„Ich glaube, er ist tot.“

Da steckte der Mann, der die Erklärungen gab, seinen langen Stock durch die Gitterstäbe und stieß den Löwen in die Seite. Der drehte langsam den Kopf nach ihm um und sah den Mann an, ohne sich im übrigen zu rühren. Der Mann stieß ihn aber wieder und wieder an, bis er schließlich aufsprang und ein so lautes Gebrüll ausstieß, daß das ganze Zelt bebte und die Leute erschrocken auseinanderstoben.

„Seinen frühern Herrn hat er aufgefressen,“ erzählte der Mann. „Ich habe ihn von der Witwe gekauft. Er ist furchtbar wild und ungebärdig. Wissen Sie... er träumt von seiner Heimat, wo er in den wilden Wäldern gejagt hat, und wo er von allen Tieren geehrt und gefürchtet wurde. — Aber jetzt müssen Sie hinausgehen, damit auch andere diesen merkwürdigen Anblick haben können, der den Leuten hier am Orte noch nie geboten worden ist. Bitte schön, meine Herrschaften! Nur fünfundzwanzig Pfennige! Der König des Waldes, der gewaltige Löwe!“

So ging es weiter bis zum späten Abend. Erst als der Marktplatz sich zu leeren begann, und niemand mehr auf sein Ausrufen achtete, schloß der Mann die Zelttüre und zählte das Geld, das der Tag ihm eingebracht hatte.

„Es ist ein schlechter Tag gewesen,“ sagte er und sah ärgerlich auf den Löwen. „Du hast im Grunde dein Abendessen durchaus nicht verdient.“

Mit diesen Worten warf er dem Löwen ein kleines, halbverfaultes Stück Fleisch hin. Dann verließ er das Zelt, schloß die Tür sorgfältig ab und ging in die Gastwirtschaft, wo er wohnte. Dort zechte er bis zum hellen Morgen.

Der Löwe aber rührte das verfaulte Fleisch nicht an. Den Kopf auf den Vorderpfoten, lag er da und schaute auf die Tranlampe, die in dem Zelte hing und einen ganz schwachen Lichtschimmer verbreitete. Da hörte er plötzlich einen Laut, hob den Kopf und blickte sich um.

„Soll ich nun nicht einmal in der Nacht Ruhe haben?“ rief er.

„Ich bin es bloß,“ erwiderte eine leise, pfeifende Stimme. „Ich bin aus Versehen hier mit eingeschlossen worden. Ich will hinaus! Ich will hinaus! Meine Herrin stirbt vor Angst um mich.“