Eines Abends setzte sich der Neuntöter ganz niedergeschlagen neben sein Weibchen, das auf dem Neste saß, um die Jungen warm zu halten.

„Es ist nicht leicht, eine so große Familie durchzubringen,“ sagte er. „Dabei will man ja ordentlich aussehen und hat doch niemals Zeit, sich zu putzen; und ich glaube, es ist schon eine Ewigkeit her, seit ich mal einen kleinen Triller angeschlagen habe. Die Zeiten werden auch immer schlechter. Schmetterlinge sind fast gar nicht mehr aufzutreiben; und heute morgen haben mir die Buchfinken zweimal eine wunderschöne Larve dicht vorm Schnabel weggeschnappt. Du wirst mir noch beim Jagen helfen müssen! Ein armer Vogel wie ich kann es sich nicht erlauben, seine Frau zum Staatmachen zu Hause zu lassen.“

„Für die Kinder sorgen, nennst du das Staatmachen?“ rief da das Neuntöterweibchen heftig. „Übrigens brauchst du dich durchaus nicht so aufzuregen. Jetzt haben alle vier schon Federchen, da können sie bei dieser Wärme ganz gut allein liegen. Von morgen an werd’ ich dir helfen.“

Nun flogen beide Neuntöter miteinander im Walde umher und plagten sich redlich, um Futter für die Familie herbeizuschaffen. Soviel sie aber auch nach Hause brachten, die Jungen ließen nicht ab, die Schnäbel aufzusperren, zu schreien und einander beiseitezustoßen, um selber das größte Stück zu erwischen.

Als die Eltern eines Mittags heimkehrten, die Schnäbel voller Futter, herrschte ein entsetzlicher Lärm im Neste. Die Jungen reckten die Hälse, wie sie es noch nie getan hatten, und schrien wild durcheinander.

„Einer soll reden; sonst versteht man keine Silbe,“ befahl Frau Neuntöter. „Was ist also geschehen?“

Schließlich erfuhr sie dann also, daß das große Junge eins von den kleinen aus dem Nest gestoßen hatte. Eine Weile hatte das Vögelchen unten im Grase gelegen und kläglich gepiepst, bis der Fuchs gekommen war und das arme Wesen aufgefressen hatte.

„Er hat zuerst gestoßen,“ behauptete das große Junge. „Ich bin nicht schuld daran, daß er hinausgefallen ist.“

„Ich will dich lehren,“ rief da der Neuntöter zornig und wollte auf das Junge losfahren.

Aber seine Frau hackte ihn in den Nacken und schalt ihn ernstlich aus.