„Das will ich glauben,“ sagte die Erde. „Ihr Bettler seid an alles gewöhnt. Wir, die wir ein ordentliches Leben führen, haben natürlich zu leiden.“
Da lachten der Sand und das Mannstreu, das Stiefmütterchen, die Spinne, die Möwe und alle die anderen.
„Nun ist die Reihe an mir,“ erklärte der Sand.
„Mag sein,“ entgegnete die Erde. „Wenn auch alles, was mein ist, verdursten und verdorren soll, so möchte ich doch nicht in deiner Haut stecken, du armer Schlucker. Ich habe doch wenigstens gelebt!“
„Sehr lebendig sehen die hängenden Blätter nicht gerade aus,“ spottete der Sand. „Du bist jetzt beinahe ebenso trocken wie ich... und du fängst an, ganz grau zu werden.... Wer weiß, vielleicht erlebe ich es noch, dich ebenso arm zu sehen wie die, die du immer verhöhnst.“
„Du verstehst es nicht besser,“ sagte das Erdreich. „Du hast nicht genug Poesie, um es zu begreifen. Ich aber bin sogar in diesen trockenen Zeiten voll Melodien und voll der merkwürdigsten Märchen. Du hast gar keine Ahnung von all der Herrlichkeit und Schönheit, die aus mir quillt. In mir spielen sich große Dramen ab, erschütternde, entsetzliche Begebenheiten, die mir genug zu denken geben, während ich auf den Regen warte, wohingegen du beständig grau und gleichförmig und weiß und gelb und langweilig bist. Dein Sandhaargras würde noch einmal so starr zu Berge stehen, wenn ich es dir erzählte.“
„Erzähle!“ bat der Sand.
„Was könnte es nützen? Du verstehst es ja doch nicht. Ich könnte dir von allen den seltsamen Blumen erzählen, die in mir wachsen, da drüben in meiner Heimat. Könnte dir erzählen, wie listig sie es anfangen, Bienen und Fliegen anzulocken und ihnen ihren Staub mit auf den Weg zu geben bis zur nächsten Blüte. Ich könnte erzählen von dem Duft, der meine Wälder erfüllt... von meinen Feldern mit dem Getreide, das sich golden und schwer zu Boden neigt, und mit den blauen Kornblumen und dem roten Mohn dazwischen... von dem Aufspringen der Knospen und davon, wie im Lenz alles empordrängt zum Licht und wie alle ganz außer sich sind vor Freude: Menschen und Tiere, Blumen und Bäume. Erzählen könnte ich von den Ameisen... Hast du auch Ameisen?“
„Ein paar im Sandhaargras,“ flüsterte der Sand ganz verschämt.
„Ha! Aber ich habe sie zu Millionen, siehst du. Sie bauen gewaltige Hügel unter den Bäumen und rennen Tag und Nacht umher... Die Ameisen führen ein so merkwürdiges Leben! Aber das weiß ja jedes Kind, so daß ich gar nicht davon reden mag.“