„Sind Sie krank?“ fragte der Pfahl teilnehmend.

„Ich muß sterben,“ erwiderte die Grabwespe. „Und hör’ nun gut zu, was ich dir sage! Du bist ja ein guter alter Pfahl, der seinen Mitgeschöpfen kein Leid antun will. Ich habe in der ganzen Welt nur eine Feindin. Die dringt in mein Haus ein, wenn ich nicht da bin...“

„Halt!“ rief der Pfahl und zitterte vor Schreck, so daß die Hälfte seines Mooses auf die Erde hinabfiel und er auf der einen Seite einen großen Riß bekam.

Aber die Grabwespe ließ ihn nicht ausreden.

„Schweig still!“ sagte sie. „Ich hab nur noch einen winzigen Augenblick zu leben, und du mußt auf das hören, was ich dir erzähle. Die Goldwespe heißt mein Feind, und sie ist recht schön anzusehen — viel schöner als ich. Sie glänzt, als wäre sie aus Gold und Silber gemacht. Aber böse und träge ist sie. Sie selbst hat keine Lust, für ihre Jungen Nahrung zu suchen. Darum sucht sie sich das Loch, in das ich meine Eier gelegt habe, und legt die ihren daneben. Und dann fressen ihre Kinder all die Nahrung, die ich gesammelt habe, und mein Kind obendrein. — Du mußt mir versprechen, auf sie achtzugeben, wenn sie kommt. Und nun lebe wohl und vielen Dank für deine Freundlichkeit!“

Der alte Pfahl bekam noch einen Riß und konnte vor Schreck die Sprache nicht wiederfinden. In diesem Augenblick kam die Nachtigall und erwischte die Grabwespe. Die Sträucher schrien entsetzt auf, aber die Nachtigall entschuldigte sich aufs beste.

„Sie mußte ja sowieso sterben,“ meinte sie. „Sie war bereits tot. Aber ich gebe zu, es ärgert mich, daß ich den Schlingel von Goldwespe nicht erwischt habe.“

„I du mein Gott, i du mein Gott!“ jammerte der Pfahl. „Das war also die Goldwespe, die hier war. Und ich elender Pfahl habe sie hereingelassen! Dann ist das Unglück ja bereits geschehn... was soll ich nur anfangen, was soll ich nur anfangen!“

„Herr Gott!“ rief die Nachtigall, die noch an der Grabwespe schmatzte. Und „Herr Gott!“ sagten der Fliederstrauch, der Goldregen, der Jasmin und der Rotdorn, denn sie fanden alle, daß sie noch nie etwas so Fürchterliches erlebt hätten.

Der alte Pfahl war ganz gelähmt vor Kummer und neigte sich mehr und mehr. Mit jedem Tag bekam er einen neuen kleinen Riß, und es war leicht zu sehen, daß es zu Ende mit ihm ging. Die Sträucher und die Nachtigall sprachen freundlich auf ihn ein und trösteten ihn, so gut sie konnten; denn sie meinten alle, es sei ein so lieber alter Pfahl. Einer von ihnen erdachte sich einen Plan, wie man sich an der Goldwespe rächen könnte. Die Nachtigall wurde dazu auserkoren, aufzupassen, wenn die Jungen des Räubers aus dem Ei gekommen sein könnten; dann sollte sie sie mit dem Schnabel herausziehen und fressen.