Hiermit war das wichtigste Problem der Illustration der Zukunft zwar Wirklichkeit geworden, jedoch noch nicht in zufriedenstellender Weise; denn die Platten besassen nicht Tiefe genug, um mit Leichtigkeit in der Buchdruckerpresse behandelt zu werden. In Berücksichtigung der hohen Bedeutung, welche die Erfindung möglicherweise würde erreichen können, erhielt Pretzsch eine Staatsunterstützung, um seine Versuche weiterzuführen, und noch wenige Stunden vor seinem Tode war er mit diesen beschäftigt.

In der Zeit der Blüte der Schwarzlithographie erreichte Kriehuber im Porträtfache eine bis dahin unbekannte Meisterschaft. Die Chromolithographie fand einen günstigen Boden, der zuerst von der K. K. Staatsdruckerei bebaut wurde. Das erste Werk von Bedeutung waren die Aquarellbilder nach niederösterreichischen Bauwerken von Conr. Grefe, welcher Künstler überhaupt besondere Verdienste um den Buntdruck hat. Ed. Hölzel lieferte namentlich viele gute Landschaftsbilder; sein bestes Blatt und eines der besten der Öldruckbilder überhaupt dürfte „Die beiden Brüder“, nach v. Defregger sein. Seine instruktiven, geographischen und naturwissenschaftlichen Blätter und die architektonischen Bilder nach J. Langl, in Sepiamanier gedruckt, sind höchst wertvolle Erscheinungen. Reifenstein und Rösch (jetzt G. Reifenstein), Haupt & Czeiger, A. Hartinger & Sohn, Fr. Paterno lieferten gutes, die ersteren beiden Firmen im figürlichen, die beiden letzteren im naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Unterrichtsfache.

Ed. Sieger * 12. Dezbr. 1810. † 21. Jan. 1876.

Im lithographischen Accidenzfache zeichnete sich Ed. Sieger aus. Seine Riesenplakate wurden angestaunt und seine Erfindung des Ivoirit, einer täuschenden Imitation des Elfenbeins, brachte, in Bücherbänden oder in Ebenholz-Kassetten und Möbeln eingelegt, eine frappante Wirkung hervor.

Die Zinkhochätzung fand tüchtige Vertreter, unter welchen C. Angerer & Göschl ihr Verfahren zur ganz besonderen Vollkommenheit brachten. Auch C. Haack erwarb sich einen Namen, Moritz und Max Jaffé traten mit der Jaffétypie auf. Die Kupferstecherkunst, welche sehr zurückgegangen war und wesentlich nur in den Prämienblättern und den Nieten der Kunstlotterien fortvegetierte, trat durch die Ernennung Louis Jacobys (jetzt in Berlin) zum Professor dieser Kunst in ein neues Stadium des Fortschrittes. Die Radierung kam besonders durch W. Unger zu Ehren. Die Photographie, namentlich die Porträtphotographie, wurde mit viel Glück in Wien geübt.

In der Verwendung aller graphischen Kunstzweige, namentlich der in der Photographie wurzelnden, ist das Militär-geographische Institut berühmt geworden. Es entstand 1839 durch Vereinigung der topographisch-lithographischen Anstalt des K. K. Generalstabes in Wien mit dem zu Mailand bestandenen Deposito della Guerra. Die Anstalt kultiviert die Kartographie in ausgedehntester Weise unter Verwendung aller neueren Verfahren. Unternehmungen wie die Karte der Umgebungen Wiens in 48 Blättern; die Spezialkarte der Österreich-Ungarischen Monarchie in 720 Blättern, die Generalkarte von Zentral-Europa in 192 Blättern, und viele andere gehören zu den Meisterwerken der Kartographie.

Die Buchbinderkunst steht in Wien schon seit langer Zeit im Ansehen, wird jedoch noch mehr in den sogenannten Galanterie-Arbeiten als in der eigentlichen Buchbindung geübt. Vortrefflich sind in letzterer Richtung die Mosaikbände mit wirklichen Ledereinlagen, nicht nach französischer Art mit nur aufgelegtem dünn geschabten Leder. Namen wie A. Klein, Leop. Groner, Conr. Berg u. a. haben den besten Klang.

Unter solchen Verhältnissen wie den obengeschilderten konnte Wien, wo die Zustände im Jahre 1840 den Gedanken an ein fröhliches Gutenbergfest, wie das in Leipzig, nicht aufkommen liessen, sich mit Befriedigung zur Begehung des vierhundertjährigen Festes der Einführung der Kunst in Wien (I, S. 49) rüsten. Schon Jahre vorher waren die Vorbereitungen getroffen, namentlich für die Herausgabe einer bedeutenden Festschrift, einer Geschichte der Kunst in Wien seit vier Jahrhunderten, welche zugleich Proben der Leistungsfähigkeit der graphischen Anstalten vorführen sollte[257]. Das Fest fand am 24.–25. Juni 1882 statt und wurde durch einen Aktus, verbunden mit einer durch v. Eitelberger arrangierten historischen Ausstellung, eröffnet. Die eigentliche Festrede hielt der österreichische Generalkonsul in Leipzig, Karl v. Scherzer, wie bereits erwähnt ein früherer Gutenbergsjünger. Ein allgemeines Fest fand am 25. Juni in Hietzing in der „Neuen Welt“ statt, wo gegen 14000 Festgenossen sich versammelt hatten und wo Karl Höger als Festredner auftrat.


Ungarn. Buda-Pest.