Seit Auers Tod steht die Staatsdruckerei unter der Direktion eines nicht fachmännischen Staatsbeamten, Hofrat Dr. Beck, der sie in angemessenster Weise auf einer achtunggebietenden Stufe erhält, während nicht prätendiert wird, die Führung der jetzt mündig gewordenen österreichischen Typographie fortzusetzen. Ein Hindernis für die rechte Entfaltung der Anstalt ist die vollständig ungenügende Räumlichkeit.

Blindendruck.

Neben dem Geld- und Wertpapierendruck wird unter Mitwirkung des Direktors der Blindenanstalt in Ober-Döbling, Fr. Entlicher, in anerkennenswerter Weise besonderes Gewicht auf den Druck für Blinde gelegt. Bei diesem Druck wird der Pressendeckel mit einem Überzug von Gutta-Percha versehen und darin ein scharfer Abzug von den Typen gemacht. Ist der Gutta-Percha-Überzug vollständig erhärtet, in welchem Zustand er 2–3000 Abzüge aushält, so wird die Schrift mit dem Papierbogen bedeckt, welcher, um eine grössere Zähigkeit zu erzielen, in einem mit Glycerin und Alaun versetzten Wasserbade gefeuchtet ist, in die vertiefte Gutta-Percha-Masse geprägt. Unter den verschiedenen Leistungen im Blindendruck befinden sich auch hebräische Lesebücher und durch erhabene Figuren illustrierte naturgeschichtliche Lehrbücher[253].

Auch die Chromolithographie wird mit Glück von der Staatsdruckerei geübt. Eine ausgezeichnete Leistung ist z. B. das Prachtwerk über die Votivkirche in Wien 1879. Die Reproduktion des Marienfensters (S. [303]) übertrifft bei weitem ähnliche Arbeiten Silbermanns.

Budget.

Das Budget der Staatsdruckerei zeigt bei einer Einnahme von etwa zwei Millionen Mark einen Überschuss von etwa 200000 Mark, bei Staatsanstalten ohne Konkurrenz Ziffern ohne grosse Bedeutung. Die Schriftenmasse beträgt 500000 Kilo in etwa 1500 verschiedenen Arten von Typen, darunter gegen 350 fremdländische[254]. Die Zahl der Schnellpressen beträgt 57, der Handpressen 54, ausserdem sind etwa 80 Hülfsmaschinen vorhanden. Die Schriftgiesserei arbeitet mit 14 Giessmaschinen und besitzt etwa 30000 Stempel und 200000 Matern. Die Gesamtzahl der Arbeiter ist gegen 900.

W. v. Braumüller.

Haben wir die Verdienste Auers und der Staatsdruckerei gebührend anerkannt, so ist es Pflicht, einen Mann zu erwähnen, der, obwohl nicht Buchdrucker, einen ganz eminenten Einfluss auf die Buchdruckerkunst in Österreich gehabt hat; es ist der Buchhändler Wilhelm Ritter von Braumüller. Früher bekannt als einer der bedeutendsten Sortimenter Wiens, die mit ihren vollen Börsen oder Portefeuilles und ihrem jovialen Wesen vorzugsweise gern gesehene Gäste zur Leipziger Messe waren, widmete sich Braumüller erst seit dem Jahre 1840 dem Verlag und zwar mit ebenso grossem Geschick und Energie als Glück.

„Von dem Streben geleitet, die wissenschaftliche Litteratur Österreichs dem Auslande gegenüber zur vollen Geltung und Anerkennung zu bringen, hat meine Handlung einen Verlag geschaffen, welcher sowohl nach seinem Werte als der Ausdehnung und Ausstattung nach den ersten Rang einnimmt, und welcher dadurch noch eine ganz besondere Bedeutung gewinnt, dass, hauptsächlich durch die geschmackvolle typographische Ausstattung angezogen, eine grosse Zahl litterarischer Notabilitäten fremder Universitäten durch gediegene Werke dabei vertreten ist. Vor allen ragt quantitativ und qualitativ die Medizin hervor, und die dominierende Stellung, welche Österreich durch seine medizinischen Celebritäten in der wissenschaftlichen Welt Deutschlands einnimmt, spiegelt sich auch in diesem Verlagszweige wieder. Eine Reihe veterinärwissenschaftlicher Werke, durch die Professoren des K. K. Tierarznei-Institutes würdig repräsentiert, schliesst sich demselben an. Die land- und forstwirtschaftliche Litteratur, bis dahin in Österreich gar nicht gepflegt, ist jetzt ausschliesslich in meinem Verlage vereinigt, und durch die Werke der Professoren an den berühmten Fachschulen in Mariabrunn, Ung.-Altenburg, Eulenberg, Hohenheim, Eisenach etc. würdig repräsentiert. Die vortreffliche Ausstattung, welche ich allen Werken mit der grössten Sorgfalt gewidmet, hat ohne Zweifel wesentlich zu einer allgemeinen besseren und würdigeren Ausstattung der litterarischen Erzeugnisse in Österreich beigetragen und auf die Entwickelung anderer Industriezweige, die Papier-Fabrikation, Buchdruckerei, Holzschneidekunst, welchen die obenangeführten Summen zugeflossen, einen nicht zu unterschätzenden Einfluss geübt[255].“

Äusserte sich der Einfluss von Braumüller zunächst auf den Werkdruck zu wissenschaftlichen Zwecken, so hat Wien das Glück, zwei ebenso bedeutende Förderer der Verbindung der graphischen Museum für Kunst.
Gesellschaft für vervielf. Kunst.illustrierenden Künste mit der Typographie zu besitzen: das Museum für Kunst und Industrie und die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. Wenn es in Wien möglich geworden ist, Werke zu schaffen, in welchen Radierung, Xylographie, Hochätzung, Farben- und Lichtdruck in glücklichster Weise zusammenwirken und öfters nahe an die Vollkommenheit reichen, so haben die beiden erwähnten Anstalten durch die von ihnen ausgehenden Anregungen und Druckwerke den Vorwärts-Bestrebungen Wiens einen mächtigen Vorschub geleistet[256].