Die von Tilgmann aus Helsingfors erfundene Tiegeldruck-„Endlose“ Mia hat wohl nicht den in Deutschland gehegten Erwartungen ganz entsprochen[266].

RUSSLAND UND POLEN.

Langsame Entwickelung der Typographie.

Dass die Typographie in Russland und Polen nicht in der Weise blühen konnte, wie in Ländern, wo die politische Freiheit eine frische litterarische Bewegung und eine lebhafte Wechselwirkung mit den bedeutendsten Kulturvölkern hervorrief, ist selbstverständlich. Hierzu kommt noch als erschwerendes Moment die grosse räumliche Ausdehnung des Reiches. Wie (S. [257]) bereits erwähnt wurde, erhielt Russland nicht nur sein typographisches Material aus Deutschland, sondern auch die Ausüber der Buchdruckerkunst sowohl als des Buchhandels waren grösstenteils Deutsche. Diese haben erst Ordnung und System in das graphische Geschäft gebracht. Der national-russische Buchhandel war noch 1840 in einem desolaten Zustande. Smirdin in St. Petersburg und Simin in Moskau gehörten zu den wenigen, welche das Geschäft kaufmännisch regelrecht betrieben.

Die Buchdruckereien verbreiteten sich langsam; 1874 war die Zahl derselben in St. Petersburg 107, die der lithographischen Anstalten 105, der Schriftgiessereien 11, der Buchhandlungen mit offenem Laden 77. Den Bemühungen eines Deutschen, R. Schneider, ist die Errichtung einer typographischen Lehrlingsschule zu verdanken. Derselbe gab auch 1867–1869 ein typographisches Journal in russischer und deutscher, später nur in russischer Sprache heraus, das auf Ed. Hoppe überging. Schneider verliess 1882 Russland und ging nach der Schweiz.

Die Staatsdruckerei.

Eine eben so eigentümliche wie vortreffliche Anstalt ist die kaiserliche Staatsdruckerei oder, wie die offizielle Bezeichnung lautet: „die Kaiserlich Russische Expedition zur Anfertigung der Staatspapiere“, ein Institut, das jedes, selbst das in den graphischen Künsten am weitesten fortgeschrittene Land mit Stolz das seinige nennen würde. Durch ihre wahrhaft eminenten Leistungen in photographischen Hoch- und Tiefdruckplatten, durch die geistreiche Kombination von Heliographie und Galvanoplastik und durch die vielfachen wichtigen Anwendungen der verschiedenen graphischen Künste zur Herstellung von Staats- und Wertpapieren hat sie tief eingreifende Erfolge erzielt. Die Fabrikation von Papier mit Wasserzeichen in unvergleichlicher Klarheit und Zartheit, sowie von geschöpftem Handpapier mit allen den Eigenschaften, die man von einem für Wertzeichen bestimmten Papier verlangt, wird in grossartigem Maassstabe betrieben. Die Festigkeit ist namentlich dem vorzüglichen russischen Hanf zuzuschreiben. Die Kontrolle beginnt mit der Feststellung des Gewichts des abgelieferten Papiers und lässt sich für jeden Bogen auf seiner Wanderung durch die Anstalt verfolgen. Die Fabrik arbeitet mit sechs grossen Maschinen und vierzehn Bütten[267].

Stempel und Matrizen, Clichés in Kupfer und namentlich in Eisen, eine Spezialität der Anstalt, die gerade für die Herstellung des farbigen Druckes in grossen Auflagen sowohl der Dauerhaftigkeit, als der Unangreifbarkeit durch Farben wegen von wesentlich praktischem Werte sind, werden in vorzüglichster Qualität geliefert. Buch- und Holzschnittdruck, Kupferdruck, Lithographie, Autographie, Chromographie, Photogalvanographie, Heliographie, Elektrotransformatypie, ein Verfahren zur Herstellung einer Platte mit Bildstellung beliebig nach rechts und links, kurz, jeder nennbare graphische Prozess wird dort zur Vollkommenheit gebracht. Ebenfalls vorzüglich sind die durch Georg v. Scamoni photographisch erzielten mikroskopischen Schriften. Derselbe, aus Würzburg gebürtig, hat einen grossen Anteil an den Erfolgen der Anstalt in allen heliographischen Verfahrungsweisen[268].

Die Anstalt wurde 1818 unter Leitung von Theod. Schneider aus Mannheim gegründet und besteht seit 1866 als selbständiges Geschäft, das seine Überschüsse an die Staatskasse abliefert. Der Chef ist seit 1861 der Staatsrath Theod. von Winberg. Bereits im Jahre 1873 hatte die Anstalt 17 Dampfmaschinen mit 362 Pferdekraft zur Disposition. Die Druckerei arbeitete mit 58 Schnellpressen, darunter 35 aus der Fabrik von König & Bauer, 60 Handpressen, eine ausserordentliche Zahl von Hülfsmaschinen und beschäftigte im Hause 1400–1800, ausser dem Hause 300–1200 Arbeiter.

Eine eigentümliche Einrichtung ist die Beteiligung des ganzen Personals bis zum jüngsten Arbeiter herunter an dem Gewinn der Anstalt, der ein bedeutender, zwischen 3–400000 Rubel jährlich, sein soll. Die eine Hälfte derselben fliesst in die Staatskasse, die andere wird unter das Personal in der Weise verteilt, dass jeder Arbeiter mindestens einen Monatslohn als Anteil empfängt.