Und alle Zweige starrten gerade empor, und der ganze Baum wächst aufrecht und stolz.

Das strengt an. Aber es ist vornehm. Und es lohnt sich. Denn hat man je einen schmuckeren Baum gesehen, als so eine richtige, echte Pappel, die aufrecht dasteht wie ein Zinnsoldat und hoch ist wie ein Kirchturm?

Und wenn die Pappeln so längs des Weges stehen, in langer Reihe auf beiden Seiten, bekommt man beim Hindurchwandern durch die Allee ganz ehrfürchtige Gedanken und ist nicht im geringsten erstaunt, wenn es sich herausstellt, daß die Allee zu einem hübschen Schlosse führt.

Die Zwergweide und die Pappel gehören zu derselben Familie. Die eine ist die einfachste der einfachen Linie, die andre die vornehmste der vornehmen Linie. Zwischen ihnen gibt es noch viele andre Weiden. Es gibt Weiden, deren Blätter auf der einen Seite wie Silber sind, und Weiden, deren Blätter wehmütig im lauen Sommerwinde zittern, so daß die Dichter sie in Versen besingen. Und es gibt Weiden, deren Zweige so traurig zur Erde hinabhängen, daß die Menschen sie auf ihre Gräber pflanzen, und Weiden, deren Zweige so zäh und geschmeidig sind, daß die Menschen sie verwenden, um Körbe daraus zu flechten. Es gibt auch solche, aus denen man sich Pfeifen schnitzen kann, — wenn man sich auf diese Kunst versteht. Und dann gibt es noch eine Menge Weidenarten, von denen sich gar nichts Besonderes erzählen läßt.

Der Weidenbaum in dieser Geschichte gehörte eben zu dieser Mittelsorte. Aber er hatte ein eigenartiges Schicksal, und darum wird die Geschichte hier erzählt.

Sein Schicksal nahm seinen Anfang damit, daß eine der stolzen Pappeln, die in der Allee des Herrenhofs standen, von einem fürchterlichen Sturme umgeweht wurde. Ganz unten an der Wurzel brach sie durch, der Stumpf wurde ausgegraben, und das Loch, das in der langen Reihe der Bäume entstand, sah recht häßlich aus. Sobald es Frühjahr wurde, kam der Förster deshalb mit einem Steckling und steckte ihn dort, wo die alte Pappel gestanden hatte, in die Erde, trat den Boden ringsherum fest und nickte dem Steckling zu.

„Nun spute dich und werde groß,“ sagte er. „Ich weiß, es liegt dir im Blute, und du brauchst bloß den Weg entlangzuschauen; da siehst du ein paar Musterexemplare, nach denen du dich richten kannst.“

Der Mann glaubte eine Pappel gepflanzt zu haben. Aber aus Versehen hatte er einen ganz gewöhnlichen Weidenzweig genommen; und als die Zeit verstrich und der Steckling heranwuchs, kam dies an den Tag.

„Was ist das für eine Mißgeburt?“ sagte der Förster. „Den ziehen wir wieder heraus.“