[218].
Am 1. Januar 1872 ging die Druckerei in die Hände eines Leipziger Konsortiums über, unter Leitung des Mitbesitzers Steph. Geibel. Die Offizin wuchs rasch (19 Schp.) und hat sich namentlich einen Ruf durch ihre Accidenzarbeiten erworben (S. [292]).
Thüringen hat viele gut eingerichtete aber keine besonders hervorragenden Druckanstalten aufzuweisen. In Gera lieferte Issleib & Rietschels Hofbuchdruckerei (6 Schp.) Beachtenswertes, namentlich im chemigraphischen Landkartendruck. Hildburghausen hatte früher durch das Bibliographische Institut (S. [346]) Bedeutung; eine tüchtige Druckanstalt daselbst ist noch die von Gadow & Sohn (5 Schp.). Die Hofbuchdruckerei in Weimar datiert aus dem Jahre 1624, als der an allen Kulturbestrebungen regen Anteil nehmende Herzog Friedrich Wilhelm von Sachsen in seinem Schloss eine Offizin errichten liess, in welcher er selbst und seine Gemahlin an dem Satz Lutherscher Werke arbeiteten. Die Hauptstücke der christlichen Lehre fasste er als Enchiridion für den Unterricht seiner beiden Töchter zusammen.
Nach manchen Wandlungen durch zwei Jahrhunderte kam die Offizin in den Besitz Hermann Böhlhaus[219], in welchem sie sowohl durch Arbeiten für den eigenen Verlag, wie für fremde Rechnung einen raschen Aufschwung genommen hat.
Eine rastlose Thätigkeit entwickelte die Weimarer Druck- und Verlagsfirma B. F. Voigt. Verfolgt sie auch keine idealen Zwecke, so hat sie doch durch ihren grossen technischen Verlag (gegen 1500 Artikel und 20 Zeitschriften), namentlich durch ihren „Schauplatz der Künste und Handwerke“ in etwa 300 Werken, von welchen mehr als die Hälfte neue Auflagen (öfters sechs bis acht) erlebten, vieles zur Verallgemeinerung technischer Kenntnisse beigetragen. Die Natur des Verlages lässt keine Prachtwerke zu, doch sorgt die Firma für gute Ausführung der Werke sowohl als der vielen lithographischen Beilagen.
Justus Perthes * Septbr. 1785. † 1. Mai 1816.
In Gotha gehört die Engelhard-Rheyersche Hofbuchdruckerei zu den besten Anstalten Deutschlands. Der Besitzer Fr. Engelhard hat sich ausserdem um die Organisation der Krankenkassen der Gehülfen sehr verdient gemacht. Einen Weltruf hat das geographische Institut von Justus Perthes erlangt. Der Gründer war Joh. Georg Justus Perthes aus Rudolstadt; die ausschliesslich geographische Richtung erhielt das Geschäft erst durch den Sohn Wilh. Perthes, der auch den Gothaischen Hofkalender und den Almanach de Gotha erwarb. Stielers Handatlas eröffnete die Reihe des bedeutenden kartographischen Verlags, bei welchem H. Berghaus, Bernh. Perthes * 27. Okt. 1857.v. Stülpnagel, v. Spruner u. a. mitwirkten. Die grösste Blüte erlangte die Anstalt unter der Direktion des Bernhard Perthes, die noch während der Lebenszeit des Vaters begann, leider aber bereits vier Jahre nach des letzteren Tod ihre Endschaft erreichte.
Aug. Petermann „Mitteilungen“.