Um den Druck FÜR Blinde machte sich Valentin Haye zuerst verdient. Zu seinen Versuchen wurde er durch den Verkehr mit einer blinden deutschen Dame, Fräulein von Paradies, veranlasst. Er liess hoch geschnittene scharfe Typen anfertigen, die in die Rückseite eines starken Papiers eingeprägt wurden, so dass für die Finger bemerkbare Erhabenheiten auf der Vorderseite entstanden. Mit verschiedenen Modifikationen fand das Verfahren fast in allen anderen Ländern Eingang[90].
Den Versuchen, den Holzschnitt durch andere Illustrationsverfahren zu verdrängen, wurde namentlich in Frankreich Vorschub geleistet. A. Dembour in Metz (1814) stellte durch Ätzung Platten in Kupfer für die Buchdruckerpresse her. Die Zeichnung wurde mittels Pinsels oder Feder auf Metall gemacht und die nicht bezeichneten Stellen weggeätzt. Dem ähnlich ist die Acrographie.
Zinkhochätzung.
Grosse Bedeutung hat die Zinkhochätzung. Dieses Verfahren ist in Frankreich ein sehr beliebtes geworden, weil ganz besonders für die leichten Skizzen geeignet, mit welcher die vielen Witz-, leider auch vielen Schmutzblätter illustriert werden, zu welchen früher die lithographischen Kreide- und Federzeichnungen verwendet wurden. Doch auch in der ernsten Zeitungspresse fand die Methode Eingang, und es werden oft Blätter geliefert, die nichts zu wünschen übrig lassen. Eine grosse Virtuosität entwickelte namentlich Firmin Gillot, der 1850 Patent auf sein Verfahren nahm, welches er Paniconographie, die Franzosen jedoch, welche Gillot als Erfinder der Hochätzung betrachteten, Gillotage nannten. Eine mehr der Chemitypie sich nähernde Methode ist die von Dulos. Er macht die Zeichnung mit lithographischer Kreide auf eine Kupferplatte und lässt diese mit einem schwachen Silberniederschlag überziehen, der nur auf den nicht bezeichneten Stellen haftet. Hierauf wird ein mit Quecksilber vermischtes, leichtflüssiges Metall heiss auf die Platte gegossen. Das Metall verbindet sich fest mit den versilberten Teilen der Platte, während die Zeichnung nun so vertieft liegt, dass man sie als Mater für ein galvanisches Hochdruck-Cliché benutzen kann. Ein drittes, sehr rasches Verfahren ist das von Comte, welches besonders für die Abbildungen in l'Art pour tous verwendet wird. Lehmann & Lourdel und Yves & Barrot u. a. haben es darin weit gebracht.
Neue Holzschnittmethode.
Ein ganz eigentümliches Verfahren, um, wie der Erfinder glaubte, Holzschnitte billiger und besser herzustellen als bisher, wendeten Mame & Co. in Tours an.
Bekanntlich sind die Kreuzschraffierungen dem Holzschneider stets ein Dorn im Auge gewesen, denn das Umschneiden einer Linie an allen vier Seiten ist eine zeitraubende und Tüchtigkeit erfordernde, folglich teure Arbeit. Der Erfinder der neuen Methode, Gusman, lässt nun zwei Holzblöcke bezeichnen, auf dem einen alle von rechts nach links gehenden Linien, auf den andern die diese von links nach rechts kreuzenden. Werden diese Platten nach einander auf einem Bogen gedruckt, so zeigt der Abdruck die kompliziertesten Kreuzschraffierungen, die sich an Kühnheit mit denen des Kupferstiches messen können. So sagt die Theorie, die Praxis hat aber viel hineinzureden. Abgesehen davon, dass zwei Holzstöcke, zwei Zeichnungen, zwei Schnitte und doppelter Druck notwendig sind, die Ersparnisse also mehr als problematisch werden, so ist die Wirkung im voraus seitens des Zeichners kaum zu berechnen. Die beiden sich kreuzenden Linien vereinigen sich nämlich nicht wie in der Radierung, sondern die eine Lage liegt sichtbar „über“ der andern und bringt dadurch oft eine falsche Wirkung hervor[91]. So interessant diese Versuche sind, so verlautet doch von den praktischen Erfolgen nichts.
Das beginnende Fehlen des Buxbaumholzes hat zu vielen Versuchen geleitet, dieses zu ersetzen. 1876 nahm Bertin Badoureau ein Patent auf komprimierte Birnbaumplatten. Durch Kochen, Pressen, Gelatinieren wird das Holz unempfindlich für die Einwirkung von Temperatur und Witterung und fast auf die Hälfte des ursprünglichen Umfanges reduziert.
H. Marinoni * 1823.
Was der Name König & Bauer für Deutschland, ist derjenige Hippolyte Marinonis für Frankreich. Dieser ward in Paris geboren, arbeitete bei Gaveaux und baute später im Verein mit diesem seine ersten Maschinen. Die Pressen, mit welchen Marinoni seinen grössten Ruhm erwarb und mit denen er der Journalistik in Frankreich einen sehr bedeutenden Vorschub leistete, waren seine Maschinen à Réaction, in welchen — im Gegensatz zu den Maschinen à Retiration mit mehreren Cylindern — Druck und Widerdruck durch einen und denselben Cylinder geübt wird, indem ihm der das erste mal gedruckte Bogen über Rollen weg nochmals behufs des Widerdrucks zugeführt wird. Der Nachteil bei diesen die Schnelligkeit sehr fördernden Maschinen ist, dass auf dem Cylinder keine Zurichtung stattfinden kann. Während nun möglicherweise der Schöndruck aus einer kompressen Form besteht, bietet der Widerdruck vielleicht eine mit grossen Anzeige-Schriften oder dgl. gefüllte, die eine ganz andere Behandlung im Unterlegen verlangt. Da lässt sich nur durch primitive Unterlegung unter der Schriftform etwas nachhelfen; alles andere muss, wie bei den alten Holzpressen ehe man die Zurichtung im Deckel kannte, durch einen sehr starken, oft zu erneuernden Filzüberzug des Cylinders erzwungen werden. Hiervon rührt zumteil eine Ausführung der französischen Zeitungen her, welche sehr zu ihren Ungunsten nicht allein gegen die der englischen, sondern auch gegen die der deutschen Zeitungen absticht, obwohl letztere nicht gerade stolz auf ihr äusseres Gewand sein dürfen. Jedoch der Billigkeit und der Schnelligkeit wurde genügt; die französischen Abendblätter, welche erst nach Schluss der Börse, um vier Uhr, fertiggestellt werden konnten, wurden schon um fünf Uhr durch ganz Paris verkauft.