NACHDEM Amerika seine Unabhängigkeit erkämpft hatte, stieg die Macht seiner Presse in rapider Weise. Es war natürlich, dass von einem Zustand gemütreicher litterarischer Beschaulichkeit noch keine Rede sein konnte und dass sich die geistigen Kräfte der Besten des Volkes fast ausschliesslich dem praktischen und dem politischen Leben zuwenden mussten. Die litterarischen Bedürfnisse liessen sich leicht und billig durch den Nachdruck der geistigen Erzeugnisse des Mutterlandes befriedigen und der Nachdruck war ja nicht verboten, also eine ehrliche, ja lobenswerte Sache.

Die Zeitungen.

Vor allem hatte man Zeitungen nötig; auf diese konzentrierten sich deshalb die Gedanken und Pläne der Verleger, der Buchdrucker, der Schriftgiesser und der Maschinenbauer und bald zeigte sich ein an das Wunderbare grenzender Aufschwung dieses Zweiges des Buchgewerbes.

Im Jahre 1776 hatte New-York nur 4 Zeitungen, Massachusetts 7, Pennsylvanien gar keine aufzuweisen. Zur Zeit der Centennial-Feier und der Weltausstellung zu Philadelphia im Jahre 1876 erschienen in New-York 1088, in Massachusetts 346, in Pennsylvanien 738 Zeitschriften. Heute beträgt die Gesamtzahl der periodischen Schriften Nordamerikas 11418, darunter täglich erscheinende Blätter 982, Wochenblätter 8725. Von der Gesamtzahl liefert New-York 1412, Illinois 1032, Missouri 531. Illustrierte Blätter giebt es 512, Zeitschriften religiösen Inhalts 572. In englischer Sprache wurden 10619 Blätter gedruckt, 605 in deutscher, 35 in französischer, 37 in schwedischer und dänischer Sprache. Beschäftigung finden bei der Herstellung 72000 Menschen mit einem Lohnaufwande von 115 Millionen Mark. Der Brutto-Ertrag wird auf 370 Millionen Mark geschätzt. Die tägliche Zirkulation der Tagesblätter ist auf 3637000 Nummern — dieselbe ungefähr, die England mit seinen 135 Blättern erzielt — berechnet, die einmalige der Wochenblätter auf 19450000, die Gesamtsumme aller Zeitungen und Zeitschriften jährlich auf 2077650675 Nummern[73].

Es hat sich jemand die Mühe gegeben, auszurechnen, dass mit einem Gürtel an einander gereihter Bogen eines Jahrganges der amerikanischen Zeitungen die Erde sich 47mal umwickeln lasse und dass der Papierstreifen fünf Meilen länger sein würde, als die Entfernung der Erde von dem Monde. Ein anderer giebt an, dass zu einer Nummer sämtlicher Zeitschriften Nordamerikas 5000000 Pfund Schriften oder etwa 3 Milliarden Typen gehören. Kontrolliert haben wir die Rechnungen nicht.

Befinden sich unter den Zeitungen auch manche unbedeutende, die nur dazu dienen, die Zahl auszufüllen, so begegnen uns andererseits viele riesenhafte Unternehmungen, mit denen in Europa ausser den Times nur noch einige wenige sich messen können. Das New-Yorker Zeitungsviertel umschliesst die Prachtgebäude der Journale: New-Yorker Staatszeitung, Daily News, Star, Sun, Tribune, Times, Observer, World, Evening Mail, Evening Telegraph, Herald, dazu den grossartigen Bau des Zentral-Telegraphenamtes, die kolossalen Offizinen von Harper Brothers u. a. Mit diesem bibliopolisch-typographischen Viertel kann sich selbst Fleet-Street, Paternoster-Row und Umgebung in London nicht messen.

Der Herald.

Das grossartigste Zeitungs-Institut ist wohl das des New-York Herald. Die Herausgeber haben sich die Mühe gegeben, eine Nummer des Herald mit der korrespondierenden Nummer der englischen Times zusammenzustellen. Jede enthält 120 Spalten; unter diesen hatte der Herald 80 Inseratenspalten mit 3061 Anzeigen, Times 73 Spalten mit 1846 Annoncen. Dem Stoff nach enthält die Herald-Nummer auf 31350 Zeilen mit etwa 2800000 Typenstücken den ungefähren Stoff von fünf gewöhnlichen Romanbänden. Die Ausgaben für einzelne Telegramme sind enorm und waren es früher noch mehr, als zehn Wörter 400 Mark kosteten. Während des englisch-abessinischen Krieges musste die englische Regierung ihre Nachrichten aus dem Privatbureau des Herald holen, denn dieser empfing seine Telegramme so zeitig, dass die englischen Blätter die aus New-York zurücktelegraphierten Nachrichten als ihre neuesten Nachrichten bringen mussten. Zur Zeit des deutsch-französischen Krieges hatte die Tribune den Herald überholt. Erstere brachte mit einem Kostenaufwand von 3000 Dollars das erste, spaltenlange Telegramm über den Kampf bei Gravelotte, das schon Tage lang in New-York gelesen war, als man in Berlin sich noch immer mit dem bekannten kurzen Telegramm aus dem Hauptquartier begnügen musste. Das machte die Tribune während des Krieges sehr populär. Als Trumpf hiergegen spielte nun der Herald die sehr kostspielige afrikanische Expedition Stanleys zum Aufsuchen Livingstones aus.