Und es war nicht mehr im Walde, in den warmen Ländern, wo die Sonne stärker scheint, der Regen dichter fällt, und alle Tiere und Pflanzen besser gedeihen, weil der Winter ihnen nichts anhaben kann.

Es war in einem großen Dorfe in Jütland.

Und da es gerade Markt war, so war das Dorf voll Menschen und Vieh. Überall waren Buden aufgeschlagen, in denen Holzschuhe, Blechgeschirr, Kuchen, Spielzeug und allerlei Kram feilgeboten wurde. Da waren Zelte, in denen Bier und andere Getränke zu haben waren, und unter anderen auch ein großes Tanzzelt. Ferner waren da: Theatrum mundi, zwei Karussells, eine Bude, in der die dickste Dame der Welt gezeigt wurde, und eine andere, wo man für fünfundzwanzig Pfennige einen winzigen Zwerg zu sehen bekam. Und außerdem gab es eine Bude mit weißen Mäusen sowie ein Flohtheater. Und viele Leierkästen, die ihre Melodien in wirrem Durcheinander ertönen ließen, so daß man kein Wort verstehen konnte, betrunkene Bauern und Jungen, die allerlei Narrenspossen trieben.

Aber mitten auf dem Marktplatz war das Allermerkwürdigste in einem großen Zelte verwahrt. Auch das konnte man für fünfundzwanzig Pfennige zu sehen bekommen; und wollte man wissen, was es war, so brauchte man nur dem Manne zuzuhören, der vor der Bude stand und mit heiserer Stimme rief:

„Bitte sehr, meine Herrschaften! Nur fünfundzwanzig Pfennige für Erwachsene, und für Kinder die Hälfte. Hier sehen Sie etwas, was hier am Platze noch nie gezeigt, im übrigen aber vorgeführt worden ist vor den Königen und hohen Herrschaften der ganzen Welt. Es ist selbst ein König, den ich die Ehre habe Ihnen zu zeigen — der König der Tiere, meine Herrschaften, der fürchterliche Löwe. Er lebt im Innern von Afrika und ist so stark, daß er mit einem Schlage seiner Vorderpfote einen Ochsen zu töten vermag. Er verzehrt täglich zwei Lämmer zum Frühstück. Wenn er aus dem Käfig entkäme, so würde er Sie alle binnen weniger als zehn Minuten ins Jenseits befördern. Aber Sie brauchen keine Angst zu haben, meine Herrschaften. Der Löwe ist in einem Käfig hinter dicken Eisenstangen eingesperrt. Dieses blutdürstige Raubtier ist hier zu sehen — fünfundzwanzig Pfennige für Erwachsene, und für Kinder die Hälfte! Bitte schön, meine Herrschaften! Eilen Sie, eh’ es zu spät ist. Nie in Ihrem Leben werden Sie etwas Ähnliches zu einem so billigen Preise zu sehen bekommen.“

So rief der Mann in einem fort. Vor dem Zelte hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die gaffend dastand. Viele gingen auch in das Zelt hinein. Und wenn sie wieder herauskamen, erzählten sie den Umstehenden von dem, was sie gesehen. Und immer mehr gingen hinein — den ganzen Tag lang.

Im Hintergrunde des Zeltes stand der Löwenkäfig.

Er war niedrig und schmutzig. Auf dem Boden lag ein wenig unsauberes Stroh neben ein paar Fleischknochen. Die dem Publikum zugekehrte Wand bestand aus dicken, rostigen Eisenstangen. In einer Ecke ganz hinten lag der Löwe, den Kopf auf den Vorderpfoten. Schläfrig starrten seine gelben Augen auf die Leute. In seiner wirren Mähne war Stroh; und er war so mager, daß es grauenhaft anzusehen war. Von Zeit zu Zeit hustete er hohl und garstig.

Vor dem Käfig stand der Ausrufer mit einem langen Stock in der Hand und erzählte und erklärte. Die Marktbesucher betrachteten mit großen Augen das gewaltige Tier, das da so ruhig vor ihnen lag. So krank und matt er war — sie sahen doch, daß es wirklich der Löwe war, der König der Tiere. Und es lief ihnen kalt den Rücken hinab bei dem Gedanken, daß der gefangene Löwe ausbrechen könnte. Als er sich aber ganz und gar nicht rührte, sagte schließlich einer: