Außerdem stand in der Stube noch eine Kommode, in der die Wäsche des Jungen lag, und darauf stand ein Regal mit seinen Büchern. An der Wand hing ein Bild, das den Vater und die Mutter darstellte; und die Mutter hatte ihn selber auf dem Schoße. Sie sagte oft, damals, als kleines Kind, sei er viel artiger gewesen als jetzt; und das war sehr wahrscheinlich; denn für einen kleinen Jungen ist es viel leichter, lieb und gut zu sein, als für einen großen.

Dann war auch noch ein Flitzbogen da, der entzwei war, und eine Trompete, der nichts fehlte, auf der unser Junge aber nie blasen durfte, weil sie zu viel Lärm machte. Auch eine alte Lampe und ein Bauer mit einem Kanarienvogel waren vorhanden.

Der Vogel stand drüben im Fenster, und vor dem Fenster war ein Hintergebäude mit hohen, häßlichen, grauen Mauern. Der Junge dachte oft, daß es unrecht sei, den Vogel gefangen zu halten; aber wenn er ihn freiließ, so würden ihn die Vögel ja doch gleich tothacken. Wollte er ihm wirklich etwas Gutes erweisen, so mußte er mit ihm bis zu den Kanarischen Inseln reisen. Aber dazu hatte er kein Geld; denn er bekam wöchentlich nur zehn Pfennige Taschengeld, und davon sollte er sich noch Griffel und Bleistifte kaufen. Freilich bekam er zwei Pfennige für jedes „Sehr gut“ in seinen Zensuren, aber das fiel ihm selten genug in den Schoß. Wie ich schon gesagt habe: es war ein ganz alltäglicher Junge.

Unser Junge lag in seinem eisernen Bett und war krank. Seit vielen Tagen war er nicht in der Schule gewesen, und es war vorläufig auch keine Aussicht vorhanden, daß er hingehen würde. Das sah man daran, daß seine Kleider nicht in der Stube waren. Man merkte es auch seinem hagern Gesicht an. Er hatte fast immer ebenso dicke Backen gehabt wie die gesündesten seiner Kameraden, aber jetzt waren die Backen beinahe ganz verschwunden. Seine Hände, die oben auf der Decke lagen, waren so dünn und bleich und rein wie nie zuvor.

Es war auch wirklich kein Wunder, daß der Junge so dünn war. Er bekam nichts andres zu essen als die Milch, die neben seinem Bette stand, und außerdem eine scheußliche grüne Medizin, die er beinahe nicht herunterkriegen konnte. Von der Medizin erhielt er alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll, und von der Milch durfte er so viel trinken, wie er wollte. Aber er hatte fast nie Lust dazu; und damit waren der Doktor und seine Mutter sehr unzufrieden.

Jetzt kam seine Mutter in die Stube. Sie brachte in einem Blumentopf eine große, prachtvoll leuchtende rote Pelargonie. Die setzte sie so auf den Tisch, daß der Knabe die Blume sehen konnte.

„Ist sie nicht schön?“ fragte sie. „Die habe ich auf dem Markt gekauft. Sie soll dir gehören und dir erzählen, daß es jetzt bald Frühling wird. Dann springen alle Knospen auf, und alle kleinen Jungen werden gesund. Ist sie nicht herrlich?“

„Gewiß,“ antwortete der Junge.

„Es war die schönste, die da war,“ sagte die Mutter. „Und die größte. Willst du sonst noch etwas haben?“