Es war ein ganz kleiner Hund mit einem Schellenhalsband und einer gestickten Decke über dem Rücken. Er trippelte und trippelte, pfiff, heulte und kratzte an der Tür, aber niemand hörte ihn. Auf dem Marktplatz draußen war alles still.
„Herrgott!“ rief der Löwe. „Du bist ja der Hund! So viel kann ich sehen. Was für ein Gespenst haben die Menschen aus dir gemacht!“
„Ich will hinaus! Ich will hinaus!“ pfiff der Hund.
Der Löwe hatte den Kopf wieder auf die Vorderpfoten gelegt und betrachtete den Hund.
„Was pfeifst du denn so?“ sagte er. „Es tut dir ja niemand etwas zuleide. Ich könnte dich doch nicht auffressen, selbst wenn ich Lust hätte. Die Eisenstangen sind stark, mußt du wissen. Anfangs hab’ ich daran gerüttelt, aber jetzt tu ich’s nicht mehr. Im Käfig muß ich von Ort zu Ort reisen und mich für Geld sehen lassen, muß mich in den Hohn und die Neckereien der Leute finden, muß ihnen auf Kommando etwas vorbrüllen, damit sie erschaudern, während sie wissen, daß sie in Sicherheit vor meinen Zähnen sind.“
„Laß mich hinaus!“ bat der Hund.
„Ich kann nicht,“ erwiderte der Löwe. „Aber ich bin doch nicht so erbärmlich wie du. Ich bin wenigstens gegen meinen Willen hier — bin in einer Falle gefangen worden. Doch du bist freiwillig in den Dienst des Zweifüßlers gegangen und hast deine Kameraden verraten.“
„Ich weiß nicht, worauf du anspielst,“ sagte der Hund. „Ich weiß von keinem Zweifüßler. Ich diene bei den Menschen. Meine Herrin ist eine vornehme Baronin, und sie stirbt vor Angst, wenn sie mich nicht bald wiederbekommt.“
„Gewiß! Menschen nennt es sich — das verfluchte Geschlecht des Zweifüßlers. Die ganze Erde hat es unterjocht. Es gibt fast keine Stelle mehr, wo ein ehrlicher Löwe seine königliche Jagd ausüben könnte. Ich kenne die ganze Geschichte... sie hat sich in meiner Familie vom Vater auf den Sohn vererbt. Da draußen in der Wüste, wohin wir von den Menschen vertrieben worden sind, hab’ ich alles an dem letzten Abend, bevor ich gefangen genommen wurde, mitangehört. Wie der Zweifüßler und seine Frau nackt und ohne Waffen in den Wald kamen. Wie mein Stammvater sie beschützte. Und wie sie dann nach und nach alle Tiere überlisteten. Nur du gingst freiwillig in ihren Dienst. Die andern wurden eingefangen und gezähmt, und ihre Sinne stumpften in der Gefangenschaft ab, bis sie nicht mehr wie freie Tiere leben konnten, sondern sich in der Sklaverei wohlbefanden. Schließlich tötete der Zweifüßler meinen Stammvater mit seinem Speer. ... Ja ja, ich kenne die schändliche Geschichte von A bis Z.“