J. D. Schöpflin * 8. Sept. 1694, † 6. Aug. 1771.
Einen gewichtigen Namen in der Geschichte der typographischen und geistigen Interessen Strassburgs hat der gelehrte Joh. Dan. Schöpflin. Er schrieb die bekannten Vindiciae typographicae (1760) und überliess 1765 der Stadt gegen eine mässige Leibrente seine historischen Sammlungen und seine bedeutende Bibliothek, fuhr jedoch fort, diese auch nach der Abtretung zu vermehren. Die Bibliothek.Durch die Einziehung der Klöster und durch jährliche Erwerbungen war die Sammlung auf gegen 12000 Handschriften und gegen 180000 gedruckte Bücher angewachsen, darunter gegen 2000 Inkunabeln zumteil der seltensten Art. Als ein Kleinod der Sammlung galt das Manuskript der Äbtissin Herrade von Landsberg, Hortus deliciarum, aus dem XII. Jahrhundert, in Gross-Folio, mit den kostbarsten Miniaturen fast auf jedem Blatt. Auch eines der wichtigsten Dokumente aus der Erfindungsgeschichte der Buchdruckerei, die Zeugenaussage in dem Prozess zwischen Gutenberg und den Brüdern des Andr. Dritzehn aus dem Jahre 1439 (I, S. 25), befand sich unter den Schätzen, welche seit dem Jahre 1805 in die neue evangelische Kirche verlegt wurden, wo bereits eine andere wichtige Sammlung, die Universitätsbibliothek, untergebracht war.
Einige leider zu gut gezielte Bomben haben das alles vernichtet und die Opferfreudigkeit, mit welcher die Strassburger Bibliothek neu und grossartig errichtet wurde, konnte den unersetzlichen Teil nicht wiederschaffen[241].
Hoffen wir, dass materielle und nationale Wunden mit der Zeit vernarben, dass das alte Strassburg wieder als eine der hauptsächlichsten deutschen Kulturstätten erstehe und neuen typographischen Ruhm erwerbe, dass zum nächsten Jubelfeste die Angehörigen der verschiedenen Nationalitäten sich um das Abbild des Meisters brüderlich die Hand reichen. Gutenbergs Kunst kann zwar schwere Wunden schlagen, aber sie heilt auch solche!
DIE SCHWEIZ.
Örtliche Schwierigkeiten.
Als einige Geistliche in Cellarina im Ober-Engadin den Gedanken gefasst hatten, eine Druckerei anzulegen, liessen sie einen Setzer und einen Drucker aus Bergamo kommen, welche die kleine Letternanschaffung in ihrem Ranzen auf dem Rücken trugen. Eine abgenutzte Holzpresse wurde auf einen Esel gepackt, weil noch kein Fahrweg vorhanden war. Ein Zimmermann schlug auf dem Boden eines Heustalles Regale auf und zimmerte Setzkasten. Als Gespan des Druckers fungierte ein Bauernbursche, welcher auch die Abwartung des im unteren Stock einlogierten Esels zu besorgen hatte. Wenn der Winter herannahte, ging das Personal nach Bergamo heim und kam mit dem Frühjahr wieder zurück. Durch dessen Arbeit entstand eine Sammlung geistlicher Lieder, welche noch nach dem Jahre 1840 das allgemeine Kirchengesangbuch des Engadin bildete.
Wenn nun auch dieses kleine typographische Genrebild, selbst in der Schweiz, wohl nicht viele Pendants hat, so kann es doch als eine hübsche wennauch drastische Illustration der Schwierigkeiten dienen, welche der raschen Verbreitung der Typographie in einem Berglande mit zerstreuter Bevölkerung, kleinen Städten und einem Erfreuliches Emporblühen.schwierigen Verkehr entgegenstanden. Diese Verhältnisse müssen die Achtung für die Schweizer Typographen steigern, die, obwohl die Litteraturen des mehrsprachigen Landes sich denen der grossen Nachbarvölker anschliessen müssen, gewusst haben, ihre gewerbliche Selbständigkeit zu wahren und, allerdings kräftigst durch eine wennauch kleine so doch hochgebildete und hochpatriotische Bevölkerung unterstützt, eine bedeutende Produktion zu erzielen.
So bildet die schweizerische Typographie das Bild einer allmählichen, ruhigen, den Verhältnissen angemessenen Fortentwickelung. Man ist eifrig bemüht gewesen, nicht zurückzubleiben, strebt aber andererseits nicht danach, eine der Sachlage nicht angemessene blendende Stellung einzunehmen.